Urmila Chaudhary in Esslingen Die Sklavin aus der Ganges-Ebene

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Mit sechs Jahren wird die Nepalesin Urmila Chaudhary verkauft. Als junge Frau befreit sie sich aus der Leibeigenschaft und wird Botschafterin für Mädchen- und Frauenrechte. Am Sonntag bekommt sie dafür in Esslingen den Theodor-Haecker-Preis.

Der Dokumentarfilm  „Urmila“ beschreibt das Leben von Urmila Chaudhary und ihren Weg aus der Sklaverei heraus in ein selbstbestimmtes Leben. Foto: Verleih
Der Dokumentarfilm „Urmila“ beschreibt das Leben von Urmila Chaudhary und ihren Weg aus der Sklaverei heraus in ein selbstbestimmtes Leben. Foto: Verleih

Esslingen/Kathmandu - Sie haben ihr die Kindheit gestohlen. Die drei Männer mit Anzügen, die 1996 ins Dorf Manpur in Südnepal kamen, zum großen Neujahrsfest der Tharu, einem Volk, das den Norden der Ganges-Ebene besiedelt. An diesem Fest kommen die Familien zusammen, es gibt rituelle Bäder, und es wird gehandelt. Die Männer waren freundlich zu Urmila Chaudhary, fragten, wo der Bruder, wo die Mutter sei. Sie trugen Sonnenbrillen, in denen sich das ernste sechsjährige Mädchen spiegelte. Es war Tradition an diesem Festtag, Mädchen an reiche Familien zu verkaufen. Urmila war 4000 Rupien wert, etwa 40 Euro. Das Geld konnte die Familie gut brauchen, der Vater war krank und brauchte Medizin, die Familie war verschuldet.

So wurde sie eine Kamalari, „Mädchen, das hart arbeitet“, heißt dieser Begriff übersetzt. Bis zum Verbot im Jahr 2003 war es Tradition, dass arme Familien ihre Kinder an reiche Familien in Kathmandu verkauften. Es waren meist Mädchen, weil die Jungen sich eher wehrten oder davon liefen, wenn sie es nicht mehr aushielten. So wurde es zur Tradition, dass Mädchen als Kindersklaven verkauft wurden. Sie hungerten, wurden geschlagen und manchmal auch sexuell missbraucht.

Urmila Chaudhary hätte eine von vielen sein können, aber ihr stand ein besonderer Weg bevor, der sie letztlich nach Deutschland führte, um dort als internationale Botschafterin der Frauenrechte in Esslingen den Theodor-Haecker-Preis für politischen Mut entgegen zu nehmen.

Viele Mädchen im Dorf waren Kamalari gewesen. Sie kannten den Schock, die Trennung, die Einsamkeit. Sie wussten, was es hieß, herausgerissen zu werden von einem mittelalterlichen Lebensstil auf dem Land in das Chaos einer asiatischen Metropole. Dennoch wog das Geld schwerer.

Ihr Bruder nimmt den Händlern das Versprechen ab, dass Urmila in die Schule gehen darf. Am Nachmittag brechen sie auf, sie gehen in die nächste Stadt, fahren zur Provinzhauptstadt Ghorahi und weiter nach Kathmandu zu ihren Sklavenhaltern. Oft weint sich das kleine Mädchen in den Schlaf, allein, getrennt von der Familie. Sie muss die Kinder versorgen, sie muss die ganze Hausarbeit machen, zu essen gibt es die Reste der Mahlzeiten. Sie arbeitet von 5 Uhr morgens bis 11 Uhr nachts, jeden Tag. Eine Schule hat sie nie gesehen. Die Männer im Haus beschimpfen und schlagen sie. Nach vier Jahren bekommt sie einen Tag Urlaub, um nach Manpur zurückzukehren. Jetzt ist sie zehn Jahre alt.

„Nie kannst du etwas richtig machen“

Noch weitere vier Jahre dient sie im Haus der Familie. Sie denkt sich Geschichten aus, träumt sich zu ihren Geschwistern zurück, um all das zu vergessen. Die Schule ist unerreichbar. Dennoch urteilt Urmila Chaudhary heute milde über ihre Sklavenhalter. Vielleicht ist das System der Kasten, das die Gesellschaft in Nepal immer noch prägt, zu tief in sie eingebrannt. 2011 beschreibt eine Reporterin des Nachrichtenmagazins „der Spiegel“ eine Begegnung mit Urmila und ihrem Sklavenhalter. Sie wollte kommen, um Lohn zu fordern, für die acht Jahre Schufterei in ihrem Haushalt. Sie schaffte es nicht. Stattdessen servierte sie dem Hausherrn Tee und kniete zu seinen Füßen, wie damals als Kind. Vielleicht könnte sich Urmila mit dieser Familie aussöhnen.

Doch mit ihrer nächsten Herrin kann sie das nicht. 2004, ein Jahr, nachdem das Kamalari-System offiziell abgeschafft ist, wurde sie einfach verschenkt an eine Verwandte, eine einflussreiche Parlamentsabgeordnete. Cruel Ma‘am hat sie sie nur genannt, die grausame Dame.

„Nie kannst du etwas richtig machen“, kreischt sie. „Von nichts hast Du eine Ahnung.“ Urmila beschreibt ihre neue Herrin als unberechenbar, launisch und egozentrisch, dabei machtgierig und einflussreich. Die Schläge waren vorbei, doch der Psychoterror ist schlimmer. Ständig wird sie gedemütigt, ständig ist sie den Launen dieser Diva hilflos ausgesetzt. Jeden Morgen muss sie die Diva massieren, das ekelt sie am meisten. Das Wort „Schule“ wird zu einem Sehnsuchtswort. Sie fühlt, wenn sie es schafft, dort zu bestehen, würde sie ihren Lebensweg machen.

Ihr Alter wird heraufgesetzt, damit sie den Führerschein machen kann. Aber in eine Schule darf sie wiederum nicht. Die beiden leben in einer abgeschotteten Villa, nur mit den Hausangestellten. Doch die Wächter, die Videos und der Stacheldraht schrecken Räuber nicht ab. Es ist 2006, das letzte Jahr des Bürgerkriegs in Nepal. Vier Männer brachen in das Anwesen von Cruel Ma’am ein. Um nicht entführt zu werden, gibt sie sich als einfache Hausangestellte aus. Urmila deckt sie. Als die Räuber verschwunden sind, sagt Cruel Ma’am zum ersten Mal „Danke“ zu ihr.

Das Blatt wendet sich

Das Blatt wendet sich im Jahr 2007. Urmilas Bruder kommt zu einer Demonstration der Landwirte nach Kathmandu. Das ist ein Jahr, nachdem die Regierung ein neues Gesetz gegen das Kamalari-System erlassen hat. Der Bruder hat schon lange versucht, sie in Kathmandu aufzuspüren, aber jetzt, während der Demonstration erfährt er, wo sie lebt und ruft an, um sie zurück zu holen. Der Bruder, der sie verkauft und gerettet hat, dem Urmila ewig böse und ewig dankbar sein wird. Urmila Chaudhary ist jetzt endlich alt genug, um aus ihrem Gefängnis auszubrechen. Nach Jahren als Kindersklavin in zwei Familien kehrt sie zurück.

Urmila Chaudhary hat nie verraten, wer Cruel Ma’am war. Sie kann sich diesem Terror nicht noch einmal stellen, sie hat auch Angst, dass sie ihr in Nepal schaden könnte. Jetzt hätte Urmila Chaudhary heiraten könnten und eine Familie gründen. Urmila weiß, dass sie mit 17 Jahren für die Schule schon zu alt ist, aber sie treibt nur ein Wunsch an: Englisch zu lernen, Jura zu studieren und es der Cruel Ma’am heimzuzahlen. Sie stößt auf die Nepal Youth Foundation, ein kanadisches Kinderhilfswerk und auf dessen Manager Man Bahadur Chhetri, ein zentraler Mann in der Befreiung der Kamalari. Er nimmt sie in seine Schule auf. Als sie endlich, nach zwölf Jahren Sklaverei, die Schuluniform anziehen darf, fühlt sie sich als glücklichster Mensch der Welt.

Ihr Weg zurück in ein normales Leben hat viele Stationen, auch politische. Sie nimmt an Befreiungsaktionen von einzelnen Kamalari teil, sie spielt in einer Theatergruppe, in der die Mädchen ihre Wut und ihre Angst ausdrücken lernen. In Kathmandu demonstriert sie gegen das Unrecht des Kamalari-Systems und wird von der Polizei zusammengeschlagen.

Hilfe von Außen

Doch es kommt auch Hilfe von Außen. Kathrin Hartkopf ist die Leiterin und Mitbegründerin des Stiftungszentrums von Plan international mit Sitz in Hamburg. Das Kinderhilfswerk arbeitet eng verzahnt mit den anderen Hilfsorganisationen in Nepal zusammen und beginnt ebenfalls, an Kampagnen zur Befreiung von Kamalari-Mädchen mitzuwirken. Um ihr Projekt vorzustellen lädt Plan deutsche Journalisten nach Nepal ein, unter anderem die Münchner Journalistin Nathalie Schwaiger.

„Urmila ist ein ganz besonderes Mädchen!“ Nathalie Schwaiger fühlt sich schwesterlich mit Urmila Chaudhary verbunden. Mehrere Wochen lebt Nathalie Schwaiger auf Vermittlung von Plan international in Nepal, um Urmilas Biografie zu schreiben. Für Nathalie Schwaiger ist es ein Kulturschock. Die Straßen sind ohne Asphalt, auf den Pisten mit Linksverkehr herrscht das Chaos, sie erlebt die Hütten der Armen, die nur ein Zimmer haben, in der die ganze Familie schläft. Im Vorgarten suhlen sich die Schweine.

Die beiden Frauen sitzen in der Dunkelheit auf dem Dach der Hütte, sprechen, trinken Tee. Immer weiter entwickelt sich die Geschichte, die schließlich 2011 als Buch im Knaur-Verlag erscheint: „Sklavenkind“ heißt die Biografie. Gleichzeitig dreht Nathalie mit ihrem Bruder Christoph Schwaiger einen Dokumentarfilm.

Zur gleichen Zeit schlägt in Nürnberg ein Mann eine Zeitung auf. Es ist der Ingenieur und Automotive-Unternehmer Andreas Riechelmann, der sich von einem Bericht der Deutschen Presseagentur tief gefangen nehmen lässt. Die deutsche Presseagentur berichtet, Urmila Chaudhary habe sich, eingesperrt in einen Keller, durch Zeitungen selbst das Lesen beigebracht. Er ist tief erschüttert und beschließt zu helfen. Er schickt Geld, er besucht sie in Nepal. Der 52-jährige Riechelmann hat vier Söhne und das Verhältnis zu Urmila ist väterlich, sie sagt „Papa“ zu ihm.

Urmila Chaudhary richtet gerade ein Foto-Studio ein als Existenzmöglichkeit, und Riechelmann hilft, wo er kann. Riechelmann ist keiner, der sich die Butter vom Brot kratzen lässt. Bald eckt er mit Plan und anderen Helfern an. Ihn stört es, dass Plan Urmila für sich vereinnahmt.

Plan international indessen beschließt, die mutige und gutaussehende junge Frau zu ihrer Botschafterin zu machen. Das Kinderhilfswerk startet mit Urmila Chaudhary eine Kampagne für Mädchen- und Frauenrechte. „Because I am a girl“, lautet der Slogan. Nathalie Schwaigers Buch hat Urmila berühmt gemacht, sie spricht 2012 in Oslo beim Tag der Menschenrechte und im selben Jahr in New York beim ersten internationalen Mädchentag.

Der Weg ist noch nicht zu Ende

Andreas Riechelmann gerät mit Nathalie Schwaiger und Plan international in Streit: Er möchte Urmila nach Deutschland holen, auf eigene Kosten, aber Plan und Nathalie Schwaiger wollen, dass sie allein zur Buchvorstellung ins Land kommt. Urmila ist jetzt so bekannt, dass die Hamburger Filmemacherin Susan Gluth einen weiteren Dokumentarfilm über sie drehen will. Die Verhältnisse werden kompliziert und die verschiedenen Förderer sind sich nicht wohl gesonnen. Das Stichwort von einer „Trittbrettfahrerin“ macht die Runde und das Schlagwort von der „Ware Mensch in der Mitleidsindustrie“.

Urmila Chaudhary selbst kämpft an ganz anderen Fronten: Die Schule ist unerwartet schwer und sie scheitert an Prüfungen, der Traum vom Foto-Studio ist bald ausgeträumt, doch sie gibt nicht auf.

Der Film von Susan Gluth „Urmila – Für die Freiheit“ wurde im Dezember 2016 unter anderem auf dem Frauen-Film-Festival in Tübingen gezeigt.

Dort hat Katharina Löthe vom Esslinger Kulturamt Urmila Chaudhary kennengelernt. Spontan schlug Löthe sie für den Theodor-Haecker-Preis in Esslingen vor. Dieser Preis wird für politischen Mut im Andenken an den Theodor Haecker verliehen, einen Esslinger Widerstandskämpfer im Nationalsozialismus. Die Jury erkannte ihr den Preis im Januar zu. Sie bekommt 10 000 Euro, und damit kann sie weiterhin ihren Weg gehen als sympathische Botschafterin der Mädchen- und Frauenrechte, ein Weg der noch lange nicht zu Ende ist. Auch für sie ganz persönlich nicht. Das System der Kamalari gehört der Vergangenheit an, die seelischen Wunden sind geblieben.




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