Urspruch dreht in Stuttgart „Dr. Klein“ Die Klischees in den Köpfen aufbrechen

Von Ulla Hanselmann 

Exklusiv Die Schauspielerin Christine Urspruch steht in Stuttgart derzeit als Kinderärztin Dr. Klein für die gleichnamige Fernsehserie vor der Kamera. Wir haben sie am Set besucht.

„Ich empfinde die Rolle als Explosion“: Christine Urspruch über Dr. Klein Foto: A.  Zweygarth
„Ich empfinde die Rolle als Explosion“: Christine Urspruch über Dr. Klein Foto: A. Zweygarth

Stuttgart - Auf der Intensivstation liegt eine junge Frau im Bett, ihr langes Haar fließt über das Kopfkissen. Gegenüber im OP steht Miroslav Nemec im weißen Arztkittel, eine Maskenbildnerin tupft in seinem glänzenden Gesicht herum. Stickig ist es hier im Stuttgarter Bürgerhospital, das für die TV-Serie „Dr. Klein“ in „Rosensteinklinik“ umbenannt wurde; stickig und eng – überall Scheinwerfer, Kameras, Kabel. Von hier erreicht man in wenigen Schritten über den Hof das Gebäude 10, Eingang A. In einem ehemaligen Bettentrakt, von den TV-Ausstattern mit liebevollen Dekorationen in eine Kinderstation verwandelt, residiert Dr. Valerie Klein, die leitende Oberärztin der Kinderklinik. Mit ihrer Körpergröße von 1,32 Metern begegne sie ihren Patienten „wirklich auf Augenhöhe“, heißt es kalauernd im Pressetext zu der neuen Freitagabendserie, die das ZDF seit Ende April in Stuttgart dreht.

Christine Urspruch sitzt an ihrem Oberärztinnen-Schreibtisch, unter sich einen Schemel, auf den sie ihre Füße stellen kann. Sie drehten heute eine Folge, in der sie ein Mädchen behandelt, das einen Selbstmordversuch hinter sich hat, erzählt sie. Es ist das Mädchen, das im Haus gegen über gerade im Bett liegt. Jetzt aber ist Drehpause, ein rotes fließendes Sommerkleid hat sie sich angezogen. Von der eleganten Frau, die etwa die Größe eines neunjährigen Kindes hat, geht trotz des Trubels vor ihrem Chefzimmer eine große Klarheit aus. Ihr Büro hat Charme, auf einem Sideboard sind kunstvolle Schneekugeln aufgereiht, so wie auch in einer ovalen Einlassung in der Wand. Als Valerie als Kind wegen ihrer Kleinwüchsigkeit operiert worden sei, hätte sie eine Kugel geschenkt bekommen, erklärt Urspruch. „Am liebsten hätte sie sie an die Wand geschmettert, um auszubrechen aus ihrer Krankheit.“ Die Kugel blieb ganz, von da an gab es zu jedem Geburtstag eine Schneekugel.

Klischees benennen, um sie aufzubrechen

Man liest in Artikeln über die 43-jährige Schauspielerin, die ein Millionenpublikum als Alberich aus dem Münsteraner „Tatort“ kennt, auch von Operationen wegen Wachstumsstörungen während der Kindheit. Ja, es gebe Parallelen, sagt Urspruch, sie war in einem frühen Stadium mit dem Producer der Serie, Torsten Lenkeit, im Gespräch, habe eigene Erlebnisse einfließen lassen. Dennoch: „Meine Biografie ist eine andere“.

In der Serie reiht sich die kleinwüchsige Medizinerin ein in eine Reihe von Kollegen, die ebenfalls nicht der Norm entsprechen: Der Chefarzt, gespielt von Miroslav Nemec, ist schwul, die Oberschwester stark übergewichtig, der Assistenzarzt hat eine dunkle Hautfarbe. Kleins Konkurrent als Kollege hingegen sei „gesund, normal und hetero“ und fühlt sich diskriminiert. Der vorurteilsbeladene Umgang mit Andersartigkeit ist also Thema in „Dr. Klein“; laut ZDF durchaus mit „politisch unkorrekten Zwischentönen“. Um die Klischees aufzubrechen, die in den Köpfen herumspukten, müsse man sie erst benennen, versucht Christine Urspruch die Haltung der Serie zu erklären. Ihr sei dabei wichtig, den Zuschauer auf unterhaltsame Art zum Denken zu bringen. „Schließlich machen wir immer noch Fernsehen.“

Urspruch spricht überlegt, ihre großen tiefblauen Augen strahlen dabei; selbstbewusst, zufrieden wirkt sie. Normalität – darum ist es ihr immer gegangen, schon als Kind. Nicht immer hat das funktioniert: Obwohl sie früh ihre Neigung zur Schauspielerei entdeckte, habe sie sich nicht getraut, an einer Schauspielschule anzumelden, „aus Angst vor Ablehnung“. Sie studierte auf Lehramt, trat einer Theatergruppe in Remscheid bei, dann ließ sie sich in eine Künstlerkartei eintragen. Das erste Bühnenangebot kam vom Bonner Theater. Von da an ging es aufwärts – auch ohne Schauspielschule: 2001, 2003 und 2012 spielte sie die Titelrolle in den „Sams“-Kinofilmen; seit 2002 ist sie im Münster-„Tatort“ die Gerichtsmedizinerin Silke Haller alias Alberich.

Kleinwüchsigkeit für Tochter kein Problem

Erfolg im Beruf, ein erfülltes Familienleben im Allgäu – sie ist in zweiter Ehe verheiratet und hat eine Tochter im Grundschulalter: die angestrebte Normalität hat Christine Urspruch, die immer wieder sagt, sie wolle nicht auf ihre Größe reduziert werden, erreicht. Und trotzdem spielt sie meist Rollen, für die sie aufgrund ihres Äußeren engagiert wird? Die Schauspielerin widerspricht: „Wenn die Äußerlichkeit ein Thema ist, ist das ja nicht mit Reduktion gleichzusetzen! Ich fühle mich nicht reduziert als Dr. Klein, im Gegenteil, ich empfinde die Rolle als eine Explosion!“ Bunt, vielfältig sei diese Figur, mit vielen Launen und Stimmungen. Das Privatleben Dr. Kleins hat einen großen Anteil am Seriengeschehen; die Filmfigur ist mit einem normal großen Mann verheiratet und hat zwei Kinder.

Man spürt, dass sie es genießt, ihrer Alberich-Rolle eine Serien-Hauptfigur hinzuzufügen, auch wenn das „volle Drehtage von Montag bis Freitag“ bedeute und die gemeinsame Zeit mit der eigenen Tochter sich aufs Wochenende beschränke. Die gehe im Übrigen völlig gelassen mit der Kleinwüchsigkeit der Mutter um: „Die Kinder spiegeln sich ja in den Eltern – und umgekehrt.“ Dann geht die Tür auf, das nächste Interview. Christine Urspruch nimmt einen Schluck Wasser und nickt, ruhig, entspannt.




Unsere Empfehlung für Sie