Ursula-Weidenfeld-Kolumne Fack ju Göhte

Nur wenige Kinder mit Migrationshintergrund werden später Lehrerin oder Lehrer. Foto: dpa /Waltraud Grubitzsch

Allerorten wird über den chronischen Lehrermangel geklagt. Dabei gibt es eine Lösung: Macht die Bildungsverlierer von heute zu den Englisch- und Sportlehrern von morgen. Unmöglich? Nein!

Zugegeben, die Idee erscheint vor dem Hintergrund der bisherigen Schulkarrieren bizarr. Dennoch gehört sie zu den wenigen aussichtsreichen Strategien gegen chronischen Lehrermangel: Macht die Bildungsverlierer von heute zu den Englisch- und Sportlehrern von morgen. Lasst junge Migranten Pädagogik und Spanisch studieren, Erdkunde und Mathematik fürs Lehramt. Ja, dafür müssen sie erst einmal Abitur machen, oder so etwas Ähnliches. Aber das ist hinzukriegen. Wenn man will.

 

Im Jahre 1965 schrieb der Pädagoge Georg Picht ein Buch mit dem Titel „Die Bildungskatastrophe“. Georg Picht rechnete vor, dass schon bald Hunderttausende Lehrer fehlen würden. Millionen von Kleinkindern krabbelten damals Richtung Grundschule, die Baby-Boomer würden bald schulreif. Auf der anderen Seite waren Zigtausende Lehrer auf dem Weg in den Ruhestand.

Gerade Baden-Württemberg konnte sich in diesen Jahren nicht rühmen, ein fortschrittliches Bildungssystem zu haben. Immer noch ging hierzulande ein großer Teil der Schüler bereits nach der achten Klasse ab. In tausenden Schulen unterrichtete ein Lehrer die Kinder von der ersten bis zur achten Klasse in einem einzigen Raum. Nur ein geringer Prozentsatz der Schüler brachte es zum Abitur, von Schülerinnen ganz zu schweigen.

Das änderte sich in wenigen Jahren. Die katholische Arbeitertochter vom Lande wurde entdeckt. Das waren fleißige und strebsame Mädchen, die die Schule bisher verlassen hatten, um Hauswirtschaft, Fleischereiverkäuferin oder Textilarbeiterin zu werden. Irgendwann heirateten sie und verschwanden vom Arbeitsmarkt. Den höheren Schulabschluss traute ihnen niemand zu.

Als Sozialdemokraten und Liberalen diese jungen Frauen als ungenutzte Bildungsressource erkannten, schlugen die Professoren die Hände über dem Kopf zusammen. Die Landeier könnten kein Hochdeutsch. Sie seien doof. Sie würden in der Stadt untergehen.

Dennoch gingen jetzt manche aufs Gymnasium und bissen sich durch. Viele machten auf Frauenfachschulen das belächelte Pudding-Abitur mit Kochen, Flicken, Hauswirtschaft, aber immerhin mit einer Fremdsprache. Einige wurden sogar mit einem mittleren Schulabschluss an Pädagogischen Hochschulen zugelassen. Klar: Mit dem klassischen Hochschulstudium der fünfziger und frühen sechziger Jahre hatte das oft nicht viel zu tun. Erst die Töchter und Enkelinnen dieser Studentinnen knackten das blasierte System der Hoch- und Höchstbildung.

Doch die Bildungskatastrophe konnte abgewendet werden. Die katholischen Arbeitertöchter sind gute Pädagoginnen geworden. Sie waren weniger hierarchieversessen als die Latein- und Griechisch-Studenten der altsprachlichen Studiengänge. Sie kamen besser mit den Schülerinnen aus nicht akademischen Familien zurecht. Und sie blieben das, was sie vorher auch schon waren: fleißig, schlau und mutig.

Wer sind die katholischen Arbeitertöchter vom Lande heute? Es sind die Kinder mit Migrationshintergrund in den Städten. Sie begegnen denselben Ressentiments wie früher die Arbeiterkinder. Immer noch fühlen sich die wenigen Lehramtsstudierenden mit Migrationshintergrund weniger zugehörig, sie brechen ihr Studium häufiger ab als Studentinnen mit biodeutschem Hintergrund. Immer noch werden sie im Lehrerzimmer als Exoten begrüßt und in Willkommens- und Inklusionsklassen verschlissen. Erst wenn sie Fachleiterinnen, Schuldirektoren und Seminarlehrerinnen geworden sind, ist ein Zustand erreicht, den man als normal bezeichnen könnte.

Dann könnten sie genauso erfolgreich werden wie ihre Vorgängerinnen, wenn es mehr von ihnen gäbe, wenn sie systematisch zum Abitur und ins Studium gebracht würden. Den zweiten und dritten Bildungsweg regelhaft für die Lehrerausbildung zu öffnen, ist kein Anschlag auf die Lufthoheit in den Lehrerzimmern. Es ist notwendig. Eine andere Gruppe mit so viel ungenutztem Bildungspotenzial steht nicht zur Verfügung.

„Fack ju Göthe?“ Ja bitte.

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