Urteil des Bundesverwaltungsgerichts Fahrverbot kann 76.000 Pendler treffen

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Kommt in Stuttgart ein Fahrverbot oder nicht? Am Dienstag wird das Urteil erwartet. Unsere Berechnung zeigt, wie viele Berufstätige von einem Fahrverbot für ältere Dieselfahrzeuge betroffen wären.

Der Stau  der Pendler verursacht schlechte Laune und schlechte Luft. Foto: Lichtgut/Kovalenko
Der Stau der Pendler verursacht schlechte Laune und schlechte Luft. Foto: Lichtgut/Kovalenko

Stuttgart - Die Bewertung des für diesen Dienstag erwarteten Urteils zu möglichen Fahrverboten in Stuttgart und Düsseldorf hängt nicht zuletzt davon ab, wie viele Menschen tatsächlich davon betroffen wären. Hauptsächlich würde es Pendler mit einem älteren Diesel treffen, die dann nicht mehr wie gewohnt mit dem Auto zur Arbeit fahren können. Weniger stark träfe es den Freizeitverkehr – der Wilhelma-Besuch oder der Shopping-Kurztrip lässt sich meist anderweitig organisieren.

Lesen Sie hier: Newsblog zum möglichen Diesel-Fahrverbot

Wie viele Arbeitnehmer wären von Fahrverboten betroffen? Eine exakte Antwort kann schon deshalb niemand geben, weil das Kraftfahrtbundesamt die aktuellen Zulassungszahlen erst im März herausgibt. Die aktuellsten verfügbaren Daten sind daher die vom Januar 2017. Für eine überschlägige Schätzung taugen sie dennoch, zumal sich der Anteil der von einem möglichen Fahrverbot nicht betroffenen Euro-6-Diesel in den vergangenen zwölf Monaten tendenziell erhöht haben dürfte. Die Schätzung fällt also eher konservativ aus.

Euro-6-Anteil bei Dieseln in Stuttgart über 30 Prozent

Der Euro-6-Anteil unter den Dieseln in der Region lag im Januar 2017 zwischen 30,1 Prozent (Stadt Stuttgart) und 15,9 Prozent (Kreis Göppingen); landesweit betrug er 17 Prozent. Dieselfahrzeuge machten derselben Statistik zufolge in der Region ein Drittel aller Pkw aus. Aus einer 2009 und 2010 durchgeführten Befragung des Regionalverbands mit 5500 teilnehmenden Haushalten weiß man, dass der Anteil jener Pendler, die mit dem Auto zum Arbeiten in die Landeshauptstadt fahren, zwischen 44 (Rems-Murr-Kreis) und 62 Prozent (Kreis Esslingen) beträgt. Im Landesschnitt sind es zwei von drei Pendlern.

Mit diesen Komponenten lässt sich für alle Stadt- und Landkreise der Anteil jener Pendler errechnen, die mit dem eigenen Diesel-Pkw nach Stuttgart pendeln und von Fahrverboten betroffen wären, weil das Auto nicht die Euro-6-Norm erfüllt. Diesen Diskontierungsfaktor haben wir über die vor einem Jahr vom Statistischen Landesamt veröffentlichte Berufspendlerstatistik gelegt. Sie beruht auf Zahlen der Arbeitsagentur. Damit lässt sich bundesweit für jede Gemeinde schätzungsweise errechnen, wie viele Pendler von Dieselfahrverboten in Stuttgart betroffen wären.

Das Ergebnis: In der Summe wären insgesamt rund 76 000 Pendler täglich von Fahrverboten betroffen – darunter etwa 23 000 Pendler, die auf ihrem Arbeitsweg innerhalb des Stadtgebiets bleiben, sowie rund 1500 Durchpendler, für die der Weg durch die Stadt wesentlich schneller ist.

Geht man davon aus, dass diese Gruppen zur Not auf Busse und Bahnen umsteigen oder den Weg etwa über die Autobahn nehmen könnten, bleibt die Zahl von 51 500 betroffenen Pendlern. Etwa 11 000 von ihnen wohnen in Stuttgart und passieren auf ihrem Arbeitsweg täglich die Stadtgrenze. Ihnen begegnen unterwegs rund 40 500 Menschen auf ihrer Autofahrt zur Arbeit in der Landeshauptstadt.

Diese Zahlen sind hoch – aber nicht so hoch, wie man angesichts fast einer halben Million älterer Dieselfahrzeuge in der Region vielleicht erwartet. Auch sind sie für die Diskussion darüber wichtig, wie die Folgen eines möglichen Fahrverbots – wann auch immer es kommen mag – bewältigt werden könnten. Wer nicht auf Busse oder Bahnen umsteigen, seinen Diesel nachrüsten oder ein neues Auto kaufen kann, könnte die Gründung einer Fahrgemeinschaft erwägen: Laut Mikrozensus nutzt dieses Modell nur einer von 25 Pendlern im Land.

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