Urteil im Parkplatzmord-Prozess Detlef S. kommt wohl nie wieder frei

  Foto: dapd
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Der als Parkplatzmörder bekannt gewordene 57-Jährige aus Esslingen muss lebenslang in Haft.

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Stuttgart - Sein letzter großer Auftritt wirkt beinahe inszeniert, als genieße er das Rampenlicht. Detlef S., dunkelblau gekleidet, die Hände stecken an den Bauchgurt gefesselt in Spezialhandschuhen, verharrt einige Sekunden, während Fernsehjournalisten ihre Kameras in seine Richtung halten und Fotoapparate klicken. Erst dann nimmt er auf der Anklagebank in Saal 18 Platz, ein letztes Mal in dem seit Ende August andauernden Verfahren vor dem Landgericht. Es endet für ihn mit der härtesten Strafe, die das deutsche Recht vorsieht: wegen zweifachen Mordes, gefährlicher Körperverletzung und versuchter Nötigung muss Detlef S. lebenslang hinter Gitter. Außerdem erkennen die Richter eine besondere Schwere der Schuld und ordnen die Sicherungsverwahrung an (siehe „Mehr als nur Haft“).

Es ist also höchst unwahrscheinlich, dass der 57 Jahre alte Ex-Postbeamte aus Esslingen in seinem Leben noch einmal freikommt. „Das muss ausgeschlossen werden“, sagt die Vorsitzende Richterin Ute Baisch. Richter wie Staatsanwalt sehen in S. einen kaltblütigen Serientäter, alle Beweise sprechen gegen ihn. „Er hat eine fest eingewurzelte Neigung zum Töten. Er würde es wieder tun“, sagt Ute Baisch und attestiert dem 57-Jährigen Vernichtungswillen: „Mit seinen Taten hat er sich zum allmächtigen Herrscher über Leben und Tod aufgeschwungen.“

Heimtückisch und aus niederen Beweggründen habe Detlef S. zwei Menschen ermordet, die Arglosen „unter maßloser Selbstüberschätzung seiner Bedeutung“ aus dem Leben gerissen. Vor allem kreiste das Verfahren – naturgemäß – um den Täter, seine schizoide, sadomasochistisch veranlagte Persönlichkeit und sei­nen möglichen Antrieb für die Taten. Zur Urteilsverkündung aber gab die Richterin auch den Opfern noch mal ein Gesicht.

Heiko S. etwa, der mit gerade 30 Jahren am 8. Mai 2010 auf dem Hölzertal-Parkplatz bei Magstadt im Kreis Böblingen getötet wurde. Von hinten in den Kopf geschossen, während er sich auf dem Fahrersitz seines Kleinwagens eine Zigarette drehte. Der ehemalige Bundeswehrsoldat ist unter anderem in Afghanistan im Einsatz gewesen; zurück in Deutschland tat er sich schwer, in seinem alten Leben wieder Fuß zu fassen. Aber er kümmerte sich um seine kleine Tochter; außer ihr hinterlässt er auch seine Mutter.

Friedrich L. starb zwei Monate nach Heiko S. an einem Schuss aus derselben Pistole. Seine Leiche, entkleidet bis auf Sandalen und Armbanduhr, wurde am 2. Juli 2010 in einem Waldstück an der A 5 im hessischen Mörfelden gefunden. Der Witwer, finanziell gut gestellt und ein geselliger Typ, hat seine Frau vor deren Tod viele Jahre lang gepflegt. Seine Tochter trat als Nebenklägerin auf, ebenso wie Tochter und Mutter von Heiko S.

Das dritte Opfer des sogenannten Parkplatzmörders überlebte den Angriff mit schweren Schnittverletzungen. Der belgische Tourist, 62 Jahre alt, war mit seiner Frau am 6. Juni 2010 auf dem gut besuchten Fischmarkt in der Innenstadt von Freudenstadt unterwegs, als Detlef S. zu ihm ins Auto sprang und mit einem Messer bedrohte. Nur weil Petrus W. den Ernst der Lage sofort erkannte und sich heftig wehrte, konnte er entkommen.

Seine Opfer wählte er willkürlich aus

Dieser Angriff liegt genau zwischen den zwei Morden. „Nachdem er Heiko S. über den Haufen geschossen hatte, suchte er einen größeren Kick.“ So erklärt die Richterin, warum Detlef S. nach dem ersten Mord auf einem dunklen Parkplatz ohne Zeugen sein Vorgehen änderte. Als dies aus seiner Sicht misslang, sei er bei Friedrich L. wieder vorsichtiger vorgegangen.

Seine Opfer wählte er laut Gericht willkürlich aus. „Die Ursache für die Taten ist nicht bei ihnen zu suchen“, sagt Baisch mit Blick auf die Hinterbliebenen. Beide Morde geschahen auf Parkplätzen, auf denen Homosexuelle sich für unverbindlichen Sex treffen. Aber anders als in der Anklage formuliert, schließt die Kammer einen Hass auf Schwule als Motiv aus. Auch Mordlust, was der Erste Staatsanwalt Albrecht Braun als Motiv sah, kann die Kammer nicht eindeutig feststellen.

Der Angeklagte selbst sagte an keinem Tag des Prozesses ein Wort zu den Vorwürfen. Ebenso reglos nimmt er den Urteilsspruch entgegen: er wirkt fast, als ginge ihn das alles gar nichts an. „Es ist nicht so, dass ihn das Urteil besonders überrascht hätte“, sagt sein Verteidiger Peter Mende später, als Detlef S. längst wieder auf dem Weg zurück ins Gefängnis ist.

Noch im Griff der Beamten dreht er sich immer wieder um, sucht mit seinen blauen Augen das Publikum ab, fragt seinen Anwalt: „Ist sie da?“ Seine Frau scheint ihn, im Gegensatz zu den Ausführungen der Richterin, wirklich zu beschäftigen. Aber er entdeckt Renate H. nicht, mit der er ein Vierteljahrhundert zusammenlebte und die vielleicht seine letzte Verbindung zu der Welt draußen ist. Dann wird er abgeführt, ohne Blitzlichter diesmal, Saal 18 leert sich, die Akte wird zugeklappt. Und nicht zuletzt die Hinterbliebenen werden sich wünschen, Detlef S. nie wieder zu begegnen.




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