Urteil im Prozess um Gruppenvergewaltigung Toxische Männlichkeit

Die Angeklagten warten auf das Urteil im Freiburger Vergewaltigungsprozess. Foto: dpa/Patrick Seeger

Im Urteil von Freiburg geht es um die konkrete Schuld der Verurteilten, nicht um die deutsche Asylpolitik. Aber es gilt nun, mit wachem Blick zu schauen, wie man solche Taten verhindern kann, sagt StZ-Autorin Hilke Lorenz.

Familie/Bildung/Soziales: Hilke Lorenz (ilo)

Freiburg - Nüchtern betrachtet ist die vor dem Freiburger Landgericht verhandelte Tat eine Sexualstraftat, von denen die Kriminalstatistik für 2018, das Jahr der Tat, 9234 auflistet. 2017 waren es noch 11282. Für das zurückliegenden Jahr 2019 listet die Statistik des Bundeskriminalamtes 9426 Vergewaltigungen und schwere sexuelle Nötigungen auf. Es mag zynisch klingen, aber es ist Alltagsgeschäft für deutsche Gerichte, über Taten, die wie diese zu Anklagen führen, Recht zu sprechen. Aber um es auch deutlich zu sagen: Jede Tat ist eine zu viel. Denn es geht dabei nie um sexuelle Lust. Es geht darum, Frauen zu erniedrigen, Macht über sie auszuüben und nicht selten, eine falsch verstandene Männlichkeit auszuleben.

 

Konkret geht es vor Gericht meist um die Klärung einer zentralen Frage: War der Sex freiwillig oder erzwungen? Genau darum ging es auch in Freiburg. Um die Wahrheitsfindung noch schwieriger zu machen, gehören dort noch Ecstasy und K.O.-Tropfen zum explosiven Cocktail der Tatnacht im Oktober 2018. Das Gericht ist überzeugt: Acht junge Männer haben nacheinander eine 18-Jährige vergewaltigt. Zwei weitere haben zugeschaut. Zehn der elf Angeklagten, von denen einer freigesprochen wurde, sind Flüchtlinge. Sie kommen aus Syrien, dem Irak und Algerien. Nur einer ist Deutscher. Für das Urteil ist das ohne Bedeutung. Für die Öffentlichkeit aber unüberhörbar schon. Diese Tat hat für viele eine zweite Ebene – jenseits aller juristischen Ahndung.

Die Tat ist monströs

Die Gruppenvergewaltigung von Freiburg hat die Stimmung im Land aufgeheizt. Und es fällt ja auch schwer, sich dem Geschehen nüchtern anzunähern. Es mutet monströs an. Und es war nicht das erste aufsehenerregende Verbrechen, das Freiburg erschüttert. 2016 war eine Studentin von einem Asylbewerber ermordet worden. Die Herkunft der Täter macht es leicht, die Taten zu instrumentalisieren.

Denn was in der Debatte stets mitschwingt, ist die Frage: Begehen jugendliche Asylsuchende mehr Sexualstraftaten als deutsche Jugendliche? Wie sicher ist Deutschland? Manchem geht es nicht um einen angemessenen Urteilsspruch, sondern um eine Abrechnung mit der Asylpolitik und der Migrationsbewegung des Sommers vor fünf Jahren. Freiburg ist da nur Mittel zum Zweck.

Strafe und Prävention

Aber gerade weil die Stimmung so aufgeheizt ist, ist es notwendig, den Fall nicht emotional sondern nüchtern zu betrachten und klar zu analysieren, was an ihm über die konkrete Tat hinausweist. Ja, jugendliche Flüchtlinge sind häufiger unter den Tatverdächtigen bei Sexualstraftaten vertreten als deutsche Jugendliche. Kriminologen weisen jedoch darauf hin, das liege daran, dass es unter den Asylsuchenden deutlich mehr Jugendliche gibt als unter der deutschen Wohnbevölkerung. Es wäre also vermessen, auszublenden, dass es eine Form toxischer Männlichkeit gibt, die mit der Sozialisation in einer patriarchalen, in Deutschland nicht mehr gesellschaftsfähigen Kultur zusammenhängt. Das zu thematisieren und dagegen schon allein aus Gründen der Prävention anzukämpfen, ist wichtig, um die Debatte nicht den Rechten zu überlassen.

Keine pauschale Verurteilung

Eine Untersuchung des Bundeskriminalamtes sagt übrigens, dass es sich bei Gruppenvergewaltigung nicht um ein neues Phänomen handelt. Die Zahl der Fälle schwankt seit den 1990er Jahren zwischen 300 und 600. Die Täter sind zu Hälfte Deutsche. Das macht solche Taten nicht weniger abstoßend. Es hilft den Opfern kein bisschen. Aber es könnte helfen, die Tat einzuordnen. Denn die Zahlen sagen auch, dass 99,98 Prozent der Flüchtlinge keine Sexualstraftat begehen. Die Wut muss sich also auf die konkreten Straftäter richten, nicht aber pauschal auf eine Bevölkerungsgruppe. Zugegeben: nicht immer ist das eine leichte Übung.

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