US-Europa-Kommando in Stuttgart US-General warnt: Wir stehen so nah vor einem Krieg wie lange nicht

Generalleutnant Basham: „Unsere Verteidigungsindustrien müssen in Schwung kommen und viel schneller produzieren.“ Foto: Ferdinando Iannone/Lichtgut

Der stellvertretende Kommandeur der US-Streitkräfte in Europa, Steven Basham, ist sich sicher: Russland unter Putin wolle in der Ukraine siegen, um weitere Ziele zu verfolgen.

Die USA und ihre Verbündeten müssen sich auf eine lange Auseinandersetzung mit Moskau einstellen, sagt der zweithöchste US-Offizier im Stuttgarter Europa-Kommando der US-Streitkräfte. Die Sicherheit der USA sei von der Sicherheit in Europa nicht zu trennen, betont der Drei-Sterne-General Steven Basham mit Blick auf eine mögliche neue Präsidentschaft des Isolationisten Donald Trump.

 

Herr General, bisher hat das Landstreitkräfte-Kommando der US-Streitkräfte für Europa und Afrika in Wiesbaden die Militärhilfe für die Ukraine koordiniert. Das übernimmt nun die Nato. Geht es da um mehr als um Türschilder-Austausch?

Das ist der nächste Entwicklungsschritt, wie wir die Ukraine richtig unterstützen, beraten und ausbilden. Da geht es nicht nur um die Unterstützung der Europäer und der Nato, sondern auch um die Hilfe anderer Nationen. Wir müssen die Ukraine auf jeden Fall weiter unterstützen. Wenn die Ukraine fällt, wird das eine Herausforderung für uns alle. Aber auch sonst bleibt Russland eine Herausforderung, die über die Ukraine hinaus fortbesteht.

Die Nato feiert ihren 75. Geburtstag. Doch unter Präsident Trump könnten sich die USA militärisch aus Europa zurückziehen. Was steht auf dem Spiel?

Die Sicherheit der USA ist mit der europäischen Sicherheit verbunden. China versucht besseren Zugang und mehr Einfluss in Europa zu bekommen. Durch Huawei oder den Kauf von Anteilen an See- und Flughäfen, die auch wir im Bündnis nutzen. Wir sollten bei europäischer Sicherheit global denken. Die einzige Art und Weise, wie wir für globale Sicherheit sorgen können, ist gemeinsam mit unseren Verbündeten in Europa, im Indopazifik, in Afrika, Südamerika oder in Zentralasien. Wenn China oder Russland global agieren, schreckt man sie auch nur global ab.

Was hat die Allianz über Russland gelernt?

Vor dem Februar 2022 war nicht jeder in der Nato davon überzeugt, dass Russland eine Gefahr für Nato-Staaten darstellt. Nach dem 24. Februar 2022 haben das alle Nato-Länder und auch andere verstanden. Auch dass man sich sofort darum kümmern muss. Die Schlüsselfragen lauten: Wie verteidigen wir uns? Und: Wie halten wir uns aus einem Konflikt mit Russland heraus? Man darf sich aber nicht täuschen: Russland hat dabei ein Wort mitzureden. Wenn Russland Krieg gegen die Nato führen will, hat sie keine andere Wahl, als sich zu verteidigen – jeden einzigen Zoll. Die Herausforderung jetzt lautet: Unsere Verteidigungsindustrien müssen in Schwung kommen und viel schneller produzieren.

Verfolgt Russland nach einem möglichen Sieg in der Ukraine weitere Pläne?

Russlands Ziele gelten nicht nur der Ukraine. Präsident Wladimir Putin verfolgt seine eigenen Ziele. Für ihn zählt nur, wie er die Dinge wahrnimmt. Und das endet nicht mit der Ukraine. Die einzige Chance, diesen Konflikt mit der Ukraine zu beenden, besteht darin, Russland in der Ukraine zu stoppen. Die Mobilisierung und der Aufbau der Rüstungsindustrie in Russland verraten, dass Putin nicht nur in der Ukraine gewinnen will, sondern dass er Ideen darüber hinaus hat. Deshalb ist es so wichtig, dass jeder Partner versteht, dass es nicht um die Ukraine geht, sondern um Russland.

Welche Wirkung auf Russland sehen Sie?

Zu den für Putin definitiv negativen Ergebnissen gehört: Er wollte nicht als Gegner betrachtet werden; jetzt wird er als Gegner betrachtet. Außerdem hat er bewirkt, dass die Nato gewachsen ist. Jetzt hat er mit Finnland und Schweden zwei neue Nato-Staaten vor sich. Wenn es sein Ziel gewesen sein sollte, durch Besetzung der Ukraine Russlands Grenze zur Nato zu verkürzen, hat er sicher nicht damit gerechnet, dass sich diese Grenze um die gesamte finnische verlängert.

Wie sehr sind die Nato-Armeen durch die Waffenabgabe geschwächt? Laut deutschen Generälen werden die nächsten drei Jahre die schwierigsten.

Die deutschen Generäle haben recht. Die Länder, die die Ukraine unterstützen, haben ihre Einsatzbereitschaft beeinträchtigt. Aber jedes Land hat eine gewisse Grundeinsatzbereitschaft zurückbehalten. Wir sind in der Lage, Russland abzuschrecken, und sollte es sich nicht abschrecken lassen, uns zu verteidigen und es nötigenfalls zu besiegen. Es ist eine schwierige Zeit. Doch die Ukrainer kämpfen hart und verschaffen uns so Luft. Wir sollten deshalb jede Minute, jede Stunde und jeden Tag nutzen, die Fähigkeiten und Kapazitäten des Bündnisses zu erhöhen.

Versteht der Kongress die Rolle des US-Hauptquartiers in Europa?

Wir finden Unterstützung im Kongress und im Verteidigungs- wie im Außenministerium. Unsere verstärkte Militärpräsenz ist ein klares Signal für unsere Verpflichtung gegenüber dem Bündnis.

Wird die US-Militärpräsenz in Deutschland oder in Stuttgart wachsen?

In Stuttgart leben etwa 28 000 Soldaten, Zivilbeschäftigte, Vertragsnehmer mit ihren Familien. Viele möchten bleiben. Das schätze ich sehr, weil uns das zu einem Teil der Gesellschaft macht. Man muss hier leben, um zu verstehen, welcher Bedrohung oder welchen Herausforderungen man sich gegenübersieht. Vor dem Krieg in der Ukraine waren rund 65 000 US-Soldaten in Europa. Dann wurden es zwischen 80 000 und 105 000. Derzeit sind es rund 90 000, inklusive den Kräften, die rotieren. Das wird auf absehbare Zeit so bleiben.

Nach 35 Jahren stehen Sie am Ende Ihrer Militärlaufbahn. Sehen Sie Europa heute näher an einem Krieg als in vielen Jahren davor?

Wir stehen heute so nahe vor einem Krieg wie lange nicht. Doch gleichzeitig bin ich dankbar, dass viele Länder das genauso sehen. Das heißt, wir werden die Fähigkeiten aufbauen, die wir brauchen, um uns zu verteidigen. Manche Stimmen behaupten ja, wir würden mit Russland heute nicht da stehen, wo wir sind, wenn wir das Land mehr willkommen geheißen hätten. Aber Russland hat sich seit dem Kalten Krieg nicht verändert. Und Putin hat sich definitiv nicht verändert.

Generalleutnant Steven L. Basham

Der Mann
 Seit Sommer 2022 kümmert sich der US-Luftwaffengeneral als Stellvertreter von General Christopher Cavoli, der auch als Nato-Oberbefehlshaber fungiert, um das Tagesgeschäft im Stuttgarter Hauptquartier der US-Streitkräfte in Europa. Davor war der 58-Jährige aus Bowling Green, Kentucky, stellvertretender Kommandeur der US-Luftwaffe in Europa und Afrika in Ramstein. Er ist Pilot mit mehr als 3400 Flugstunden mit den B-1-, B-2- und B-52-Bombern.

Eucom
 Seit 1967 sind die Patch Barracks in Stuttgart Sitz des Europa-Hauptquartiers der US-Streitkräfte (Eucom), eines von sechs weltumspannenden US-Regionalkommandos, zuständig für 50 Länder. Dort arbeiten rund 1150 Militärs, 700 Zivilisten und 600 Vertragsnehmer. Das Jahresbudget für das Hauptquartier: umgerechnet 331 Millionen Euro. Für Operationen stehen Eucom nach eigenen Angaben aktuell (ohne Ukraine-Zusatzhilfen) zwischen 7,5 und 9,3 Milliarden Euro zur Verfügung. 

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