Gellende Schreie sind am Donnerstagmittag aus der Panzerkaserne in Böblingen zu hören. Blutverschmierte Gesichter, Hexenhüte und Sensenmänner sind auf den Straßen unterwegs: Keine Sorge, nichts Schlimmes geht da vor sich – es ist lediglich Oktober und das heißt: Halloween steht vor der Tür. Und niemand – wirklich niemand – kann Halloween besser als Amerikaner. Diese Erfahrung haben jetzt auch zwei Klassenstufen der Eichendorff-Schule in Böblingen gemacht. Die Schreie, die erschallen, sind nämlich die der Jugendlichen, die gerade durch das Spukhaus oder auch „Haunted House“ gehen und sich von US-Marines erschrecken lassen, die für den Gruselspaß in dunklen Ecken lauern.
Auf einem der Plätze auf der Panzerkaserne haben die Marines zum „Trunk or Treat“ geladen: Eine Version des bekannten „Trick or Treat“, bei dem Kinder an Halloween von Haus zu Haus ziehen und Berge an Süßigkeiten sammeln. Statt an Häusern zu klingeln, können die Kinder in der Panzerkaserne von Auto zu Auto gehen: Die Kofferräume („Trunks“) haben die Marines aufwendig dekoriert und bis zur Decke mit Süßigkeiten befüllt. Da gibt es einen weißen Flitzer mit riesigen Pappdeckel-Zähnen: eindeutig ein Hai. Auf Nachfrage erklärt ein Marine, dass es der Hai aus dem Film „Jaws“ ist. Ein besonders liebevolles Detail: Mit blauen Luftballons haben sie sogar an die Bojen gedacht, die in einer Szene an dem Hai hängen. Andere Kofferräume erinnern gar an kleine Jahrmarktstände, einer der Innenräume ist nach dem Videospiel „Super Mario“ dekoriert. Im hinteren Teil des Hofes stehen etwas verlassen einige Hüpfburgen – bei teilweise strömendem Regen suchen die Schüler eher Unterschlupf unter den Pavillons.
Die Schüler der Eichendorff-Schule durften mittlerweile zum zweiten Mal an dem „Trunk or Treat“-Event der Marines teilnehmen. „Wir begrüßen die enge Kooperation“, sagt Rektor Alexander Groß, der der Panzerkaserne ebenfalls einen Besuch abstattet. In der Vergangenheit haben die Marines bereits in der Schule ausgeholfen, als es darum ging, zu streichen. Und auch in Zukunft will der Schulleiter die Kooperation mit den Amerikanern ausbauen. Mit Schülerinnen und Schülern aus der amerikanischen High School und der Grundschule soll ein reger Austausch entstehen: Alexander Groß schweben Schulfeste, Football-Spiele und gegenseitige Klassenbesuche vor. „Unsere Lehrerschaft steht in den Startlöchern“, sagt er. Er freut sich, dass das Interesse auf Gegenseitigkeit beruht: Die Amerikaner seien bemüht, Beziehungen zu den Böblingern aufzubauen und lokale Kontakte zu knüpfen.
Einigen Jugendlichen steht das Gruseln ins Gesicht geschrieben
Bei den Jugendlichen jedenfalls scheinen die Mühen der Marines nicht Vergebens gewesen zu sein. Vor dem Eingang zu Spukhaus stehen die Schüler der Eichendorff-Schule gespannt, die meisten sind natürlich cool und gelassen – wie Teenager eben nun mal sind – aber manchen steht halt doch das Gruseln ins Gesicht geschrieben. Eine Schülerin flüstert ihrer Freundin zu: „Da soll ein Mann mit Kettensäge drin sein, der einem hinterherrennt!“ Wem bei solchen Aussichten nicht die Knie schlackern. . . Ein Soldat, der vor dem Spukhaus steht, verrät, dass die Marines im Vergleich zum vergangenen Jahr noch einen drauf gesetzt haben: Die freiwilligen Helfer haben seinen Infos nach wohl richtigen Ehrgeiz entwickelt und den Spukfaktor nach oben geschraubt – den Schreien der Jugendlichen nach hat es geklappt.
Rund 200 Marines arbeiten am Standort Böblingen – mehr als die Hälfte davon hat sich an der Vorbereitung für die Halloween-Festivitäten beteiligt, schätzt Robert A. Gwinner, der Stellvertreter des Garrison Commanders. Zusammen mit Colonel Matt Robbins stattet er am Donnerstagnachmittag dem Spuk-Spektakel auch noch einen Besuch ab. „Das ist eine gute Chance, um Deutsche auf die Panzerkaserne einzuladen“, sagt Matt Robbins über das „Trunk or Treat“-Event. Auch in Zukunft wollen die Amerikaner das fortsetzen, was Oberst Matthew T. Ziglar, dessen Nachfolge mittlerweile Kirk Alexander angetreten hat, ins Rollen gebracht hat: „Wir haben einige Veranstaltungen für die nächsten Monate geplant, zu denen wir auch deutsche Bürgerinnen und Bürger einladen wollen“, sagt Robert Gwinner. Welche und wann genau, wollen die beiden allerdings noch nicht verraten. Begeistert sind die zwei, dass die amerikanische Halloween-Tradition in Deutschland immer mehr an Bedeutung gewinnt. Es sei schön, zu sehen, wie dem amerikanischen Halloween ein gewisser „German Flavor“ verpasst wird, sagt Colonel Matt Robbins.
Doch nicht alles ist schaurig-schön: Die Militärs am Standort Böblingen spüren die Auswirkungen des Krieges zwischen Israel und Hamas, erzählt Colonel Matt Robbins. Mit militärischen Einsätzen hat der Standort Böblingen zwar weniger zu tun. Vielmehr werden von dort aus viele humanitäre Hilfen koordiniert, die nun in diese Region fließen. Mehr will der Colonel aber nicht zu der Situation sagen, sondern lenkt den Fokus wieder auf das Halloween-Spektakel im Hintergrund: Bei solchen weltpolitisch trüben Aussichten stelle ein bisschen Halloween-Spaß ein gutes Kontrastprogramm dar, meint der amerikanische Colonel.