Überraschung bei den US Open So kämpfte sich der Pechvogel Cedrik-Marcel Stebe zurück

Von Jörg Allmeroth 

Vier der vergangenen sechs Jahre war Cedrik-Marcel Stebe verletzt außer Gefecht, nun hält der Linkshänder aus Vaihingen an der Enz wieder mit den Großen der Branche mit und trumpft bei den US Open auf.

Mit unbändigem Willen zurück im Tennis-Zirkus: Cedrik-Marcel Stebe. Foto: AP 9 Bilder
Mit unbändigem Willen zurück im Tennis-Zirkus: Cedrik-Marcel Stebe. Foto: AP

New York - Auf dem abgelegenen Außenplatz 4 des National Tennis Centers entfaltete sich fast das notorische US- Open-Chaos früherer Tage. Männer und Frauen der Servicetruppe rollten ständig Abfallwagen geräuschvoll direkt am Court vorbei, hinter dem Absperrzaun zum nahen Highway jaulten immer mal wieder die Polizeisirenen auf, und dann kam auch noch die Müllabfuhr mit mehreren Einsätzen vorbei.

Stebe lässt sich nicht irritieren

Cedrik-Marcel Stebe ließ das aber alles kalt, nichts und niemand konnte ihn wirklich irritieren, weder das Tohuwabohu neben seinem Spielplatz noch alle Wechselfälle eines spannungsgeladenen Vier-Satz-Matches gegen den Kroaten Filip Krajinovic (ATP 52). Stebe, der größte Pechvogel, den das deutsche Tennis in den vergangenen Jahren, wenn nicht Jahrzehnten, kennt, landete schließlich einen Überraschungscoup, der nicht hoch genug zu bewerten war. „Es ist schon unglaublich, dieser Sieg, dieses ganze nächste Comeback“, sagte der 28-jährige Schwabe (geboren in Mühlacker), der viele Spielzeiten im Tennis-Wanderzirkus nur aus dem Krankenstand verfolgen konnte, gehandicapt durch unglaubliches Pech und immer neue Verletzungen. „Man kann nur den Hut ziehen vor ihm“, sagte Boris Becker, der Abteilungsleiter des deutschen Herrentennis, „viele hätten längst alles hingeschmissen, wenn sie das erlebt hätten. Cedrik ist immer dran geblieben.“

Emotionaler Triumph

Während Alexander Zverev wieder einmal eine Vorstellung aus dem Kuriositätenkabinett ablieferte, mit verspielter 2:0-Satzführung und einem letztlich noch erfolgreich überstandenen Balanceakt am US Open-Abgrund gegen den Moldauer Radu Albot, während Jan-Lennard Struff seine starke Form mit einem Drei-Satz-Sieg gegen den norwegischen Nachwuchsmann Casper Ruud untermauerte, feierte Stebe einen emotionalen, bewegenden Triumph – und war der Mann und Mitarbeiter des Tages im deutschen Grand Slam-Aufgebot. „Schlicht toll“ sei Stebes Sieg, ein „denkwürdiger Moment auch“, sagte Davis-Cup-Chef Michael Kohlmann: „Nichts ist weniger selbstverständlich als dieser Erfolg. Da können sich viele junge Spieler ein Beispiel dran nehmen.“

Stebe war einmal eine Zukunftshoffnung im deutschen Herrentennis, vor sieben Jahren, vor der großen Verletzungsmisere. Damals hatte er einen grandiosen Davis-Cup-Auftritt am Hamburger Rothenbaum erlebt, im letzten, alles entscheidenden Einzel schlug er Australiens Großmeister Lleyton Hewitt, sicherte den Deutschen den Verbleib in der Weltgruppe. In den Zeitungen galt er als „Held“, als Hoffnungsträger im nationalen Herrentennis. Bis es mit den Schmerzen, Verletzungen und natürlich auch Zweifeln losging.

Stammgast in Arztpraxen

Stebe war häufiger in Krankenhäusern, Arztpraxen, Reha-Kliniken unterwegs als im Tennisbetrieb, vier der letzten sechs Jahre war er außer Gefecht gesetzt. „Natürlich fragt man sich: Warum immer ich“, sagt Stebe, „aber ich habe nie aufgegeben. Ich wollte so auch nicht aufhören.“

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Vor zwei Jahren gewann er nach all dem Unglück und all den Rückschlägen endlich wieder ein Grand Slam-Match bei den US Open. Beckenentzündungen, Stressfrakturen, Hüftverletzungen, Probleme mit der Lendenwirbelsäule und auch eine Leistenoperation hatte er da schon überstanden. 2017 schien ein Neuanfang zu sein, endlich das Ende der schwarzen Serie. Doch wieder spielte ihm sein Körper einen Streich, das Handgelenk. „Die Ärzte sagten: Es wird zwei, drei Monate dauern. Dann wurden wegen der Operation noch einmal anderthalb Jahre draus“, sagt Stebe, „da muss man schon einen starken Willen haben, um das zu verdauen. Und nicht zu resignieren.“

Aufgeben ist keine Option

Er habe schon mal gedacht, so Stebe: „Du kommst immer wieder zurück. Und kriegst wieder den nächsten Schlag. Das ist doch kein Leben.“ Und doch ist er nun wieder da. Unterwegs im Wanderzirkus, gerade beim Gastspiel in New York. Ein Mann, der nie, absolut nie aufgibt. Stebe ist auf Platz 256 der Weltrangliste eingestuft, er spielt hier dank einer Schutzregel für Langzeitverletzte.

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Er will noch einmal unter die Top 100, dort, wo er in seinem ersten, sorgenfreien Tennisleben bereits rangierte. „Druck mache ich mir nicht mehr“, sagt Stebe, „ich genieße es einfach, auf dem Platz zu stehen und zu spielen. Manchmal kommt es mir ein Wunder vor.“ Beim Turnier in Gstaad gleich nach Wimbledon verblüffte der Schwabe mit einem Finalvorstoß, er wirkte dabei wie der Stebe ganz früher Tage. Er habe da die Gewissheit bekommen, wieder mit den Großen und Starken mithalten zu können, sagt Stebe. Das soll an diesem Donnerstag in New York nun auch Marin Cilic zu spüren bekommen, ein ehemaliger US-Open-Champion.