US-Ostküste Invasion der Steppenwölfe

Von Sebastian Moll 

Die Einwohner von New York sind besorgt: Immer häufiger werden in der Metropole Kojoten gesichtet.

Anpassungsfähig: Kojoten können auch  in urbanen Zentren überleben. Foto: AP, Getty
Anpassungsfähig: Kojoten können auch in urbanen Zentren überleben. Foto: AP, Getty

New York - Die Anwohner am Riverside Drive – einer vornehmen Allee mit eleganten Häusern aus der Gründerzeit im Westen Manhattans – dachten zuerst, es würde nach Schwerkriminellen gefahndet. Über ihren Dächern wummerten Hubschrauberrotoren, Sirenen heulten durch die Straßen und Polizisten mit Hunden schwärmten zu Dutzenden aus.

Doch der tatsächliche Grund für dieses Aufgebot in den frühen Morgenstunden war für viele noch beunruhigender als ein Drogenhändler oder Einbrecher auf der Flucht. Ein älterer Mann, der mit seinem Hund spazieren ging, war von einem Kojoten angefallen worden.

Es war nicht das erste Mal in diesem Frühjahr, dass die Raubtiere mitten in New York City gesichtet wurden. Nur wenige Tage zuvor hatten Passanten am Südzipfel von Manhattan, direkt am World Trade Center, einen Kojoten gesehen. Anders als am Riverside Drive, wo das Tier entkam, konnten die Polizisten diesmal den Kojoten mit einem Betäubungsgewehr aus dem Verkehr ziehen, um ihn später in ein Wildgehege zu entlassen.

Wissenschaftler überrascht die Kojoteninvasion nicht

Gut ein halbes Dutzend Mal wurden in den vergangenen Wochen in der Stadt die kleineren Verwandten des Wolfs mitten in Manhattan erblickt. Angesichts der Tatsache, dass Kojoten eher scheue Tiere sind, wird die Anzahl derer, die sich in New York angesiedelt haben, als noch deutlich höher eingeschätzt.

So überrascht wie die New Yorker von der Invasion auch sind – Wissenschaftler sind es nicht. Bereits 2011 hatte das Institut für Evolutionsgenetik in Washington eine Studie veröffentlicht, die eine rasante Vermehrung der Tiere, die ursprünglich aus dem amerikanischen Westen stammen, im dicht besiedelten Nordosten feststellte.

Die Kojoten, so der Bericht, hatten sich wegen der Verdrängung aus ihrem traditionellen Lebensraum zwischen dem Mississippi und den Rocky Mountains am Ende des 20. Jahrhunderts bis weit in den Osten ausgebreitet. Ein Migrantenstrom war über Ohio in die Gegend von Washington DC gezogen, ein anderer weiter nördlich in die Region der Großen Seen gewandert.

Auffällig viele Haustiere verschwinden plötzlich

Die Kojoten, die nun in der Gegend von New York auftauchen, sind den Wissenschaftlern zufolge ein Indiz dafür, dass sich die nördlichen und die südlichen Einwanderer in den Appalachen getroffen und vereinigt haben und nun in die urbanen Zentren drängen. „Kojoten können sich an jede Umgebung anpassen und überall überleben“, sagte die Forscherin Christine Bogarth, die Direktorin der Studie.

Kojoten können von allem leben, was sie vorfinden, von Schuhleder, bis zu Ratten und Abfall. Aber auch kleine Hunde und Katzen würden sie nicht verschmähen. Und New York City hat den Tieren reichlich zu bieten.

Für noch mehr Aufregung als in der Stadt sorgen die Kojoten in den Vororten New Yorks. In einigen Gemeinden sind sie bereits zu einer regelrechten Plage geworden. So verschwanden im Landkreis Westchester in den vergangenen Monaten ungewöhnlich viele Haustiere. Dutzende von Bürgern berichteten von Begegnungen mit den wilden Kreaturen. Im Ort Stamford musste ein Anwohner einen Kojoten mit einem Gartenrechen von seinem Grundstück vertreiben. Der Kojote hatte zuvor seinen Schäferhund attackiert.

Die Kojoten in New York sind ungewöhnlich groß

In Rye wurde ein Rentner, der mit seinem Hunde spazieren ging, von einem Kojoten angefallen und in die Wade gebissen. Die Wunden brauchten wochenlang, um zu heilen, der Mann musste sich gegen Tollwut impfen lassen.

Manche Anwohner stellen Fallen auf und fordern von den Behörden, etwas zu unternehmen. Doch das Umweltamt muss die Menschen enttäuschen. „Wir haben etwa 15 000 Kojoten-Paare in der Region“, schätzt Gordon Batcheller, Chefbiologe des Amtes. Fallen aufzustellen oder die Tiere zu jagen, wäre angesichts dieser Zahl sinnlos.

Besonders beunruhigt sind die New Yorker, weil die Tiere ungewöhnlich groß sind. Im Vergleich zu den kleineren, zerzausten Kojoten des Westens wirken sie ausgesprochen kräftig und wohl genährt. Auch dazu haben die Biologen eine Theorie. Christine Bozarth vom Institut für Evolutionsgenetik glaubt, dass die Kojoten, die über die Großen Seen in die Region gekommen sind, sich an der kanadischen Grenze mit Wölfen gepaart haben.

In New York City lösen Sichtungen dieser Halbwölfe noch immer Großalarm aus. Doch auch hier hat die Polizei angekündigt, dass sie bei einer Häufung von Zwischenfällen in Zukunft nicht jedes Mal ein großes Aufgebot mobilisieren kann. So werden sich die New Yorker wohl einfach an ihre neuen Mitbewohner gewöhnen müssen.