US-Senator John McCain rechnet ab Todkrank – aber unbeugsam

Von Karl Doemens 

John McCain kämpft seinen letzten Kampf – gegen den Krebs und gegen Donald Trump. In seinem neuen Buch lässt der Vietnam-Kriegsheld kein gutes Haar an dem US-Präsidenten.

Hat nichts mehr zu verlieren: US-Senator John McCain. Foto: AFP
Hat nichts mehr zu verlieren: US-Senator John McCain. Foto: AFP

Washington - Illusionen macht er sich keine – weder über den Zustand seines Landes noch über seinen eigenen. „Donald Trump hat kein Interesse an den moralischen Eigenschaften eines Regierungschefs“, schreibt John McCain in seinem neuen Buch. Am 22. Mai soll der Memoirenband des Senators mit dem Titel „The restless Wave“ (Die ruhelose Welle) erscheinen. „Möglicherweise werde ich dann nicht mehr da sein“, schränkt der 81-Jährige ein: „Meine Lage ist ziemlich unvorhersehbar.“

Unvorhersehbar war die Lage auch, als der junge Marineflieger im Einsatz gegen den kommunistischen Vietcong im Oktober 1967 abgeschossen wurde. Die Gefangenschaft in Hanoi, während derer McCain schwerer Folter ausgesetzt war, begründete in den USA seinen Ruf als aufrechter Patriot und tapferer Kriegsheld. Ein halbes Jahrhundert später kämpft der Admiralssohn gegen einen anderen heimtückischen Feind: Im vergangenen Juli wurde bei ihm ein bösartiger Hirntumor diagnostiziert. Der Krebs und die aggressive Chemotherapie machen seinem Körper schwer zu schaffen. An den Sitzungen des Senats, dem er seit 30 Jahren angehört, kann McCain nicht mehr teilnehmen. Und doch kämpft er politisch den Kampf seines Lebens.

Ein täglicher Wodka und viele Besucher

Der siebenfache Vater und vierfache Großvater nimmt im Kreis der Familie auf seine Weise vom Leben Abschied: Tapfer absolviert er nach einem Bericht der „New York Times“ täglich seine Physiotherapie, genießt von der sonnigen Veranda seiner Ranch die Landschaft Arizonas und genehmigt sich abends ein Glas Wodka auf Eis. Zwischendurch empfängt er Besucher. Neulich war Joe Biden da, der Ex-Vizepräsident von Barack Obama, mit dem McCain eine tiefe Freundschaft verbindet. Der frühere Senator Joe Lieberman hatte ihn schon zuvor im Krankenhaus besucht. Beide Politiker gehören der demokratischen Partei an.

Es ist noch gar nicht so lange her, da galt McCain als rechter Hardliner und Relikt des Kalten Krieges. Er hat stets eine interventionistische Politik der USA unterstützt. Bis heute verteidigt er den Irakkrieg. Trotzdem gilt der 81-Jährige vielen Trump-Anhängern als Verräter. Im Internet beschimpfen sie ihn als heimlichen Liberalen und Kommunisten. Viele wünschen ihm den baldigen Tod.

Plädoyer für den Kompromiss

Zum Widerstandskämpfer freilich fühlte sich der Ex-Soldat nicht berufen. „So fangen Diktaturen an“, bemerkte ­McCain trocken, nachdem Trump bei seiner Amtseinführung die Medien als „Feinde des Volkes“ diffamiert hatte. Im vergangenen Oktober wandte er sich in einer Rede in Philadelphia gegen den „unaufrichtigen Nationalismus“. Doch zur Revolte rief er nicht auf. In seinem neuen Buch tritt McCain für eine Versöhnung der Gesellschaft ein. Amerika müsse begreifen, „dass wir mehr gemeinsam haben, als uns trennt“, schreibt er. Und noch eine Botschaft, die der selbst ernannte Deal-Maker im Weißen Haus kaum verstehen dürfte, hält McCain bereit: „Ja, verdammt: Ich bin ein Anhänger des Kompromisses.“

McCains bevorstehender Tod ist aus einem sehr profanen Grund ein Politikum: Die Republikaner verfügen im Senat nur über eine knappe Mehrheit von zwei Stimmen. Seitdem McCain nicht mehr nach Washington fliegen kann, ist der Abstand bereits auf eine Stimme geschrumpft. Sollte in Arizona aber eine Neuwahl stattfinden müssen und ein demokratischer Bewerber gewinnen, stünde es in der Kammer 50 zu 50. Das Regieren würde für Trump noch schwieriger.

Der schwer kranke Mann in Arizona sei „sehr besorgt über den Zustand unseres Landes“, hat Joe Biden nach seinem Besuch auf der Ranch berichtet. Er überlegt, ob er bei den Präsidentschaftswahlen 2020 gegen Trump antritt. So viel Zeit wird McCain nicht bleiben. Aber er hat das Weiße Haus wissen lassen, dass er diesen Präsidenten nicht bei seiner Beerdigung dabeihaben möchte.