Auch wenn der US-Shutdown bald zu Ende gehen könnte, ist die Not in der US-Militärgemeinde in der Region Stuttgart zuletzt gewachsen. Zum ersten Mal gibt es Tafelläden.
Noch vor vier Wochen gab es in den Stuttgarter US-Kasernen keine einzige kostenlose Lebensmittelausgabe. Doch mit dem andauernden Teilstillstand der US-Regierung und Tausenden von US-Zivilangestellten, die entweder ohne Bezahlung arbeiten müssen oder seit 1. Oktober ohne Bezahlung im Zwangsurlaub stecken, zeigte sich auch in der Stuttgarter Militärgemeinde, dass Unterstützung immer nötiger wurde.
„Ich versuche bloß, Menschen zu helfen, die enorme Schwierigkeiten haben, über die Runden zu kommen“, sagt Shay Miller lapidar zu ihrer Motivation. Sie ist die Initiatorin der Tafeln beim Stuttgarter US-Militär. „So gehe ich auch mit dieser Krise um.“ Die zupackende blonde Frau sorgt im Handumdrehen dafür, dass in den vier US-Kasernen (Patch, Kelley, Robinson und Panzer) Lebensmittelausgaben (food pantries) eingerichtet werden. In den Patch Barracks und der US-Standortverwaltung in Böblingen sind sie kontaktlos 24 Stunden am Tag zugänglich.
US-Tafeln in Stuttgart mit 40 Freiwilligen
Und was vor ein paar Wochen in Millers privatem Keller mit der Sammlung von ein paar Dutzend Dosen und Hygiene-Artikeln begann, ist inzwischen eine ansehnliche Organisation mit 40 Freiwilligen, die jeden Tag Hunderte von Produkten von der Tomatensoße bis zu Windeln in die Regale einräumt. „Viele andere Leute helfen“, betont die Frau eines Offiziers beim Stuttgarter Europa-Kommando (Eucom).
Sie erwähnt den Militärkaplan, die Veteranen, die Scouts und die Standortverwaltung. „Wir sind widerstandsfähig, weil wir wissen, wie wir zusammenkommen und einander helfen können“, meint sie in der kleinen Holzhütte neben der Kapelle im Herzen der Patch Barracks. Kate, eine freiwillige Helferin aus dem US-Staat Washington, die ihren Nachnamen nicht nennen möchte, nimmt Waren in Empfang. „Wenn es nötig ist, dann helfen wir“, sagt die Mutter zweier Kinder. Was sie über den Shutdown denkt, möchte sie nicht sagen. Nur so viel: Die Unsicherheit bedeute eine „mentale Belastung“.
Hilfesuchende waren an diesem Morgen keine da. „Armut ist auch bei uns mit einem Stigma versehen“, erklärt Miller. Die Menschen redeten nicht viel. Gerade in den letzten Tagen hätte die Nachfrage nach Lebensmitteln aber deutlich zugenommen. Wie viele US-Bürger beim US-Militär in Stuttgart von Armut bedroht sind, ist nicht bekannt. Laut US-Militär arbeiten in der rund 28.000 Menschen umfassenden Community 4000 US-Zivilangestellte. Unter diesen müssen viele, darunter Lehrer, unbezahlt arbeiten oder sind im Zwangsurlaub. Die Soldaten haben Sold bekommen. „Es sind sicher Tausende, die betroffen sind“, schätzt Miller.
Wegen des Shutdowns keine Miete zahlen
Alexander Brixner, Betriebsvertreter der Gewerkschaft Verdi bei der US-Standortverwaltung, weiß von einem Amerikaner, der wegen ausbleibender Bezahlung seine Miete nicht bezahlen konnte. „Das ist für uns lokale Beschäftigte sehr schwierig“, sagt er. „Das sind unsere Kollegen.“
Ohnehin leidet nach Schätzungen von US-Denkfabriken rund ein Viertel der Militärfamilien unter „Nahrungsunsicherheit“, und 15 Prozent beziehen Essensmarken. Laut Military Family Advisory Network verfügen 27 Prozent der Familien über einen Notgroschen von nicht mehr als umgerechnet 430 Euro. Zudem ist es für Ehepartner im Ausland schwierig, Arbeit zu finden.
Sollte der Shutdown nun nach sechs langen Wochen mit einer Einigung im Kongress zu Ende gehen, werden Not, Angst und Unsicherheit dann wieder verschwinden? Miller, die in Fort Leavenworth, Kansas, mal Bürgermeisterin war, bleibt skeptisch: Das bedeute noch keine Lösung des politischen Streits um die Krankenversicherung. „Für mich heißt das: Halte dich bis Januar bereit“, sagt sie mit Blick auf die mögliche Auslauffrist eines Überbrückungshaushalts.