Wenn Jayvon Graves im Sommer zum Urlaub daheim im US-Bundesstaat Ohio ist, fordert er seinen Vater gerne mal zu einer Partie Cornhole heraus. Bei diesem in den USA populären Spiel müssen kleine mit Granulat oder Mais gefüllte Säckchen auf ein Holzbrett geworfen und am besten in das darauf gebohrte Loch getroffen werden. „Das ist ein netter Wettkampf“, sagt der 25-Jährige von den MHP Riesen Ludwigsburg lächelnd. Und vielleicht ist es ja sogar ein gutes Training für seinen eigentlichen Sport: Basketball. Da geht es schließlich darum, Körbe mit einem größeren Durchmesser zu treffen – und das beherrscht er ebenfalls.
173 Punkte in neun Partien – Bestwert in der Champions League
Sehr gut sogar. So gut, dass er in der europäischen Champions League in dieser Saison bisher die meisten Punkte erzielt hat, 173 in neun Partien. In der auf die Anzahl der Spiele gerechneten Wertung liegt Graves mit 19,2 Punkten im Schnitt auf Platz zwei hinter Levi Randolph von Hapoel Jerusalem (Punkteschnitt von 19,3 in sechs Partien).
Bereits an diesem Dienstag (20 Uhr) geht es zum Auftakt der Top-16-Gruppenphase bei JDA Bourgogne Dijon wieder um Punkte für Graves und den Bundesligisten aus Ludwigsburg in einem Wettbewerb, in dem er es vergangene Saison – damals noch für Limoges CSP – auf nur gut zehn Zähler im Schnitt gebracht hatte, also nur etwa die Hälfte der aktuellen Marke.
Woher die Steigerung kommt? Graves’ Erklärungsversuch: „Letzte Saison war mein erstes Jahr in Europa. Das war eine gewisse Umstellung, und ich kam meistens auch nur von der Bank.“ Bei den MHP Riesen hat er schnell den Sprung in die Startformation geschafft, das steigert das Selbstvertrauen.
Trainer Josh King setzt von Anfang an voll auf den Sommerzugang
Zumal Trainer Josh King schon in der Vorbereitung stark auf ihn setzte, nachdem Graves die Ludwigsburger im Vorjahr mit Limoges CSP in der Champions League im entscheidenden Spiel mit 24 Punkten fast im Alleingang besiegt und aus dem Wettbewerb geworfen hatte. „Natürlich haben wir uns daran erinnert, aber wir können nicht jeden Spieler holen, der gegen uns sticht“, sagt King. „Nein, uns überzeugt einfach seine Spielweise.“ Die offensiv sehr dynamisch ist. Und auch defensiv hat Graves sich verbessert. „Wir wollen versuchen, einen kompletten Spieler zu formen“, sagt King. „Natürlich ist er wichtig für uns, aber es ist gefährlich, nur auf einen Mann zu setzen.“ Der Trainer hat vor dieser Saison bei den Neuzugängen auch mehr auf den Charakter geachtet, nachdem es im Vorjahr bei dem einen oder anderen ein paar Disziplinlosigkeiten gab. Das Credo lautet: „Wir müssen als Team funktionieren.“ Das tun die Riesen – zuletzt noch am Sonntag beim 77:74-Heimsieg in der Bundesliga gegen Rasta Vechta.
Auch dank Spielmacher Graves, der in den USA nach dem College in der G-League bei den Austin Spurs gespielt hat, dem Farmteam der San Antonio Spurs. Da waren immer mal wieder einige NBA-Profis dabei, von denen man sich einiges abschauen konnte. In der Bundesliga liegt er nun auf Platz elf beim Punkteschnitt (14,8). „Ich weiß das schon, schaue aber nicht nach jedem Spiel auf die Statistik, motivierender ist es, wenn wir gewinnen“, sagt Graves.
Er fühlt sich in Ludwigsburg sehr wohl. Wohler jedenfalls als zuvor in Limoges, obwohl die Städte ungefähr gleich groß sind. „Aber in Frankreich hat kaum jemand Englisch gesprochen, das ist hier anders und macht es einfacher“, sagt Graves. Auch seiner Mutter hat es gut gefallen, als sie über Weihnachten hier war: „Sie will wiederkommen.“ Und Graves über die Saison hinaus bleiben? „Vielleicht, im Basketball weiß man nie genau.“ Seine Agentur hat viele Spieler in Australien, „aber sie haben mich überzeugt, dass meine Art gut zu Europa passt“.
Jayvon Graves ist von den Fans in Europa begeistert
Hier verfolgt er auch die Königsklasse Euroleague und ist vor allem von den Fans in den Hallen begeistert. Dennoch würde er im Zweifel ein Angebot aus der US-Topliga NBA vorziehen: „Schon allein, weil es näher nach zu Hause ist.“ Seine Freundin war nur einmal kurz zu Besuch, weil sie als Krankenschwester arbeitet. Aber dank der sozialen Medien und Videotelefonaten „ist die Trennung nicht ganz so schlimm“, sagt der bescheiden wirkende Graves, der an der Uni in Buffalo einen Abschluss in Kommunikationswissenschaften und Soziologie gemacht hat und in seiner Freizeit gerne liest oder auch mal kocht. Ansonsten liegt der Fokus auf Basketball: zwangsläufig. Zwischen dem Spielende am Sonntag und dem Sprungball an diesem Dienstag in Dijon liegen nicht einmal 48 Stunden. Graves nimmt’s gelassen: „Das gehört zu unserem Job.“
Basketball Champions League
Termine
Die Riesen starten an diesem Dienstag (20 Uhr) in Dijon, am 30. Januar (20 Uhr) geht es zum Titelverteidiger nach Bonn, ehe am 6. Februar (20 Uhr) das erste Heimspiel gegen Galatasaray ansteht; die Fortsetzung folgt nach der Länderspielpause am 6. März (20 Uhr) zu Hause gegen Dijon, am 12. März (18 Uhr) geht es nach Istanbul, zum Abschluss kommt am 20. März (20 Uhr) Ligarivale Bonn in die MHP-Arena.
Modus
Die beiden ersten Teams der Gruppe qualifizieren sich fürs Viertelfinale, in dem der Gruppensieger in einem möglichen dritten Spiel dann Heimrecht genießt.