US-Streitkräfte im Kreis Böblingen Streuobstwiese statt Sandstrand

Circe Olson Woessner hält eine Erinnerung in der Hand, die sie von jedem Ort gemacht hat, an dem sie bis jetzt gelebt hat: Sie notiert sich die Koordinaten ihres Wohnortes und einige Orte entlang des Breiten- und Längengrades. Foto: /Melissa Schaich

18 Mal ist Circe Olson Woessner in ihrem Leben schon umgezogen. Zuletzt hat sie Hawaii zu Gunsten Weil im Schönbuchs den Rücken gekehrt. Wie lebt es sich, wenn man kein richtiges Zuhause hat?

Böblingen: Melissa Schaich (mel)

An einem Abend im Jahr 2010 verfolgt Circe Olson Woessner aufmerksam die Nachrichten des Tages, immer in der Hoffnung, keine schlimmen Meldungen zu hören. Ihr ältester Sohn ist zu dieser Zeit als amerikanischer Soldat im Irak stationiert. Während sie den Schlagzeilen lauscht, denkt sie darüber nach, wie stark Eltern von Militärangehörigen sein müssen – und dass sie dafür Anerkennung verdienen. Kurzerhand ruft sie ihren Vater an und sagt: „Wir gründen ein Museum.“ Fünfzehn Jahre später ist eine Ausstellung des sogenannten „Museum of the American Military Family“ (MAMF) im Schönaicher Rathaus zu sehen.

 

Circe Olson Woessners Lebenslauf ist ungewöhnlich, ein richtiges Zuhause kennt sie nicht. Geboren wird sie in Frankreich, wächst aber in Karlsruhe auf. Ihre Eltern sind amerikanische Staatsbürger, Lehrer von Beruf, und unterrichten Kinder ihrer im Ausland lebenden Landsmänner. In Deutschland lernt sie ihren Mann William kennen, der sich im Alter von 28 Jahren in den Dienst des US-Militärs stellt und in der Folge häufig versetzt wird.

Innerhalb von 20 Jahren wechselt die Familie 18 Mal ihren Wohnort. Am längsten lebt sie in New Mexico in den USA. Während der Corona-Pandemie geht es nach Hawaii, seit 2023 lebt Circe Olson Woessner in Weil im Schönbuch. Wie lange noch? Da zuckt die 62-Jährige mit den Schultern. Das wisse niemand. Unter Militärangehörigen sei ein solcher Lebenslauf keine Seltenheit.

Kisten ein- und auspacken, Möbel in Containern von einem Ort zum nächsten transportieren – kaum eingelebt, dann geht es schon wieder weiter. „Das kann schon ein einsames Leben sein“, sagt Circe Olson Woessner. Resilient – dieses Wort würde Familienmitglieder von Militärangehörigen deshalb am besten beschreiben, meint sie. Ein ganzes Familienleben von A nach B zu transferieren, „das ist wie Tetris spielen“ – ein Spiel, in dem sie über die Jahre hinweg immer besser geworden sei.

Die 62-Jährige liebt ihr Leben – auch ohne ein richtiges Zuhause

Wirklich zu Hause fühlt sich die 62-Jährige nirgends. Viele der Panzerkasernen, in denen sie aufgewachsen ist, gibt es mittlerweile nicht mehr. Eine Familiengeschichte, die eng verwoben ist mit einem bestimmten Ort, das hatte sie nie, sagt Circe Olson Woessner. „Und trotzdem habe ich ein tolles Leben“ – alles habe eben seine Vor- und Nachteile.

Circe Olson Woessner hat ein Buch veröffentlicht. /Melissa Schaich

Mit den Ausstellungen, die sie seit Gründung des MAMF auf ehrenamtlicher Basis gemeinsam mit vielen weiteren Ehrenamtlichen auf die Beine gestellt hat, will sie vor allem Geschichten erzählen. „Uns geht es darum, festzuhalten, wie Leute in ein fremdes Land kommen, Freundschaften schließen, Wurzeln schlagen und sich Erinnerungen schaffen“, sagt die 62-Jährige, die ein Leben lang als Lehrerin, Künstlerin und Autorin gearbeitet hat.

Olson Woessners betagte Eltern helfen bei Ausstellungen mit

Viele Aspekte des Lebens im Militär haben über die Jahre hinweg Eingang in Ausstellungen und Workshops gefunden, außerdem hat das MAMF-Team unter anderem Bücher publiziert, mit Krankenhäusern für Veteranen zusammengearbeitet und Theaterstücke auf die Beine gestellt. Bis vor kurzem hatten sie sogar eigene Räumlichkeiten: in dem kleinen Ort Tijeras in New Mexico entlang der Route 66. Mittlerweile mussten sie diesen Standort allerdings aufgeben, in Albuquerque haben sie nun eine kleinere Immobilie angemietet.

Neben den ehrenamtlichen Mitarbeitenden sind zwei studentische Hilfskräfte angestellt. Doch viel läuft online ab, denn die Ehrenamtlichen leben überall in der Welt. Selbst Circe Olson Woessners Eltern, 95 und 96 Jahre alt, helfen immer wieder aus, um die MAMF-Ausstellungen auf die Beine zu stellen.

Egal, an welchen Ort der Welt es sie verschlagen hat, überall habe sie versucht, sich einzubringen, sagt Circe Olson Woessner rückblickend – so auch im Kreis Böblingen. Sie unterrichtet an der vhs Böblingen-Sindelfingen und begibt sich auf die Suche nach Geschichten deutsch-amerikanischer Verbindungen, arbeitet immer wieder mit Historikern und anderen Organisationen zusammen.

Die Ausstellung in Schönaich ist noch bis 2. Mai zu sehen

Die MAMF-Ausstellung in Schönaich will die Museumsgründerin auch im Kontext des Endes des Zweiten Weltkriegs sehen, das sich 2025 zum 80. Mal jährt. Die Ausstellung zeige, wie sich mit der Stationierung von US-Streitkräften in Deutschland über die Jahre hinweg Freundschafts- und Familienbande entwickelt haben. Die Wanderausstellung ist noch bis zum 2. Mai im Rathaus zu den Öffnungszeiten zu sehen.

US-Präsenz im Raum Stuttgart

Soldaten
Die Heeresgarnison Stuttgart umfasst neben Böblingen weitere US-Kasernen in den Stuttgarter Stadtbezirken Vaihingen und Möhringen. Insgesamt waren 2023 rund 23 000 Personen dort stationiert, davon waren rund 10 000 Soldaten. Sie bildet eine der größten US-Basen in Europa.

Einheiten
Einheiten der Army (Heer), der Air Force (Luftwaffe), des Marine Corps (Marinekorps), der Navy (Marine) und der Coast Guard (Küstenwache) arbeiten hier sowie zivile Angestellte. Dazu kommen das Eucom und das Africom, die Hauptquartiere mit Oberbefehlshabern für Europa und Afrika.

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