US-Talkshow Die neue Humorgeneration übernimmt

Von Sebastian Moll 

Jimmy Fallon soll die Talkshow des US-Stars Jay Leno zu neuen Höhen führen. Doch das ist ein Risiko – nicht nur für ihn. Denn Fallon ist ein krasser Kontrast zu den alten Herren, die seit Jahrzehnten die Spätabend-Talkshows beherrschen. Und NBC schwächelt gewaltig.

Jay Leno und Jimmy Fallen – der Alte und der Neue bei NBC Foto: Invision
Jay Leno und Jimmy Fallen – der Alte und der Neue bei NBC Foto: Invision

S New York - eine Studio-Band ist keine alternde Jazzcombo, sondern ein Hip-Hop-Kollektiv. Er tanzt und singt sieben Minuten lang mit Justin Timberlake durch die Geschichte des Rap, er gießt Tom Cruise Wasser über den Kopf und bringt Barack Obama dazu, seine jüngsten Gesetzesinitiativen im Stil einer sexy Soulnummer vorzutragen. Jimmy Fallon, erst 38 Jahre alt, verkörpert in jeder Hinsicht die neue Generation der Late-Night-Unterhaltung im amerikanischen Fernsehen. Fallon ist locker, er ist warmherzig, leutselig, er ist hip – ein krasser Kontrast zu den alten Herren, die seit Jahrzehnten die Spätabend-Talkshows im US-Fernsehen beherrschen. Bei ihm gibt es kein steifes Verlesen vorfabrizierter Witze, es gibt keinen belanglosen Smalltalk mit Entertainment-Stars, die ihr neues Produkt bewerben. Fallon, der bei der Comedy Sendung Saturday Night Live Karriere gemacht hat, ist Spaß pur.

Das ist freilich auch den neuen Sendeverantwortlichen des Netzwerks NBC aufgefallen, das erst vor knapp zwei Wochen vom Kabelanbieter Comcast übernommen wurde. Und um gleich deutlich zu machen, dass sie sich verändern wollen, handelten sie rasch. Fallon, der bisher erst nach Mitternacht auf Sendung ging, rückt auf den Sendeplatz um 23.35 auf. Jay Leno, der um diese Zeit seit mehr als 20 Jahren seine Tonight Show moderiert, wird in Rente geschickt, wenn im Herbst des kommenden Jahres sein Vertrag ausläuft.

Ätzender Humor zum Abgang

Leno nahm sein verordnetes Abtreten zwar mit Humor, einem überaus ätzenden allerdings. In jeder seiner Sendungen seit Bekanntgabe der Entscheidung am ver­gangenen Dienstag riss er bösartige Zoten über die Sendeverantwortlichen. Die Schlangen, die der heilige St. Patrick aus Irland vertrieben hat, witzelte er etwa zum irischen Nationalfeiertag, seien danach alle nach Amerika gekommen und Manager bei NBC geworden. Besonders sportlich war diese Bitterkeit nicht, verständlich war sie aber allemal. Es ist das zweite Mal innerhalb von drei Jahren, dass man bei NBC den alternden Leno absetzen will. Und das, obwohl er unter den Late Night Talkern noch immer mit Abstand die besten Quoten einfährt. 3,4 Millionen Menschen schalten abendlich bei Leno ein, 400 000 mehr als bei seinem Rivalen Letterman. Und man kann ihm nicht einmal den Vorwurf machen, dass sein Publikum überaltert sei. Auch bei den 18-49 Jährigen liegt Leno vorne.

Deshalb war es schon unverständlich, als Leno 2010 auf seinem Sendeplatz von Conan O’Brien ersetzt und in die Nachtstunden verbannt wurde. Die Entscheidung stellte sich als Flop heraus, O’Brien brachte nicht annähernd die erhoffte Quote, Leno wurde wieder eingesetzt. Und doch setzt man nun bei NBC erneut auf Verjüngung. Branchenexperten runzeln angesichts dieser Politik die Stirn.

Radikaler Wille zum Generationswechsel

Dahinter kann eigentlich nur ein radikaler Wille zum Generationswechsel stehen, eine neue Positionierung des Senders. Doch das ist ein Wechsel mit beträchtlichen Risiken. NBC schwächelt massiv, Lenos Tonight Show ist eine der wenigen Sendungen, die NBC noch Quote bringen. Auch dazu fiel Leno diese Woche in seiner Show eine Geschichte ein. Er berichtete von einer Frau, die aufgrund eines Gehirnfehlers die Welt verkehrt herum sieht. „Sie denkt wahrscheinlich, NBC wäre das erfolgreichste Fernseh-Netzwerk in Amerika.“

Jimmy Fallon hielt sich mit seinen Kommentaren zur Situation derweil bisher zurück. In seiner Sendung vom Mittwoch spielte er lediglich selbstironisch auf seine Jugend an, als er kalauerte: „Meine Mutter würde sagen 23.35 Uhr ist immer noch zu spät für mich.“ Es war ein typischer gutmütiger Fallon-Witz, dem der beißende Sarkasmus seiner älteren Kollegen eher fremd ist. Nun muss das amerikanische Publikum entscheiden, was ihm lieber ist.