Markenzeichen: das strahlende Lächeln von Kamala Harris. Foto: imago//Antonio Perez
Kamala Harris könnte das schaffen, was bisher keiner Frau in der US-Geschichte gelungen ist: Als Madame Präsident ins Weiße Haus einzuziehen. Es wäre nicht die erste historische Barriere, die sie in ihrem Leben durchbricht.
Thomas Spang
20.08.2024 - 09:31 Uhr
Kamala Harris lacht gerne. So wie ihre 2009 verstorbene Mutter Shyamala Gopalan, die sie zuhause in Berkeley stets gut gelaunt begrüßte – obwohl das Leben der Einwanderer aus Indien und Jamaika in der East Bay Nachbarschaft alles andere als einfach war. Ihre Eltern standen damals erst am Anfang ihrer wissenschaftlichen Laufbahn. Shyamala als Krebsforscherin und Vater Donald Harris als Ökonom.
Die im benachbarten Oakland zur Welt gekommene Kamala und ihre Schwester Maya verbrachten viel Zeit bei einer schwarzen Nachbarin. Regina Shelton betreute damals Kinder aus dem Arbeiterviertel. Für Kamala war die aus dem Südstaat Louisiana stammende Frau so etwas wie ihre „zweite Mutter“, die sich kümmerte, wenn „Mommy“ Nachtschichten machte.
Die Palme ist das Erkennungszeichen der Kamala-Fans
Als Harris 2021 ihren historischen Eid als erste Frau und Schwarze im Amt der Vizepräsidentin abgelegte, benutzte sie die Bibel, die ihr „Ms. Shelton“ als Kind vermacht hatte. „Ich bin von Menschen erzogen worden, die sich für andere verantwortlich fühlten und dasselbe von uns erwartet haben“, sagte sich Harris 2023 in einer Rede vor Kleinunternehmern.
Dies spiegelt auch eine andere Anekdote wider, die heute das Erkennungszeichen ihrer Anhänger der sogenannten „KHive“ ist. Ihre Mutter habe sie ermahnt, nicht zu vergessen, wo sie herkommt und was vorher war. „Glaubst du, du bist gerade von einem Kokosnussbaum gefallen?“ Seitdem geben sich die Kamala-Fans mit einer Palme als Emoji zu erkennen.
Gemeinsam mit Tim Walz werden Kundgebungen zu Events
Nach Joe Bidens Rückzug von der Nominierung für eine zweite Amtszeit ist Kamal Harris wie ein Komet als neue Hoffnungsträgerin der Demokraten aufgestiegen – und seitdem ist ihr Lachen, das sie wie ein Lampe anknipsen kann, allgegenwärtig. Und steht damit im Gegensatz zu Donald Trumps grimmigen Ausdruck, der kaum einmal die Mundwinkel nach oben zieht.
Kamala Harris und Joe Biden auf dem Parteitag der US-Demokraten. Foto: AP/Jacquelyn Martin
Mit Tim Walz hat Kamala ein Vizekandidaten an ihrer Seite, der mit derselben Leichtigkeit wie sie gute Laune in die Politik zurückbringt. Die beiden verwandeln Kundgebungen in Events, bei denen Tausende Anhänger zu heißen Hip-Hip-Rhythmen tanzen, feiern und lachen. Gerne auch über die aus ihrer Sicht „schrägen Typen“ Trump und J.D. Vance, deren Hetze sie nicht Verbissenheit, sondern Humor entgegen setzen.
Joe Biden hat Kamal Harris schwierige Aufgaben überlasssen
Trump störte das schon 2020, als Harris an der Seite von Joe Biden in den Wahlkampf gezogen war. Mit einer sexistischen Attacke versuchte er ihr Lachen als schrill darzustellen. Absichtlich betonte er ihren Namen Kamala falsch, der aus dem Sanskrit stammt und Lotus-Blüte bedeutet. Und schürte das Gerücht, dass die multiethnische Frau wegen ihrer Herkunft eigentlich nicht antreten dürfte.
Weil sie als Vizepräsidentin manchmal aus Verlegenheit und gelegentlich an der falschen Stelle lachte, übte sich Harris nach Kritik in den Medien in Zurückhaltung. „Sie trainierte es sich ab“, sagt Brian Brokaw, der zum engsten Beraterkreis zählt. Was dazu beitrug, dass der Stellvertreterin Bidens im Amt viel von ihrer Ausstrahlung verloren ging.
Wozu auch die schwierigen Aufgaben beitrugen, die ihr der Präsident überließ. Allen voran das das Thema Flucht und die Ursachen dafür, die zur Krise an der Südgrenze zu Mexiko geführt hatten. Doch mit dem Urteil des Supreme Court – dem obersten Gericht in den USA – zur Abtreibung vom Juni 2022 entdeckte sie dann ein Thema, das Leidenschaft in ihr weckte. Sie fand ihre Stimme zurück und trat aus der Versenkung hervor, in der sie lange verschwunden war.
Dass sie jetzt wieder lachen kann, gehört zu der Neuerfindung Kamalas als „Yes-We-Kam“-Kandidatin - so wie einst Barack Obama die Wähler überzeugte und 2008 als erster schwarzer Präsident ins Weiße Haus zog.
Ihre gute Laune wird zum Markenzeichen – und kann es nun im Wahlkampf gegen die Trump verwenden, der kein Gegenmittel findet. Wie auch die Infragestellung ihrer Identität als schwarze Kandidatin nicht verfängt. Als er das bei einer Konferenz schwarzer Journalisten in Chicago versuchte, ging der Schuss nach hinten los. Trump outete sich als Rassist. Es war ein absurder Angriff auf eine Frau, die als Kind aus der überwiegend schwarzen Nachbarschaft in Berkeley in die Schule eines weißen Viertels gefahren wurde, um so die Rassentrennung zu überwinden.
Trump hätte es besser wissen können. Als die damalige US-Senatorin aus Kalifornien 2020 bei den Vorwahlen für die Präsidentschaftsnominierung ihrer Partei antrat, hatte sie Schlagzeilen mit einer Breitseite auf Joe Biden gemacht. Dem hatte sie einer Debatte vorgehalten, gegen den „busing“ genannten Transport von Schulkinder im Bus gewesen zu sein. „Aber es gab da ein kleines Mädchen in Kalifornien, die jeden Tag mit dem Bus zur Schule gefahren wurde – und dieses kleine Mädchen war ich.“
Kamala Harris hat nie ihre indischen Wurzeln geleugnet
In Ihrer Autobiografie „Der Wahrheit verpflichtet“ („The Truths We Hold“) , erzählt Harris, wie sie als schwarzes Mädchen aufgewachsen sei. „Meine Mutter verstand nur zu gut, was es bedeutete, zwei schwarze Töchter großzuziehen“, schreibt Harris sie. „Sie wusste, dass ihre Wahlheimat Maya und mich als schwarze Mädchen sah, und sie war entschlossen, uns zu selbstbewussten, stolzen schwarzen Frauen zu erziehen.“
Selbst nach der Trennung ihrer Eltern im Alter von sieben Jahren bliebt Mutter Shyamala der schwarzen Gemeinde verbunden. Sie habe dort ihre Familie gefunden. Das sei das Fundament ihres neuen amerikanischen Leben gewesen – und das ihrer Töchter.
Ihre Highschool-Zeit verbrachte Kamala in Montreal, wo ihre Mutter einen Lehrauftrag an der berühmten McGill-University erhalten hatte. Sie selbst bewarb sich für ein Studium an der schwarzen Elite-Universität Howard in Washington, die sie in die historische Institution aufnahm. Dort schloss sich Kamala der afroamerikanischen Verbindung „Alpha Kappa Alpha“ an.
Trotz ihrer Nähe zur afroamerikanischen Gemeinde hat Harris nie ihre indischen Wurzeln geleugnet. 2014 heiratete sie den Medienanwalt Doug Emhoff, einen weißen Juden, der die Stiefkinder Cole und Ella mit in die Ehe mitbrachte. Die schlossen sie gleich in ihr Herz und nannten sie „Momala“.
Wie Obama ist sich Harris bewusst, dass sie in der Gesellschaft als Schwarze wahrgenommen und behandelt wird, versteht sich aber nicht nur als das. „Ich bin, wer ich bin“, entgegnete sie einmal genervt einem Reporter, der nach ihrem Selbstverständnis fragte. Und fügte hinzu: „Ich beschreibe mich als stolze Amerikanerin.“
Ihre politische Karriere begann 2003 in Kalifornien, wo sie nach einem Rechtsstudium am „Hastings College of the Law“ in San Francisco für das Amt der Bezirks-Staatsanwältin kandidierte. Mit Rückendeckung des damaligen Bürgermeisters Willie Brown, mit dem Harris eine Beziehung hatte, entthronte sie das liberale Urgestein Terence Hallinan.
Sieben Jahre später, 2010, wählten die Kalifornier die Juristin mit dem messerscharfen Verstand und herzlichem Charme zur ersten Justizministerin, die als „Attorney General“ auch die Rolle der Chefanklägerin des größten US-Bundesstaates übernahm. Sie war gleichzeitig die erste Person mit afroamerikanischem oder asiatischem Hintergrund in dieser Position.
Als die Demokratin Barbara Boxer ihren Sitz im US-Senat aufgab, hob Harris die Hand. Im selben Jahr, als Trump ins Weiße Haus zog, trat sie ihre Amtszeit im Kongress an. Dort machte sie sich durch blitzgescheite Fragen bei Anhörungen von Mitgliedern der neuen Regierung einen Namen. Trumps erster Justizminister Jeff Sessions beschwerte sich bei einem Kreuzverhör zur Russland-Affäre über das Tempo der Fragen von Harris. „Das macht mich nervös.“
Sichtbar unwohl in seiner Haut fühlte sich auch Trumps Kandidat für das Amt des Verfassungsrichters Brett Kavanaugh. Harris, die sich der #MeToo-Bewegung verbunden fühlt, drängte Kavanaugh mehr als einmal in die Ecke. Etwa mit der Frage, ob er „irgendein Gesetz kenne, das der Regierung die Macht gibt, Entscheidungen über einen männlichen Körper zu treffen.“
Der Stratege Jim Stearns, der Harris aus langjähriger Zusammenarbeit kennt, sagte de Zeitschrift „New Yorker“, sie pflege bei ihren Befragungen den Stil „einer Mutter, die genau weiß, was los ist und dir signalisiert, dass du ein Problem hast“. Neben scharfen Nachfragen und ein wenig Ungeduld gehöre auch eine Portion Humor dazu.
Kamala Harris profitiert davon, in den vergangenen Jahren eher im Windschatten des Präsidenten gestanden zu haben. Das erlaubt ihr nun, sich den Amerikanern noch einmal neu vorzustellen. Es ist ein Wettlauf der Narrative, den die von einer Begeisterungswelle getragene Präsidentschaftskandidatin der Demokraten zu gewinnen scheint.