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USA Illinois: Das Herz Amerikas

Von aus Chicago 

Der US-Staat Illinois ist vielfältig. Von Chicagos Wolkenkratzern über die Route 66 an die Ufer des Mississippi. Hohe Häuser und dicke Pizzen.

Bootst our entlang der Wolkenkratzer Chicagos, unten die Route 66.  Foto: Reinhardt
Bootst our entlang der Wolkenkratzer Chicagos, unten die Route 66. Foto: Reinhardt

Chicago - Diese Geschichte erzählt von einer langen Straße, über die schon viele Lieder gesungen wurden, von einem breiten Fluss, einer Stadt voller hoher Häuser und dicken Pizzen. Sie erzählt von Männern wie Barack Obama und Abraham Lincoln, die auszogen, um die Welt zu verändern. Doch wie jede Geschichte, die in Illinois spielt, sollte auch diese von Menschen wie Bob dem Bürgermeister erzählen. Bob der Bürgermeister heißt eigentlich Robert T. Russell, hat vier Kinder, sieben Enkel und ist seit fünf Jahren Bürgermeister von Pontiac, einem 12 000-Einwohner-Städtchen 150 Kilometer südwestlich von Chicago. Pontiac liegt an der legendären Route 66, die einst so etwas wie die Hauptstraße der Vereinigten Staaten war und auf einer knapp 4000 Kilometer langen, holprigen Strecke von Chicago, Illinois, bis nach Santa Monica, Kalifornien, führte.

Wer heute auf dieser historischen Straße unterwegs ist, muss aufpassen, sonst ist er an Pontiac vorbeigesaust, bevor er gemerkt hat, da gewesen zu sein. In Pontiac kann man zwar keine Wolkenkratzer, Naturwunder oder geschichtsträchtigen Orte bestaunen. Das Aufregendste, was hier je passierte, ist, dass Hollywood in den 1980ern in Pontiac die Highschool-Komödie „Grandview, U.S.A.“ mit Jamie Lee Curtis und Patrick Swayze drehte. Doch Pontiac hat ein wunderbar kruschteliges Route-66-, ein veritables Oldtimer-Museum und eine Mainstreet, an der sich ein entzückendes Häuschen ans nächste reiht. Vor allem aber hat die Stadt Bob den Bürgermeister. Wenn man hier vor dem Rathaus parkt, kommt er garantiert gleich auf einen zugestürmt, schüttelt einem herzlich die Hand. Und wenn man ihm verrät, dass man aus Deutschland kommt, wird er grinsend auf Deutsch sagen: „Guten Tag, ich bin Bob der Bürgermeister.“

„Get Your Kicks on Route Sixty-Six“

Auch wer aus Italien, Japan oder Brasilien zu Besuch kommt, wird in seiner Muttersprache begrüßt. Bob kann in 120 Sprachen „Ich bin Bob, der Bürgermeister“ sagen. Und wenn man Glück und er Zeit hat, führt er einen anschließend selbst durch Pontiac und hört dabei gar nicht auf, vom Kleinstadtleben und von der Route 66 zu schwärmen. „Ich will einfach, dass sich jeder, egal wo er herkommt, in unserer tollen Stadt, in diesem wunderbaren Land willkommen fühlt“, lautet seine einfache Erklärung, bevor er einen in seinen größten Stolz, Pontiacs Route-66-Museum, lotst, in dem zum Beispiel der VW-Bus des Künstlers Bob Waldmire steht, in dem er in den 1970er Jahren gelebt und zahllose Male die Route 66 auf und ab gefahren ist. Nat King Cole, Chuck Berry, die Rolling Stones und sogar Depeche Mode haben die Straße besungen. „Get Your Kicks on Route Sixty-Six“, heißt der Song dazu. Und tatsächlich stand die Straße einst für ein Zeitalter des Aufbruchs. Zwischen den 1940er und 1960er Jahren war die einspurige und kurvenreiche Route 66 die wichtigste Ost-West-Verbindungsstraße der USA. Inzwischen musste die „Mother Road“, die Mutter aller Straßen, wie die Route 66 früher bezeichnet wurde, gut ausgebauten Interstate-Autobahnen weichen, und man muss sich mitunter etwas abseits der Straße begeben, um noch alte Reste der historischen Route zu finden. Aber der Mythos ist geblieben.

Er lebt weiter im Tankstellen-Museum „Shea’s Gas Station“ oder im „Cozy Dog Drive In“ in Springfield. Und natürlich in Pontiac. Obwohl man sich keinen besseren Fremdenführer als Bob den Bürgermeister denken kann, ist die Route 66 nur eines von vielen abenteuerlichen Kapiteln der Geschichte, die der Bundesstaat Illinois zu erzählen hat. Chicago, die Stadt, in der die Route 66 ihren Anfang nahm, war einst auch die Stadt der Gangster, ist die Stadt des Blues, der dicksten Pizzen der Welt und die Hauptstadt der Wolkenkratzer. Wie Bob in Pontiac ist Rebecca Dixon eine enthusiastische Geschichtenerzählerin - findet aber Häuser spannender als Autos. Sie steht an Bord eines Ausflugsschiffs, das den Chicago River an 50 spektakulären Bauten entlangschippert. Chicago ist berühmt für seine Wolkenkratzer - von Helmut Jahn, Mies van der Rohe oder Frank Gehry erzählt Rebecca unterwegs und zitiert Mark Twain, der 1883 über Chicago geschrieben hat: „Es ist unmöglich, mit Chicago mitzuhalten.

Die Stadt überholt Vorhersagen schneller, als sie gemacht werden können.“ Natürlich ersetzt die Bootstour durch Chicago nicht einen Besuch auf dem Skydeck des Willis-Tower, der mit 527 Metern einmal das höchste Gebäude der Welt war, oder einen Besuch im Robie House in Chicagos South Side. Das Wohnhaus zählt zu den berühmtesten Gebäuden des Architekten Frank Lloyd Wright im sogenannten Prairie-Stil - anders als die Wolkenkratzer im Zentrum drängen diese nicht in die Höhe, sondern in die Breite. In der Gegend rund um das Robie House hat zudem vor einigen Jahren ein neues, ziemlich spannendes Kapitel der amerikanischen Geschichte begonnen: Da hier lange Zeit der spätere US-Präsident Barack Obama lebte, hat der Volksmund das Wohngebiet Hyde Park inzwischen in Obamaville umbenannt.

Lincoln lebte hier bis zur Wahl zum Präsidenten

Und eine Chicago-Tour ist erst dann vollständig, wenn man all die Orte aufgesucht hat, die für Barack Obama und seine Frau Michelle prägend waren: dort das erste Apartment der Obamas, hier das Lieblingsrestaurant der Obamas und da die Ecke, an der sie sich zum ersten Mal geküsst haben. Wem das nicht geschichtsträchtig genug ist, der reist auf der Route 66 zurück in der Zeit und fährt ins 300 Kilometer entfernte Springfield. Dort hatte Barack Obama vor dem Old State House an einem kalten Februarmorgen des Jahres 2007 bekanntgegeben, dass er für das Präsidentenamt kandidieren wird. Ein Ort, der mit Bedacht gewählt war. Denn knapp 150 Jahre zuvor, im Juni 1858, hielt Abraham Lincoln dort im Staatsparlament von Illinois seine Rede über das gespaltene Haus, das keinen Bestand haben kann. Lincoln war als junger Anwalt nach Springfield gezogen und lebte bis zu seiner Wahl zum 16. Präsidenten der USA in der Hauptstadt Illinois’. Und 1865 wurde er nach seiner Ermordung im Oak Ridge Cemetery in Springfield beigesetzt.

Tagelang kann man sich in Springfield auf die Spuren von Lincoln begeben, Lincolns hübsch restauriertes Wohnhaus besichtigen, Stunden im Museum verbringen, das spektakulär Lincolns Leben nacherzählt. Und man muss seine Grabstätte aufsuchen und dort der Lincoln-Statue über die Nase reiben - weil das angeblich Glück bringt, ist diese bereits ganz glatt poliert. Zwar kann man sich in Springfield auch einfach nur mit den Horseshoe-Sandwiches den Magen vollschlagen, die noch monströser sind als die Pizzen Chicagos, oder sich bei einem Bootlegging Pub Crawl wie zu Prohibitionszeiten gepflegt betrinken. Tatsächlich verfolgt einen aber die amerikanische Geschichte in Illinois auf Schritt und Tritt.

Selbst dann, wenn man sich im entzückend-idyllischen Galena von all den historischen Lektionen erholen will. In die einstige Bleiminenstadt fährt man eigentlich, um Ski zu fahren, Golf zu spielen oder den dort angebauten Wein zu kosten. Doch weil hier einst Ulysses S. Grant, der 18. Präsident der USA, wohnte, holt einen auch dort, wo sich der Mittlere Westen sanft in die Höhe streckt, die amerikanische Geschichte ein. Würde jetzt auch noch die Route 66 durch das 3000 Einwohner zählende Städtchen führen, wäre Galena ein Ort so ganz nach dem Geschmack von Bob dem Bürgermeister. Statt auf die Mutter aller Autostraßen blickt man von den Hügeln Galenas jedoch auf den gewaltigen Mississippi. Auch der ist knapp 4000 Kilometer lang. Aber das ist eine andere Geschichte.

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