USA im Comic: „Ausnahmezustand“ In der Welt der armen Hunde

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Kleine Leute stehen täglich vor großen Herausforderungen. Der Amerikaner James Sturm erzählt in seiner Graphic Novel „Ausnahmezustand“ von den Nöten von Mark, einem Bauhandwerker. Aber auch davon, wie die politische Spaltung in der Ära Trump bis ins Familienleben reicht.

Der Wind bläst ihm entgegen: Mark mit seinen Kindern auf dem Cover des Comics „Ausnahmezustand“. Foto: Reprodukt Verlag/James Sturm 11 Bilder
Der Wind bläst ihm entgegen: Mark mit seinen Kindern auf dem Cover des Comics „Ausnahmezustand“. Foto: Reprodukt Verlag/James Sturm

Stuttgart - Wer betrübt herumschleicht, wer so niedergeschlagen wirkt, als habe er etwas vermasselt und erwarte Bestrafung, den kann das Englische mit dem tollen Wort „hangdog“ beschreiben: Diese Person wird mit einem Hund verglichen, der mit hängendem Kopf und eingesunkenen Schultern daherkommt, der sich klein machen will vor Menschen und seinesgleichen. In fast jedem Bild von James Sturms Comic „Ausnahmezustand“ möchte man überprüfen, ob die Kopfhaltung von Mark noch als aufrecht gelten kann oder ob diesem selbstständigen Bauhandwerker, dessen Ehe gerade in die Brüche gegangen ist und der als Subunternehmer vergeblich seinem Geld hinterherläuft, die Luft ausgeht. Ob er nun doch für vermutlich lange Zeit ins Hangdog-Stadium abgleitet.

Ehe unter Wahlkampfdruck

Dieser Gedanke drängt sich besonder stark auf, weil Sturm in seinen mit Schwarz, Weiß und Grauschattierungen arbeitenden Bildern zwar das Blue-Collar-Amerika ganz realistisch darstellt, auf alle Menschenkörper aber Hundeköpfe setzt. Das hat eine ganz andere Wirkung als das sprachbegabte Federvieh im Entenhausen von Donald Duck. Es macht aus der Comicwelt keinen satirischen Zerrspiegel, in dem alles möglich ist. Es bringt eine zusätzliche Ebene der Melancholie in die Tristesse der Verhältnisse, in den Kampf der kleinen Leute darum, den ökonomischen Alltag geregelt zu bekommen, darüber aber nicht die schwierigen Beziehungen zu den wichtigen Menschen im Leben weiter zu beschädigen.

„Ausnahmezustand“ setzt nach der Wahl von Donald Trump ein und schrumpft die Spaltung der US-Gesellschaft aufs Individuelle herunter. In Rückblenden sehen wir, wie der Wahlkampf Mark und seine Frau einander entfremdet hat, wie die eine sich eifrig für Clinton engagierte und der andere – nun ja, im Vergleich da stand wie einer, der die Größe der Stunde, das Ausmaß der Entscheidungen, den Gang der Welt nicht begreift.

Außen Ruhe, innen Kampf

Sturm wählt ein ganz ruhiges, unaufgeregtes Format für „Ausnahmezustand“. Nie mehr als zwei Panels füllen eine Seite des Querformatbandes. Nichts ragt über den Kästchenrand hinaus, die Perspektive ist immer klar, extreme Nahbilder sind selten. Alles im Lot, suggeriert die äußere Form. Aber in den Bildern droht das Leben von Mark beständig, die letzten Strukturen zu verlieren.

Wer Comics für grundsätzlich niedlich hält, wer in arroganter Zuneigung glaubt, das Amüsante bei Bildgeschichten sei vor allem ihr vergeblicher Versuch, das große Leben in ein paar kleine Zeichnungen zu packen, der sollte mal ganz genau auf dieses Hundeköpfeuniversum blicken. Sturm, Jahrgang 1965, ist ein großartiger Comicmacher, der eher wenig publiziert, also nur, wenn er wirklich etwas zu sagen hat und sicher ist, die richtige Form dafür gefunden zu haben. Hier schließt er mit seinen Mitteln zu jenen großen Literaten der USA auf, die vom Alltag der Durchschnittsmenschen erzählen: Anne Tyler, Elizabeth Strout, Russell Banks, Richard Ford und Richard Russo etwa.

Verbohrt, aber anständig

Mark wurstelt sich durch, er scheitert manchmal schon daran, einen Abend mit den Kindern nicht entgleisen zu lassen. Aber der fast behäbige Pragmatismus der Zeichnungen drückt unterschwelligen Optimismus auch im Angesicht von 1-Prozent-Chancen aus: Mark hat Nehmerqualitäten. Er macht nicht alles richtig, er kann stur, verbohrt und ignorant sein, ist nicht flink, wendig oder wortgewandt. Aber seine Frustration kann den Anstand, der ihn ausfüllt wie Knochenmark die Knochen, eigentlich nicht antasten.

Und da kommt dann von außen ein Schrecken, ein Grusel, eine Beklemmung in diese Graphic Novel, ohne dass Sturm dazu ein eindeutiges Panel zeichnen müsste. Irgendwie hat Donald Trump es geschafft, auch Menschen wie Mark zu erreichen und auf seine Seite zu ziehen. Immerhin, das Buch endet mit dem Bild einer kotzenden Katze. Da würgt ein Tierchen etwas hervor, das es zwar gefressen hatte, das es nun aber doch nicht bei sich behalten will.

James Sturm: „Ausnahmezustand“. Reprodukt Verlag, Berlin. Aus dem Englischen von Sven Scheer. 216 Seiten, 24 Euro.




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