Weite, Melancholie und Geister: Im US-Bundesstaat Mississippi entstand der Blues. In Indianola wurde ihm das weltweit größte Museum gewidmet. Es ist zugleich der Heimatort einer Legende.

Die Orte liegen verstreut zwischen Baumwollfeldern, hier und da lugen Kirchtürme aus dem Flockenweiß heraus. Manche Friedhöfe sind fast so groß wie der Ort, zu dem sie gehören. Straßen und Gleise modellieren die bis an den Horizont grüne Landschaft. Mücken steigen aus den Wiesen, summende Libellen erreichen die Größe kleiner Vögel und sirren in schillernd bunten Farben durch die Luft. In der Bruthitze blähen sich Büsche auf und wild wuchernde Pflanzen schlängeln sich durch Holzstöße. Später in der Abenddämmerung schießen Fledermäuse zwischen Bäumen umher. Dies sei die Stunde der Geister, sagen die Einheimischen. Sie sind überwiegend schwarz, auf ihnen lastet die Vergangenheit schwer: Rassenhass, Willkür, Ausbeutung. Mississippi war lange Sklavenland.

 

Der Highway 61 kurvt durchs ganze Land, er ist deckungsgleich mit dem Mississippi Blues Trail, der zu den Zentren im "Birthplace of America’s Music" führt. Dunkelgrün bewachsene Flächen und Wälder durchbrechen die Feldermonotonie, tief hängen Stromleitungen zwischen altersgebeugten Masten. Gelegentlich wirbelt ein warmer Wind Staubfahnen auf und treibt sie hinauf in dramatische Wolkenformationen.

Auch darin seien Geister, sagen viele Afroamerikaner. Manche von ihnen sind Voodoo-Anhänger und sehen überall übersinnliche Kräfte am Werk. Das hilft ihnen im Mississippi-Delta, das von 31 großen Flüssen durchströmt wird und zudem das Mündungsgebiet des Mississippi ist, einer der größten Flüsse der Erde. Das Land sei wie ein Schwamm, sagen seine Bewohner, "so feucht und dick, dass er dir die Sohlen von den Schuhen saugt, schwerer als Teer, aber fruchtbar". Flach, mit auffallend mächtigen Bäumen besetzt, darüber gespannt ein gewaltiger Himmel. Und darin die Sonne, weißgelb und heiß, wie ein frisch gebratenes Spiegelei. "Wo die schimmernde Sonne Menschen in die schwarze Erde Mississippis hineinschmilzt", heißt es in einem Song von B.B. King.

Als Riley King wurde der heute 83 Jahre alte Musiker nahe dem Städtchen Indianola geboren, seine Mutter war noch Tochter einer Sklavin. Sie starb, als B.B., wie er genannt werden will, zehn Jahre alt war, sein Vater hatte sich vorher aus dem Staub gemacht. Fortan war der Junge auf sich selbst gestellt und pflückte Baumwolle. "Ich trug die Einsamkeit in meinem Herzen wie eine große Schande", bekennt er in seiner Autobiografie. Um seinen kärglichen Lohn aufzubessern, setzte er sich an die Hauptstraße von Indianola, um spirituelle Songs vorzutragen. Das gefiel den Frommen der Stadt, aber sie vertrösteten ihn auf Gotteslohn. Erst als der Jungmusiker statt von heiligen von unheiligen Dingen sang, von Frauen und Liebe, und beim geschickten Fingervibrato auf der Gitarre fast jeden Ton auf ganz eigene Art färbte, regneten Pennys in seinen Hut. "Mach weiter so, Junge", ermunterten ihn Passanten.

B.B. sang eine Zeile, wiederholte sie und reimte die dritte Zeile auf die ersten beiden. Das ergab den Zwölftakt-Blues, bei dem sich jede Zeile aus vier Takten zusammensetzt. In diese Grundform packt B.B. King bis heute seine Geschichten, seit fast 70 Jahren. "Im Grunde birgt der Blues alle menschlichen Gefühle", erklärt er. "Schmerz, Fröhlichkeit, Angst, Mut, Verwirrung, Sehnsucht, das Leid und die Wunder irdischer Liebe. Das ist das Geniale am Blues."