Krimikolumne

Uta-Maria Heim über das Phänomen Regionalkrimi Eine Heimat wie eine Fertigpizza

Von Uta-Maria Heim 

Der Regionalkrimi hat sich als Kuckucksei entpuppt. Er hält den ganzen deutschen Krimimarkt besetzt, andere Krimikonzepte hat er in die Hochkultur abgedrängt. Wie kam es zu diesem Erfolg? Die Krimiautorin Uta-Maria Heim hat eine schlüssige Erklärung.

In der Realität bauen wir  Dörfer und Städte zu ungemütlichen Orten um. Im Regionalkrimi basteln wir uns dann eine neue  Heimat zurecht. Foto: Michael Steinert
In der Realität bauen wir Dörfer und Städte zu ungemütlichen Orten um. Im Regionalkrimi basteln wir uns dann eine neue Heimat zurecht. Foto: Michael Steinert

Stuttgart - Wenn meine Mutter dem Ochsen das Geschirr anlegte und ihn zum Pflügen mit aufs Feld nahm, dann wusste sie, was sie tat. Wenn ich heute, siebzig Jahre später, ins Internet eintrete, kapiere ich nichts mehr. Das weltweite Netz ist unendlich komplexer als ein Kartoffelacker, und dass ich mein eigenes Treiben nicht verstehe, stempelt mich zu einer Idiotin. Das geht anderen Leuten genauso. Nahezu nichts von dem, was uns widerfährt und was wir tun, können wir uns erschließen. Scheinbar sind wir gebildet, doch hinter jeder gescheiten Antwort lauert der unerforschliche Abgrund, und das Unbegreifliche schürt unsere Überforderung und Ohnmacht. Wir sind dauernd der Depp. Die Sehnsucht nach Überschaubarkeit, nach dem wiedererkennbaren Geschmack, der Jugend und Tugend, dem Triumph des eigenen Vorurteils, nach Heimat also im schlichtesten Sinne, führt dazu, dass wir gern zu Waren greifen, denen wir in jeder Hinsicht gewachsen sind und vorschnell vertrauen: Zur Fertigpizza. Zur Hitparade. Zum Regionalkrimi.

Letzterer hat es, in einem Landstrich explodierender globaler Ansprüche, in der Südwestlage, zu einer irrationalen Blüte gebracht, die vielleicht nur noch vom DAX übertroffen wird. Doch im Gegensatz zu Letzterem haftet dem deutschsprachigen Regionalkrimi der Anspruch an, er sei authentisch. Verbürgt, zuverlässig. Fiktional zwar, doch wurzelnd in der Wirklichkeit, mit einem unumstößlichen Wahrheitscharakter versehen. Dieser Qualitätsanspruch gilt gerade für die Krimi-Erzeugnisse made in Baden-Württemberg, denen man, wie einst den Wecken und Weckern, solides Handwerk bescheinigt. Wie auch immer es damit im Einzelfall bestellt sein mag: Der Regionalkrimi widmet sich mit Feuereifer der Bekräftigung des Bestehenden; er tradiert die Normen, die in der kollektiven Volksseele verankert sein sollen. Überraschung wird vermieden. Alles Konservative obsiegt. Das schenkt der wachsenden Kundschaft Überlegenheit und Heimat.

Die ideale Ordnung der Verhältnisse

Das Phänomen Regionalliteratur ist überaus mehrheitsfähig und mancherorts sogar massenkompatibel. Während der Großteil der internationalen Krimi­Produktion immer literaturaffiner wird und mit Formen und Farben experimentiert, widmet sich der zunächst scheinbar randständige Regio-Krimi der ureigenen Funktion, die Kriminalliteratur seit ihrer Entstehung rund zwei Jahrhunderte lang hatte: Er stellt die ideale Ordnung der ­Verhältnisse wieder her. Nur im Regionalkrimi kann man sich wirklich noch darauf verlassen, dass man seine Sicht der Dinge wiederfinden, sich mit den Helden identifizieren und am Schluss durchblicken und aufatmen darf. Das Happyend wird nur hier noch garantiert. Der restliche globale Krimi­-Kosmos ist auf den letzten Waggon der Moderne aufgesprungen und rebelliert gegen den althergebrachten Anspruch, mit aufklärerischen, moralischen und letztlich unliterarischen Mitteln das Gute siegen zu lassen und die Verhältnisse zu stabilisieren. Da wird montiert, irritiert und verstört, ­Perspektiven, Zeitebenen und Subgenres purzeln wild durcheinander, die Handlung wird verhackstückt, und gen Ende schwelt die Bedrohung gar munter weiter.

Ein Gutteil des angestammten Krimi-Publikums will dieses Leserisiko nicht mittragen und greift zu den gemütlich-touristisch aufgemachten Hochglanz­stapeln. Somit kann man von einer feindlichen Übernahme sprechen: Das einstige Kuckucksei Regio-Krimi besetzt das ureigene Feld der Kriminalliteratur inzwischen vollkommen, letztere ist in den Rang der Romankultur aufgerückt. Wo aber läuft nun die eigentliche Literatur hin? Ganz einfach – es läuft an der Spitze auf eine Nivellierung hinaus. Auch Hoch­literaten schreiben immer mehr unverdauliche Krimis.

Kein Mensch unterwegs

Das Landleben mit all seinen Freuden und Schrecknissen, wie es für meine Mutter normal war, ist verloschen. Schwarzwald und Schwäbische Alb sind durchzogen von zersiedelten Ortschaften, deren Kerne tot sind. Verlassene Höfe, Abbruchbuden, Beton-Banken prägen das Gesicht der Hauptstraße, verrammelte Kirchen und aufgelassene Wirtshäuser sind die Gräber auf dem Friedhof einer Dorfkultur. Am Dorfrand winkt der Fußballverein. Der Rasen ist verstrubbelt, das Vereinsheim düster. In den Industriegassen Supermärkte und Wellblechklitschen, im Neubaugebiet Tiefgaragen mit Zugang zum Haus. Kein Mensch ist unterwegs. Doppelverdiener fahren vom Arbeitsplatz in der nahen Mittelstadt direkt auf zum versenkbaren Flachbildschirm im Wohnzimmer. Nachwuchs wird kilometerweit in pädagogisch vegane Unterbringungen verfrachtet, der Hund fremdversorgt. Keiner kennt den Nachbarn. Der Ort, an dem man lebt, bleibt verkehrsgünstig, finanzierbar und anonym. Die Eltern müssen irgendwann in ein ebensolches Pflegeheim.

In einer derartigen Welt, da ist keine Heimat mehr möglich. Es gibt auch keine Ausflucht. Passstraßen führen ins immer gleiche trostlose Bild. Die verwahrlosten Hotelburgen und Pensionen aus dem Naherholungsparadies des abgebrannten Wirtschaftswunders salutieren hinter den Todeskurven.