InterviewUwe Hück Eine Fabrik in der Fabrik

Politik: Matthias Schiermeyer (ms)
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Hat Porsche auch Arbeitsplätze für Flüchtlinge zu bieten?
Ich will bis Ende des Jahres eine Zeitenwende-Vereinbarung machen. Wenn wir das hinkriegen, bauen wir viele Arbeitsplätze auf und brauchen entsprechend neue Kräfte.
Was ist das für ein Projekt?
In den nächsten fünf Jahren werden wir einen solchen Wandel in der Technologie erleben wie in den letzten 30 Jahren. Wenn man nicht entsprechend schnell umdenkt, werden wir den Wettbewerb verlieren, bevor wir es gemerkt haben. Ich möchte daher das Auto 2020 haben – wir brauchen die Technologie der Zukunft. Wir werden eine Fabrik in der Fabrik bauen, die Fabrik 4.0. Dabei werden die Beschäftigten von körperlicher Arbeit entlastet. Bisher sind die Roboter im Karosseriebau noch in Käfige gesperrt. Künftig werden Roboter und Menschen gemeinsam arbeiten. Die Frage ist doch: Brauchen wir das, was wir heute haben, noch für die Zukunft? Da müssen wir umdenken.
Es geht um eine siebte Modellreihe, die von 2020 an realisiert werden soll?
Ich bin derzeit mitten in den Verhandlungen und kann mich deshalb dazu noch nicht äußern. Fakt ist: Elektrofahrzeuge schaffen den Durchbruch, das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. In wenigen Jahren wird die Gesellschaft so weit sein.
Wann sollen die Verhandlungen abgeschlossen sein?
Ende des Jahres. Im Dezember wissen Sie, ob und in welchem Umfang wir mit dem Projekt zusätzliche Jobs aufbauen. Wenn es uns gelingt, das Paket zu schnüren, bedeutet das einen erheblichen Beschäftigungszuwachs. Wir werden Mitte 2016 alle Zweitürer in Zuffenhausen haben. Dafür haben wir einen neuen Karosseriebau, der aber nur für Zweitürer ausgelegt ist. Nun wollen wir unter anderem noch einen neuen Karosseriebau, der auf Produktion 4.0 ausgelegt ist. Dies und weitere Vorhaben würden zusätzliche Investitionen von über einer Milliarde Euro bedeuten. Wir liegen dann über das Jahrzehnt hinaus schon bei Investitionen von zwei Milliarden Euro in Zuffenhausen. Das hat es noch nie gegeben. Wir müssen mehr Intelligenz reinbringen, sonst können wir die hohen Löhne bei uns nicht mehr finanzieren.
Brauchen Sie dafür nur noch Hochqualifizierte, denn An- und Ungelernte können da nicht mehr mithalten?
Für die Fabrik 4.0 werden wir auch Jugendliche nehmen, die sonst keine Chance haben. Wir brauchen nicht nur Akademiker. Heute gehen doch selbst Jugendliche ohne Schulabschluss mit der Technologie um. Wir brauchen nicht junge Menschen, die alle Diktate fehlerfrei schreiben, sondern die sich in der virtuellen Welt sofort zurechtfinden.
Wie reagieren Ihre Kollegen darauf?
Auch wenn ich mit meiner Gewerkschaft rede, kommt es mir manchmal so vor, als käme ich mit dem Fahrrad zum Hufschmied, der sich nach Jahrhunderten der Kutschfahrt verdrängt fühlt. Wir müssen Denkschranken überwinden. Passt unser System der Arbeitsentlastung noch? Das wäre auch eine Herausforderung für die Tarifpolitik. Und wir müssen unseren Kindern ehrlich sagen: Ihr müsst flexibler sein und stets dazulernen. Ihr werdet auch nicht mit 65 in Ruhestand gehen können. Die junge Generation muss mit Sicherheit bis 70 arbeiten – vielleicht weniger Stunden in der Woche. Und es wird eine solidarische Rente geben: Wer kann, darf länger arbeiten – wer nicht kann, geht früher. So etwas haben wir bei Porsche ja heute schon.
Wenn später auch andere Modelle nach dem 4.0-Standard gebaut werden, bedeutet das doch einen Verlust von Arbeitsplätzen?
Das ist ein Trugschluss. Ich bin davon überzeugt: durch die neue Technologie werden wir mehr Arbeitsplätze in Deutschland schaffen – es werden allerdings andere sein als bisher und besser bezahlte. Home Office wird eine viel größere Bedeutung bekommen, irgendwann können Anlagen von zu Hause aus gesteuert werden.

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