InterviewUwe Hück „Wer die Flüchtlinge ablehnt, ist gegen Wohlstand“

Uwe Hück  will die Erfahrungen aus seiner  eigenen Stiftung mit lernschwachen Jugendlichen auf Porsche übertragen. Junge Flüchtlinge sollen beim Sportwagenbauer  eine Chance bekommen. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth
Uwe Hück will die Erfahrungen aus seiner eigenen Stiftung mit lernschwachen Jugendlichen auf Porsche übertragen. Junge Flüchtlinge sollen beim Sportwagenbauer eine Chance bekommen. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Porsche-Betriebsratschef Uwe Hück spricht über Rassismus im Unternehmen und über Maßnahmen, um Flüchtlinge in Arbeit zu bringen.

Politik: Matthias Schiermeyer (ms)
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Stuttgart – - Auch die Wirtschaft nimmt sich des Flüchtlingsstroms an. Porsche plant für 15 junge Menschen ein Förderjahr, nach dem sie eine Ausbildung beginnen sollen. Die latente Fremdenfeindlichkeit in der Industrie bleibt ein Thema.

 

Herr Hück, Porsche-Chef Müller hat an die Verantwortung von Wirtschaft und Politik bei der Bekämpfung von Fremdenfeindlichkeit erinnert – sehen Sie auch ein Übermaß an Zurückhaltung bei den Unternehmen?
Ich finde es unheimlich cool, dass er etwas dazu gesagt hat. Dazu gehört Mut, und ich glaube, auch seine eigene Lebensgeschichte hat ihn dazu getrieben. Das Problem ist, dass die deutsche Wirtschaft verlernt hat, Stellung zu nehmen. Sie darf dies den Politikern nicht allein überlassen.
Müller spricht von einem Risiko, sich über Rassismus zu äußern – was ist gemeint?
Die Gesellschaft ist insgesamt noch nicht weit genug, den Rechten zu sagen: Dieser Sumpf muss ausgetrocknet werden. Politiker, die sich da äußern, müssen Drohungen aus dem rechten Lager hinnehmen. Da müssen wir gegensteuern. 2025 wird Deutschland etwa 6,5 Millionen Arbeitskräfte zu wenig haben, um den heutigen Wohlstand zu halten. Wer gegen die Flüchtlinge ist, der ist auch gegen den Wohlstand – so einfach ist das. Die Wirtschaft muss den Mut haben, zu sagen: Lasst sie rein. Wenn die CSU behauptet, wir sind kein Einwanderungsland, ist das ungefähr so, als wenn man behaupten würde, in Bayern gäbe es keine Kühe.
Die Porsche-Belegschaft vereint 56 Nationen. Gibt es dort oder in anderen Unternehmen eine latente Fremdenfeindlichkeit?
Es gibt überall Sünder, und es gibt auch bei Porsche unterschiedliche Auffassungen. In der Griechenland-Diskussion habe ich in der Belegschaftsversammlung massiv darauf hingewiesen, dass die Griechen nicht als Pleitegeier oder Ähnliches beschimpft werden sollten. Oder wenn die Türken mit den Kurden eine Auseinandersetzung pflegen, muss man den Kollegen sagen: Ihr kommt ins Werk, um zu arbeiten – nicht um Politik zu machen. Es gehört auch Mut dazu zu sagen: Jetzt ist Schluss.
Was bewirkt dann die seit einigen Jahren laufende Anti-Rassismus-Kampagne in der Metall- und Elektroindustrie?
Ich mache seit 20 Jahren Jugendarbeit und habe aufgehört zu glauben, dass die Menschen alle heilig sind. Ich kann auch nicht jeden auf die richtige Bahn bringen. Als Aufsichtsratsmitglied bei VW habe ich zudem Einblick in ausländische Betriebe bekommen und dadurch erfahren, dass Rassismus kein rein deutsches Problem ist.
Sollte Porsche Flüchtlinge ausbilden?
Matthias Müller und ich werden in Zuffenhausen keine Geschenke an Flüchtlinge verteilen. Wir wollen eine Integrationspolitik durch Sprachförderung und Ausbildung. Wir wollen ihnen Deutschkurse anbieten und im ersten Schritt 15 von ihnen ein Förderjahr bei Porsche machen lassen. Ziel ist es, sie so an die Ausbildungsreife heranzuführen, damit sie nach dem Jahr ihre Ausbildung bei uns beginnen können. Dazu brauchen wir natürlich neben Sprachlehrern auch Sozialpädagogen, denn viele Flüchtlinge sind durch die Dinge, die sie erleben oder mit ansehen mussten, stark traumatisiert. Und jeder Vorstand und natürlich ich selbst übernehmen eine Patenschaft für einen der Flüchtlinge, um eine bessere Integration zu fördern. An diesem Freitag haben wir das neue Ausbildungszentrum bei Porsche eröffnet. Jetzt wollen wir sie mit den Auszubildenden zusammenbringen und unser Projekt umsetzen.
Wie gibt man all den Flüchtlingen Arbeit?
In der Industrie haben wir kein so großes Problem mit dem Fachkräftemangel wie die Handwerker, die meist Familienbetriebe sind. In meiner Lernstiftung bringe ich Schulabbrecher, die man nicht links liegen lassen darf, mit Handwerksbetrieben zusammen. Betreut werden sie von Pädagogen. So muss das auch bei den Flüchtlingen laufen. Die Wirtschaft sollte einen Fonds gründen, um das zu finanzieren – und der Staat muss für Betreuungspersonal sorgen, um die Flüchtlinge mit ihren Traumatisierungen ins Leben zurückzuführen.

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