Uwe Hücks Abgang bei Porsche Die Spekulationen um Hück reißen nicht ab

Genossen unter sich: die neue SPD-Galionsfigur Uwe Hück (links) und SPD-Landeschef Andreas Stoch Foto: Petra Hertweck/SPD/dpa

Was ist die ganze Wahrheit hinter dem Abgang von Uwe Hück bei Porsche? Die Belegschaft beschäftigt das nach wie vor, doch die potenziell eingeweihten Stellen sagen wenig bis nichts.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Andreas Müller (mül)

Stuttgart - Uwe Hück bekommt ganz große Augen, als der geheimnisvolle Aktenkoffer endlich aufgeklappt wird. Sekundenlang starrt der Ex-Betriebsratschef von Porsche staunend („Booaahh“) auf den Inhalt, der für die Zuschauer noch vom Deckel verdeckt wird. Erst dann schwenkt die Kamera herum und zoomt auf ein geprägtes Blechschild im Innern – „Respekt“ steht darauf, der Titel der Gewerkschaftskampagne gegen Rassismus, für die das Video wirbt. Ganz anders verläuft die Szene in einer verballhornten Version des Filmes, die derzeit in der Porsche-Belegschaft kursiert. Nach dem Schwenk um den Koffer sieht man zwei Hände in dicken Geldbündeln wühlen. Dazu werden Schlagzeilen über den Verdacht eingeblendet, dass begehrte Jobs bei Porsche mit Schmiergeldzahlungen an Betriebsräte ergattert worden seien. „Uhh-wee“ hämmert derweil im Hintergrund der musikalische Refrain.

 

Offizielle Erklärung nur die halbe Wahrheit?

Das Video zeigt, wie sehr der Abgang Hücks seine Ex-Kollegen noch immer beschäftigt. Zweieinhalb Monate ist es inzwischen her, dass der lange so mächtige Betriebsratschef eines Montags plötzlich seinen Ausstieg verkündete: Er wolle fortan sein soziales Engagement verstärken und in die Politik einsteigen. Doch vielen Mitarbeitern des Sportwagenbauers gilt diese Erklärung allenfalls als die halbe Wahrheit. Bis heute rätseln sie, ob der Rückzug wirklich ganz freiwillig erfolgte und was tatsächlich dahinter steckt.

Seit auch noch ein Betriebsrat ausschied, der Hück zeitweise als Fahrer gedient hatte, sind die Zweifel wieder gewachsen. Der Mann wurde nach StZ-Informationen bei einer erheblichen Unregelmäßigkeit ertappt – und unterschrieb anschließend einen Aufhebungsvertrag. Offiziell verließ er das Unternehmen damit freiwillig, doch bei seiner Willensbildung dürfte die wenig verlockende Alternative eine gewisse Rolle gespielt haben: Eine Kündigung samt Information an die Ermittlungsbehörden wäre wohl ebenfalls möglich gewesen.

Die Hinweise aus der Belegschaft reißen nicht ab

Wurde auch bei Hück der Wunsch, Porsche zu verlassen, diskret befördert? Der 56-jährige selbst bestreitet nach wie vor, dass es weitere, nicht bekannte Gründe für sein Ausscheiden gebe. Doch das Agieren des Unternehmens, des Betriebsrates und der Gewerkschaft lässt Raum für Spekulationen. Nicht wenige Porschianer glauben, dass diese eine Art „Schweigekartell“ bilden, um nicht die ganze Wahrheit publik werden zu lassen.

Offiziell versichert die Porsche-Spitze, man gehe allen Hinweisen auf Unregelmäßigkeiten nach. Bis heute landen anonyme Tipps aus der Belegschaft beim Vorstand, dem Aufsichtsrat oder der für Regeltreue zuständigen Chefkontrolleurin – und teilweise auch bei den Medien. Meist geht es in den Schreiben um Mauscheleien beim Personal, um „Amtsmissbrauch“ oder interne Seilschaften. Über die Ergebnisse der Überprüfung erfährt man wenig, auch aus Gründen des Datenschutzes. Gravierendes habe sich bisher nicht ergeben, verlautet inoffiziell. Bei der Staatsanwaltschaft ist jedenfalls noch nichts angekommen, was zu Ermittlungen geführt hätte. Gleichwohl machen regelmäßig Gerüchte die Runde, nun habe es endlich eine Durchsuchung gegeben – was stets dementiert wird.

Im Zweifel kein Rechtsschutz von der IG Metall

Hücks Nachfolger als Betriebsratschef, Werner Weresch, gehört ebenfalls zu den Schweigern. Die Öffentlichkeit meidet der 57-jährige, ganz anders als sein medienaffiner Vorgänger. Intern soll Weresch laut Mitarbeitern mehrfach gemahnt haben, bloß nicht mit recherchierenden Journalisten zu reden; auch ihm säßen solche schon im Nacken. In der langen, engen Zusammenarbeit mit Hück, glauben Porschianer, könnten Weresch etwaige Unregelmäßigkeiten nicht verborgen geblieben sein.

Von „solchen Gerüchten“ hat auch der langjährige Betriebsbetreuer der IG Metall, Hansjörg Schmierer, gehört. Er habe darauf hingewiesen, dass das Unternehmen diese „nachverfolgen und aufklären müsse“, lässt er ausrichten. In einer Versammlung von Vertrauensleuten habe der Betriebsrat vor kurzem mitgeteilt, dass die Untersuchung laufe. Schmierers Reaktion darauf: Sollten sich Vorwürfe bewahrheiten und Mitglieder der IG Metall betroffen sein, hätten diese „keinen Anspruch auf Rechtsschutz“ durch die Gewerkschaft.

Die Landesspitze der IG Metall hatte es zuvor als „ungeheuerlich“ bezeichnet, sollte es bei Einstellungen zu Korruption gekommen sein – ganz so, als hörte sie durch Medienrecherchen davon zum ersten Mal. Mit den Werten der Gewerkschaft wäre dies „selbstverständlich nicht vereinbar“, betonte eine Sprecherin. Beschäftigte würden aber nicht vom Betriebsrat, sondern von der Unternehmensleitung eingestellt. Diese sei auch verantwortlich dafür, dass Vorwürfe „ordentlich untersucht und aufgeklärt werden“. Das Verhältnis zwischen Hück und seiner IG Metall galt zuletzt als nicht einfach. Einerseits war Hück für die Gewerkschaft schwer steuerbar, andererseits verdankte sie auch ihm ihre starke Stellung bei Porsche. Neulingen bei dem Autobauer wurde schnell klar gemacht, dass die Mitgliedschaft in der IG Metall viele Vorteile habe.

SPD-Chef hat „keinen Zweifel“ an Hücks Version

Fragen nach ihrer neuen Galionsfigur Uwe Hück muss auch die Landes-SPD beantworten. Ob er sich vergewissert habe, dass der Ex-Betriebsratschef bei Porsche nicht in problematische Vorgänge verstrickt gewesen sei oder solche zumindest geduldet habe? Vor Journalisten gab der Parteichef Andreas Stoch darauf kürzlich zweimal die gleiche Antwort: Er habe „keine Zweifel“, dass Hück – inzwischen Spitzenkandidat für die Kommunalwahl in Pforzheim – „aus freien Stücken“ ausgeschieden sei. Dessen Begründung klinge für ihn plausibel, auch von Seiten der Gewerkschaften habe er nichts Gegenteiliges gehört, sagte Stoch. Anders als die Staatsanwaltschaft habe die SPD freilich nicht die Möglichkeit, eigene, vertiefte Ermittlungen anzustellen.

Porsche-Chef informierte Kretschmann vorab

Sogar Winfried Kretschmann (Grüne) äußerte sich vor der Presse schon zweimal zum Fall Hück. Erst vor zwei Jahren hatte er dem Betriebsratschef persönlich das Bundesverdienstkreuz am Bande überreicht, für sein soziales Engagement. Ob damals auch Gründe geprüft worden seien, die einer Ehrung entgegenstünden? Das mache man generell, antwortete der Ministerpräsident, aber die Möglichkeiten der Regierung seien begrenzt.

Später berichtete Kretschmann noch, wie er vom Rückzug Hücks erfahren habe. Porsche-Chef Oliver Blume habe ihn telefonisch bereits am Vortag informiert – aber nur über das Faktum, nicht über Gründe.

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