In Stuttgart geborene Fotografin Fotos von Gerda Taro überschmiert

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Unbekannte haben in Leipzig aufgestellte Bildtafeln der in Stuttgart geborenen Fotografin Gerda Taro über Krieg und Flucht zerstört.

Geschwärzte Installation mit Aufnahmen von Gerda Taro in Leipzig. Foto: André Kempner
Geschwärzte Installation mit Aufnahmen von Gerda Taro in Leipzig. Foto: André Kempner

Leipzig - „Schwarze Schande – Farbattacke auf Freiluftgalerie“ titelte die „Bild“-Zeitung in ihrer Leipziger Ausgabe vom 5. August 2016. In der Nacht zuvor hatten Unbekannte eine Installation im öffentlichen Raum mit Bildern der Kriegsfotografin Gerda Taro mit Teerfarbe übermalt. Die Tafeln an der Straße des 18. Oktober waren Teil des Festivals Fotografie f/stop, das sich in diesem Jahr der Flüchtlingsthematik widmete. Ein vandalistischer Akt von rechtsradikaler Seite liegt daher auf der Hand, auch wenn die Ermittlungen der Leipziger Polizei noch nichts ergeben haben.

Denn Gerda Taro, 1910 in Stuttgart als Gerta Pohorylle geborene Fotografin, war Jüdin und Sozialistin. Und sie dokumentierte mit ihrem Partner Robert Capa die Schrecken des Spanischen Bürgerkriegs. Ihre Fotos wurden in vielen internationalen Zeitschriften gedruckt, beide gelten heute als Vorreiter der modernen Kriegsfotografie. 1937 erlitt Taro beim Versuch, aus einem Gefechtsgebiet nahe Madrid zu entkommen, einen tödlichen Unfall. Der Trauerzug zu ihrer Beisetzung auf dem Friedhof Père Lachaise in Paris, angeführt von den Dichtern Pablo Neruda und Louis Aragon, wurde zu einer Demonstration gegen den Faschismus.

In Stuttgart ist der Name Gerda Taro längst kein unbekannter mehr. 2008 wurde eine Platzanlage an der Hohenheimer Straße auf ihren Namen getauft, ihr Werk 2010 im Stuttgarter Kunstmuseum unter dem Titel „Krieg im Fokus“ ausgestellt. Auch in New York, Paris oder Madrid ist sie bekannter als in Leipzig, von wo sie 1933 ins Exil nach Paris geflohen war und wo es immerhin seit 1970 eine Gerda-Taro-Straße gibt. Mit ihrer Installation, der ersten Ausstellung in Leipzig über die Fotografin überhaupt, wollten die Kuratoren des f/stop-Festivals, Anne König und Jan Wenzel, an Gerda Taro erinnern. Zu sehen waren auf den Tafeln Szenen aus dem Spanischen Bürgerkrieg: Frauen, Kinder, Alte – Elend und Leid, das Unschuldige erlitten. Parallelen zu den Bürgerkriegen im Nahen Osten und zu den Flüchtlings­strömen heute ließen sich kaum übersehen.

Sorge vor potenziellen Nachahmern

Irme Schaber, in Schorndorf lebende Wiederentdeckerin und Biografin Taros, die zur Eröffnung der Installation einen Vortrag in der Leipziger Baumwollspinnerei hielt, freute sich über das große Publikumsinteresse, vor allem auch junger Leute. Nach der Zerstörung der Tafeln zögerte sie jedoch, die Nachricht auch daheim zu verbreiten – aus Sorge, dass potenzielle Nachahmer den Taro-Platz mit ähnlichen Schmierereien verunstalten könnten.

In einer Erklärung schreibt der Verein Zentrum für Zeitgenössische Fotografie Leipzig, der das s/stop-Festival veranstaltet, zu dem Vorfall: „Der Umgang mit einem Kunstwerk im öffentlichen Raum ist immer auch ein Lackmus-Text für den Zustand des Gemeinwesens . . . Unser Wunsch ist es, die Bilder von Gerda Taro in den Stadtraum zurückzubringen. Die Geschichte von Flucht und Kriegsgewalt lässt sich nicht ausstreichen. Die Bilder müssen sichtbar bleiben. Die Wiederherstellung des Displays kann nicht ohne öffentlichen Diskussionsprozess gelingen . . . Es braucht eine Stadt­gesellschaft, die die Bilder von Gerda Taro schützt.“




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