Vanessa Mai im Gespräch „Ich würde mich nicht als Feministin bezeichnen“

Vanessa Mai beim Fotoshooting im Stuttgarter Club Kowalski, weitere Bilder sind in der Galerie zu sehen. Sie ist immer präsent, nicht nur vor der Kamera des Fotografen... I Foto: STZ Magazin/ Christian Borth

Vom Dorffest ganz nach oben. Vanessa Mai aus Backnang lebt ihren Traum als Popsängerin, die sich immer weiter vom Schlagerimage entfernt. Ein offenes Gespräch über Klischees, ihren Hauptschulabschluss, Feminismus und ihre berühmte Schwiegermutter Andrea Berg.

Freizeit & Unterhaltung: Anja Wasserbäch (nja)

Vanessa Mai startete vor knapp zehn Jahren als Schlagersängerin – und ist heute einer der wenigen echten deutschen Popstars. Für die Backnangerin bedeutet das auch den täglichen Kampf gegen Neid und Kleingeist. Ein Treffen

 

Vanessa Mai, in „Wolke 7“, einem Ihrer ersten großen Hits mit der Band Wolkenfrei, sangen Sie: „Will heut’ Nacht bis ans Limit geh’n/ Und über alle Grenzen seh’n“. Wie gehen Sie selbst mit den Grenzen um, an die Sie stoßen?

Ich teste Grenzen gern aus. Das kommt wohl daher, dass ich in meiner Karriere so oft mit Beschränkungen aller Art konfrontiert worden bin. Es scheint die „story of my life“ zu sein, dass ich immer wieder in Schubladen gesteckt werde und mich dann gezwungen sehe, aus ihnen auszubrechen.

Der sogenannte Schlager gehorcht weiterhin streng konservativen Regeln?

Ein Beispiel: Als ich 20 Jahre alt war und mit Schlager auftrat, sagten mir viele, ich dürfe mich nicht in zerrissenen Jeans auf die Bühne stellen. Ich fragte zurück: Warum denn eigentlich nicht? Und machte es natürlich trotzdem. In den letzten Jahren habe ich allerdings die Erfahrung gemacht, dass man mit Widerstand dauerhaft Grenzen verschieben kann. Je mehr ich mich befreie, desto weniger stoße ich irgendwo an. Das ist ermutigend.

Wie erklären Sie sich das?

Offenbar habe ich die Leute dazu erzogen, offener zu werden. Meine Fans haben sich mit mir weiterentwickelt und fühlen sich auch selbst immer mutiger, ihren eigenen Weg zu gehen. Es kommen auch neue Leute dazu, die von vornherein keine Berührungsängste haben.

„Man soll lieber nicht anecken und nichts tun, was die Zielgruppe verärgern könnte.“

Wolkenfrei hieß die Gruppe, als deren Sängerin Sie Ihre Karriere starteten. Der Bandname klingt nach Sorglosigkeit und Sonnenschein. Wie viel davon gibt es wirklich in der Schlagerbranche?

Gegen das Heile-Welt-Image, das das Schlageruniversum nach außen verbreitet, ist an sich nichts zu sagen. Daran, dass unsere Branche in erster Linie für Unterhaltung sorgt, ist nichts Schlimmes. Was ich allerdings gar nicht mag, ist, dass Künstlerinnen und Künstlern dabei oft suggeriert wird, sie dürften keine Haltung zeigen und ihre Meinung nicht öffentlich vertreten. Man soll lieber nicht anecken und nichts tun, was die Zielgruppe verärgern könnte.

Und wie gehen Sie damit um?

Wenn ich mich positionieren will, dann tue ich das. Wenn anschließend hundert Tickets weniger verkauft werden, ist das halt so.

„Allerdings sollte man dabei nicht vergessen, dass ich einen starken Mann an meiner Seite habe.“

So selbstbestimmt agierende, ihre Grenzen selbst definierende Frauen wie Sie werden oft als Feministinnen wahrgenommen. Mögen Sie den Begriff?

Ich würde mich nicht als Feministin bezeichnen, obwohl Sie natürlich recht haben: Ich werde als selbstbewusste, starke Frau gesehen. Allerdings sollte man dabei nicht vergessen, dass ich einen starken Mann an meiner Seite habe.

Mit Andreas Ferber sind Sie seit 2017 verheiratet, er ist auch Ihr Manager. Was macht das mit einer Beziehung?

Ich kann nur von uns sprechen, bei uns ist es schlichtweg perfekt. Wir haben uns gefunden, obwohl zumindest er mich gar nicht gesucht hat.

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Wie meinen Sie das?

Ich war mir hundertprozentig sicher, dass ich ihn heiraten würde, und bin ihm ein ganzes Jahr lang erfolglos hinterhergerannt. Ich war supernervig, superunangenehm. Als nichts voranging, wurde es mir irgendwann zu blöd und ich hörte auf. Genau in dem Moment hat es dann doch noch funktioniert.

„Von außen wurde gewaltige Spannung erzeugt, obwohl Andrea Berg und ich zunächst wenig miteinander zu tun hatten.“

Ihr Mann ist der Stiefsohn des Schlagerstars Andrea Berg. Das hat schon für viele Boulevard-Schlagzeilen gesorgt. Wie ist Ihr Verhältnis wirklich?

Ich bin 2012 in die Familie hineingekommen, als meine Karriere noch am Anfang stand und Andrea Berg schon lange sehr erfolgreich war. Bevor wir uns überhaupt persönlich kennenlernen konnten, wurde in der Presse bereits spekuliert, welchen Stress es zwischen Schwiegermutter und Schwiegertochter gäbe. Von außen wurde gewaltige Spannung erzeugt, obwohl Andrea Berg und ich zunächst wenig miteinander zu tun hatten. Inzwischen haben wir ein gutes Verhältnis zueinander aufgebaut.

Sie werden im Internet häufig für Ihre körperbetonten Fotos attackiert. Wie geht es Ihnen damit?

Ich zweifle keine Sekunde an meinem uneingeschränkten Recht, alles zu tun, was ich will, ohne dafür angegriffen zu werden. Den Unterschied zwischen dem, was ich privat bin, und was Bühne und Show ist, sollte doch jede und jeder einschätzen können. Ich fühle mich in meinem Körper wohl, bin entspannt und bekomme von jungen Mädchen viel positives Feedback.

„Die Leute kapieren nicht, dass es eben nicht okay ist, eine Frau wegen eines solchen Bildes zu verletzen und zu beleidigen.“

Und was ist mit den negativen Kommentaren, in denen Ihre Freizügigkeit kritisiert oder gar beschimpft wird?

Viele erklären ihre Kommentare damit, dass ich das doch abkönnen müsse, wenn ich schon ein Bikinifoto poste. Aber das stimmt nicht. Die Leute kapieren nicht, dass es eben nicht okay ist, eine Frau wegen eines solchen Bildes zu verletzen und zu beleidigen. Da müssen viele noch einiges lernen.

Sie bespielen viele verschiedene Kanäle. Haben Sie eine Lieblingsplattform?

TikTok mag ich sehr, weil hier einfach Momente des Spaßes gefeiert werden. Die Unkultur der Shitstorms und negativen Kommentare ist auf Instagram zuletzt immer stärker geworden, jetzt schwappt sie ein bisschen auch auf TikTok über. Das merkt man.

Seien Sie froh, dass Sie nicht auf Twitter sind.

Da bin ich auch ab und zu. Aber ich versuche, es so gut wie möglich zu ignorieren.

„Ich bin ein echtes Schwabenkind, meine Kindheit fühlte sich sehr behütet an, ich erfuhr viel Liebe“

Sie sind in Backnang geboren und aufgewachsen und wohnen immer noch dort. Wollten Sie nie ausbrechen?

Nein, nie. Ich liebe es einfach dort. An diesem Ort darf ich einfach ich selbst sein, jeder kennt mich. Meine Eltern leben 200 Meter Luftlinie von mir entfernt. Dieses familiär geprägte Leben gefällt uns allen.

War das Aufwachsen in der Provinz wirklich so idyllisch?

Ich habe es zumindest so wahrgenommen. Ich bin ein echtes Schwabenkind, meine Kindheit fühlte sich sehr behütet an, ich erfuhr viel Liebe. Meine Familie hatte nicht viel Geld, unsere Wohnung war eher klein. Trotzdem hat sie mich immer gefördert, ich konnte zum Klavier- und Tanzunterricht gehen. Im Sommer fuhren wir nach Kroatien, nach Rijeka.

In die Heimat Ihres Vaters. Bei Ihren ersten Auftritten auf dem Dorffest standen Sie gemeinsam mit ihm auf der Bühne.

Mein Vater begann mit 16 mit der Musik und machte sie zu seinem Hauptberuf. Als er wegen meiner Mutter nach Deutschland kam, musste er zunächst eine Zeit lang in einem Lager arbeiten, kehrte dann aber wieder zur Musik zurück. Ihm verdanke ich, dass mein Traum, Sängerin zu werden, für mich nie etwas Abstruses hatte.

„Meine Vorbilder waren Christina Aguilera und Britney Spears.“

Wer hat Sie musikalisch sozialisiert?

Meine Vorbilder waren Christina Aguilera und Britney Spears. Mein Zimmer war voll mit ihren Postern, es gab hier keine Boybands. Diese zwei starken Frauen haben mich geprägt, auch vom Look her. Wahrscheinlich rührt daher auch meine sprichwörtliche Freizügigkeit.

Mit welchem Frauenbild sind Sie ansonsten aufgewachsen?

Ich muss zugeben, dass ich teilweise sehr traditionell erzogen wurde. Ich finde es auch heute nicht schlimm, wenn eine Frau von einem Mann abhängig ist. Ich selbst bin das ja bis zu einem gewissen Punkt auch, im Job, aber auch emotional. Andreas und ich haben uns das alles hier gemeinsam aufgebaut. Ich denke nicht in Rollenbildern.

Sie haben eine Hauptschule besucht. Sind Leute überrascht, wenn sie das hören?

Es scheinen tatsächlich alle davon auszugehen, dass ich Abi habe. Aber ich habe einen Werksrealschulabschluss. Meine Schule war toll, ich wurde gefördert, spielte im Musical und in der Schulband. Daran, dass ich auch in dieser Hinsicht oft unterschätzt werde, habe ich mich fast schon gewöhnt.

„Vom ersten Ausbildungsgehalt habe ich mir eine George-Gina-&-Lucy-Tasche gekauft. Furchtbar, oder?“

Nach dem Abschluss wollten Sie Mediengestalterin werden.

Nicht nur das. Ich habe unterschiedliche Ausbildungen angefangen. Zuerst als Steuerfachangestellte, obwohl ich eine leichte Dyskalkulie habe und einfach nicht mit Zahlen kann. Dann begann ich, Kauffrau für Marketingkommunikation zu lernen, flog aber in der Probezeit raus, weil es meinem Chef nicht gefiel, wie sehr ich mich mit Musik beschäftigte. Dann kam ich zur Mediengestaltung und zog es tatsächlich durch, obwohl mein Kopf immer woanders war. Ich wollte unbedingt auf die Bühne.

Wissen Sie noch, was Sie sich von Ihrem ersten selbst verdienten Geld geleistet haben?

Vom ersten Ausbildungsgehalt habe ich mir eine George-Gina-&-Lucy-Tasche gekauft. Furchtbar, oder? Aber von dem ersten großen Verdienst habe ich meinen Eltern eine Wohnung gekauft.

Was bedeutet Ihnen Luxus?

Die teuren Klamotten, die ich auf diesen Fotos trage, würde ich mir privat niemals kaufen. Ich bin froh, dass wir unser eigenes Haus haben, das ist unser Safe Space. Und ich schätze es sehr, dass ich mir Bio-Lebensmittel leisten kann. Gesundes, gutes und frisches Essen ist mein größter Luxus. Ansonsten waren mir materielle Werte nie so besonders wichtig – vielleicht, weil ich sie als Teenager nicht hatte.

Die Privatfrau Vanessa Ferber ist eher sparsam?

Oh ja. Ich kaufe mir wenig Neues, und wenn, dann sind es Joggingsachen. Privat sind wir schwäbisch.

Was machen Sie dann mit Ihrem Geld?

Ich bin froh, dass sich in erster Linie Andreas um diese Dinge kümmert, und ich mich voll auf ihn verlassen kann. Ich habe meine eigene Firma und weiß, was mit dem Geld passiert.

Am 2. Mai sind Sie runde 30 Jahre alt geworden. Viele Menschen nehmen das immer noch als Zäsur wahr. Wie geht es Ihnen damit?

Ich habe überhaupt nichts gegen das Älterwerden. Wenn überhaupt, dann spornt es mich zusätzlich an, noch mehr auf meine Fitness zu achten, als ich es sowieso schon tue. Man kann schließlich auch mit 30 noch ein Sixpack haben.

Vanessa Mai

wurde am 2. Mai 1992 als Vanessa Marija Else Mandekić in Backnang geboren, als Tochter einer deutschen Mutter und eines kroatischen Vaters. Den ersten Erfolg landete sie 2014 mit dem Album „Endlos verliebt“ der Schlagerformation Wolkenfrei, deren Sängerin sie 2012 geworden war. Die erste Nummer eins gelang ihr 2017 unter dem Namen Vanessa Mai mit „Regenbogen“, auf dem zwölf Songs von Dieter Bohlen stammten – mit dem sie ein Jahr zuvor in der Jury von „Deutschland sucht den Superstar“ gesessen hatte. Ihr aktuelles Album heißt „Mai Tai“, ihre Tournee findet (nach diversen Verschiebungen) im September statt. Nach Stuttgart kommt sie am 10. September.

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