Vanlife und Camping Findet man im VW Bus die große Freiheit?
Wenig Platz und Gemeinschaftstoiletten: Ist das Abenteuer? Influencerin Annika Koch erzählt, was sie an ihrem „Bulli“ liebt und eine Psychologin erklärt den Reiz des Van-Life.
Wenig Platz und Gemeinschaftstoiletten: Ist das Abenteuer? Influencerin Annika Koch erzählt, was sie an ihrem „Bulli“ liebt und eine Psychologin erklärt den Reiz des Van-Life.
An den Außenwänden des VW Bus von Annika und Mathias Koch schießen drei Tage lang die Regentropfen nach unten. Drinnen trotzt das Paar dem norwegischen Regen meist im Liegen. Denn zum Stehen ist „Karli“, ihr selbst ausgebauter Bus, nicht groß genug. Klamotten, Hygieneartikel, Gaskocher – das Leben ist hier auf ein paar Quadratmetern zusammengepfercht. Und irgendwann tut einem vom vielen Liegen der Rücken weh, beschreibt Annika Koch. Trotzdem sagt sie: „Wir lieben es, so unabhängig zu sein.“
Annika und Mathias Koch, 32 und 34 Jahre alt, sind damals in ihrem Bus von der Heimat in Weingarten in der Pfalz bis in den Norden Norwegens gefahren, vier Monate sind sie in Skandinavien unterwegs. Dazu kommen Trips durch die Wüstengebiete Spaniens, auf Korsika und in die baden-württembergischen Weinberge, unter anderem. Auf Instagram dokumentieren sie ihre Abenteuer, mehr als 200 000 Menschen folgen ihnen und Bulli Karli dort. Wochen- oder monatelange Touren ohne den Komfort eines breiten Betts und einer eigenen Toilette – warum nehmen sie das als die große Freiheit wahr?
„Wir lieben einfach diese hundertprozentige Flexibilität und Spontaneität, die man dadurch hat. Wir lassen uns niemals von Reisezielen stressen, sondern schauen kurz vor der Abreise, wo ist das Wetter in den nächsten ein, zwei Wochen schön gemeldet und dann geht es in diese Richtung“, sagt Annika Koch. Sie würden auch keine Campingplätze vorab buchen, sondern über Apps nach Stellplätzen, Bauernhöfen oder Privatleuten, die ihre Grundstücke anbieten, suchen. „Wir sparen uns die Zeit, ewig vorher zu planen, und lassen uns einfach lieber treiben“, sagt Koch. Mal Polarlichter über dem kleinen mobilen Zuhause, mal die Abendsonne an der Küste im Gesicht: Den Bildern der Kochs nach, beide hauptberuflich Fotografen, funktioniert das wunderbar. Vanlife heißt das, auf Deutsch etwa: Busleben.
Immer auf zu neuen Orten, alles hochflexibel, das Fahrzeug oft selbst umgebaut: Das unterscheidet die Vanlifer von den klassischen Campern. Aber Fakt ist: Wohl noch nie zuvor haben so viele Menschen ihr Glück in dieser Art des Urlaubs gesucht. 21 Prozent der Menschen in Deutschland sind laut einer ADAC-Erhebung regelmäßige Camper. Mehr als 900 000 Menschen besitzen hierzulande ein Wohnmobil, so Zahlen des Portals Statista. Und knapp 43 Millionen Übernachtungen gab es im Vorjahr auf deutschen Campingplätzen laut Statistischem Bundesamt, ein Rekord. Aber finden die Menschen in der Reiseform das, was sie suchen?
Die Menschen würden von der Freiheit schwärmen, sich aussuchen zu können, wo man hält, nahe an der Natur zu sein, sagt Psychologin Ines Imdahl. Aber das seien Coverstorys, also Deckgeschichten, sagt Imdahl. Sie hat für eine Auftragsforschung laut eigenen Angaben 50 Tiefeninterviews mit Camperinnen und Campern geführt, um herauszufinden, worum es ihnen wirklich geht. Sie sagt, es sei ein Grundmotiv von Menschen, sich zu fragen: Was wäre, wenn ich mein Leben noch mal ganz ändern würde? Das Bedürfnis sei umso stärker, je mehr man sich im Alltag fremdbestimmt fühle, sagt Imdahl: „Gerade in der Coronazeit sind die Menschen in der Hoffnung losgezogen, ihre Zivilisation zu verlassen und irgendwo noch mal neu anzufangen, sich nach den eigenen Ideen noch einmal neu zu zivilisieren.“
Allerdings würden die meisten Camper – anders als die Kochs – auf Campingplätzen übernachten, sagt Imdahl. Das gerne auch auf immer wieder denselben. Und dort treffe eine vermeintliche Freiheit, etwa ein lockerer Dresscode mit Badehose und Sandalen, auf durchaus strenge Regeln. Wer regelmäßig auf Campingplätzen ist, kennt das: Strenge Ruhezeiten, Mülltrennung, und lieber nicht die Wäscheleine in die Parzelle der Nachbarn ragen lassen.
Beim Vanlife versucht man solcher Strenge eher zu entgehen und schöne Plätze für sich allein zu entdecken. Annika Koch mag dabei auch, dass das ganze Leben auf Busgröße geschrumpft ist, die Klamottenauswahl auf die notwendigsten Stücke reduziert ist, das Essen mit einem Gaskocher und einem Topf zubereitet wird.
Dieser Minimalismus mache das Leben leicht, es würden einem viele Entscheidungen abgenommen. „Das fühlt sich an, als hätte man ganz viel Ballast losgelassen“, sagt Annika Koch. Dazu würden sie aufgrund der Enge im Bus viel Zeit draußen verbringen. „Und wir lieben genau das“, sagt Mathias Koch.
Diese Einfachheit trifft seit einiger Zeit auf einen glamourösen Gegentrend, das Glamping. Mit Campingwagen um teils mehrere Hunderttausend Euro, die wie Luxushotels auf Rädern sind, geht es durch die Lande. „Das hat psychologisch wenig mit dem ursprünglichen Camping zu tun“, sagt Imdahl. Anstatt einer Romantisierung des Naturideals sei das der Versuch, sich von äußeren Einflüssen abzuschotten.
Aber selbst für die überzeugten Wohnwagen- und Zelt-Urlauber ist Camping nicht immer ein entspanntes Vergnügen. „Wir merken dann auch immer, an welche Grenzen wir kommen: Wie schön es dann doch ist, zuhause wieder eine warme Dusche zu haben und auf mehreren Herdplatten etwas kochen zu können“, sagt Imdahl. „Wir sind dann aber auch stolz, dass wir es ohne geschafft haben und gezeigt zu haben, dass wir auch ganz unabhängig leben könnten, wenn wir wollten“, erklärt Imdahl weiter und meint: „Meine persönliche Theorie ist, dass das beste am Campen das nach Hause kommen ist, weil man das dann wieder richtig genießen kann.“
Auch die Kochs freuen sich auf die Bequemlichkeit, die sie zu Hause erwartet. „Aber uns juckt es dann recht schnell wieder in den Füßen und wir müssen wieder los“, so Annika Koch. Und wenn es mal durchregnet, wie damals in Norwegen? Eine Möglichkeit, sich die Füße zu vertreten, findet sich immer, sagt sie. „Und der Regen hat immer auch was Gutes, die Natur braucht das Wasser. Wir können uns da nicht so aufregen wie früher“, sagt Koch.