Breakdance trifft Diabolo: Sören Geisler bei „The Ballroom Revue“. Foto: Andreas Rosar
Diese Karriere war ihm wahrlich nicht in die Wiege gelegt. Was als Freiwilliges Soziales Jahr begann, führt Sören Geisler mit einer einzigartigen Nummer jetzt auf die Bühne des Friedrichsbau-Varietés.
Das Gespräch beginnt mit einem Geständnis. Und der Untertreibung des noch jungen Jahres. „Ich kann nichts so richtig“, erzählt Sören Geisler, als wir im Friedrichsbau-Varieté zusammensitzen in seiner raren Freizeit. Denn der 21 Jahre alte Berliner geht noch in die Schule, in die Artisten- und Circus-Schule genauer gesagt.
Er geht noch in die Schule
Sonntagabends fliegt er nach Berlin, geht zwei Tage in die Schule, fliegt dienstagabends nach Stuttgart, wo er dann bis Sonntag auf der Bühne steht bei „The Ballroom Revue“ – als umjubelter Schlusspunkt des ersten Akts. Er bringt die Straßenkunst des Breakdance ins Varieté und lässt seine Diabolos so schnell fliegen, dass die Augen kaum hinterherkommen. „Eine ungewöhnliche Nummer“, sagt der Geschäftsführer Timo Steinhauer. So sah es auch Regisseur Ralph Sun, als die Artistenschule zum jährlichen Auftritt ihrer Zöglinge in den Friedrichsbau auf dem Pragsattel kamen.
Sören Geisler und sein Diabolo Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Er hatte die Blaupause zu „Ballroom Revue“ im Kopf und wusste, Sören Geisler würde perfekt passen. Alles klar, also? Von wegen. Geisler macht dieses Jahr seinen Abschluss, und eine Befreiung vom Unterricht ist nicht vorgesehen. Doch die Stuttgarter blieben hartnäckig, und schließlich durfte Geisler kommen. Mit dem Kompromiss, dass er montags und dienstags seine Abschlussfächer besucht, das sind Deutsch, Mathe und Englisch, aber etwa auch Modern Dance und Geschichte der Artistik.
Zu dieser Historie trägt er nun auch ein Stückchen bei, als erster Schüler der traditionsreichen Schule, der gleichzeitig einen Vertrag als Künstler hat.
Was kann ich eigentlich?
Dabei war ihm das nun wahrlich nicht in die Wiege gelegt. Viele seiner Mitschüler stammen aus dem Zirkus oder sind im Milieu der Artisten aufgewachsen. Seine Eltern haben damit gar nichts am Hut, erzählt er. Sie dachten, ihr Sohn macht Abitur, geht dann an die Uni. Eine bürgerliche Karriere halt. Doch die Schule hat er geschmissen, „das Abi ging gar nicht“, sagt er. Und so begann er mit 16 ein Freiwilliges Soziales Jahr an der Artistenschule. Als Mädchen für alles.
Er fing Feuer. Und liebäugelte damit, als Schüler wiederzukommen. Doch mit welcher Nummer? „Ich hatte eigentlich nichts“, erinnert er sich. Breakdance hat er mal gemacht, mit dem Diabolo rumgespielt, die Kunststoffdoppelkegel mit einem Seil hochgeworfen, aufgefangen und rumgeschleudert. Wie man das halt so macht als Kind. „Aber ich hatte eigentlich nichts, konnte nichts so richtig.“ Aber auf die Schule wollte er.
Achtjährige Ausnahmetalente
Also nervte er den Diabolo-Artisten Adam Harwig alias Sir Adam in Köln so lange, bis dieser ihn unter seine Fittiche nahm. Er zog nach Köln, trainierte, trainierte, trainierte. Immer wieder die gleichen Abläufe. Und versuchte, dies mit Breakdance zu verknüpfen. Dann bewarb er sich in Berlin – und bestand die Aufnahmeprüfung. Er dachte, er kannte schon alles und erlebte sein blaues Wunder. Achtjährige, die einen Flickflack hinzaubern oder ohne Probleme in den Spagat rutschen. Dehnung, Kraft, Beweglichkeit, in all dem musste er aufholen. „Und ich dachte, ich habe gute Bauchmuskeln“, sagt er und grinst.
Er schwimmt sich frei
Doch Ausstrahlung hat er – kübelweise. Und so erzählt er auf der Bühne auch seine eigene Geschichte. Seine Kollegen im Hintergrund, an denen er vorbeitanzt, alleine, missachtet von allen, argwöhnisch beobachtet. „Alle gehen an ihm vorbei, er schwimmt gegen den Strom und sich durch die Kunst frei“, fasst Steinhauer den Auftritt zusammen. Da als Frischling zu bestehen, in diesem Haufen arrivierter Artisten, das ist nicht ohne, sich da zu behaupten. „Am Anfang war ich nervös“, sagt er, „aber es ist ein tolles Team, alle sind sehr nett und unterstützen mich.“
Das Künstlerleben hat seine Schattenseiten
Mit Alexander Savija und und Nicolay Matev lebt er in einer Künstlerwohnung des Varietés – und lernt so, was es heißt, ein Künstlerleben zu führen. Besser nicht vor dem Auftritt noch ins Fitnessstudio zu gehen, ausreichend Schlaf zu haben, nicht auf Familienfeiern und Geburtstage zu können, weil man auf der Bühne steht, Weihnachten und Silvester in der Fremde zu feiern.
Immerhin, die Familie war da und hat gesehen, dass der zweite Bildungsweg eine gute Entscheidung war. Und dass das Publikum es feiert, wenn sie „Charakter statt Schablone“ sehen, wie Steinhauer das ausdrückt. Auch wenn Geisler nichts so richtig kann, wie er kokettiert. Und dafür dann doch so vieles.