Das Stuttgarter Friedrichsbau-Varieté ist gerettet: Trotz teils erheblicher Bedenken signalisieren die Fraktionen ihre Zustimmung zur finanziellen Unterstützung einer Interimslösung auf dem Pragsattel.
Stuttgart - Das Friedrichsbau-Varieté ist gerettet. Die Mehrheit der Fraktionen wird Kulturbürgermeisterin Susanne Eisenmann (CDU) am Freitag trotz teils erheblicher Bedenken ihre Zustimmung zur finanziellen Unterstützung einer auf fünf Jahre beschränkten Interimslösung in Holzbauweise neben dem Theaterhaus auf dem Pragsattel übermitteln. Die Entscheidung fiel am Donnerstag in den Fraktionssitzungen. Es bedarf nun nur noch der offiziellen Zustimmung des Gemeinderats in der kommenden Woche. Der Steuerzahler würde dann 862 000 Euro in die Zukunft des Unterhaltungstheaters investieren. Die Geschäftsführerin des Varietés, Gabriele Frenzel, lehnte trotz der für sie erfreulichen Nachricht eine Stellungnahme ab: „Das Ergebnis könnte ja nicht stimmen.“
Die Stadträte sahen dagegen keinen Grund zur Zurückhaltung. „Wir werden den Vorschlag der Stadt einer fünfjährigen Lösung am Theaterhaus unterstützen“, teilte der Grünen-Fraktionsvorsitzende Peter Pätzold mit. Es gelte in dieser Zeit aber, eine langfristige Lösung zu finden. Auch die CDU hat dem Hilfspaket zugestimmt. Sie begründet dies mit der Tradition des Varietés. „Es ist auch ein touristischer Anziehungspunkt und steigert den kulturellen Mehrwert der Stadt“, so CDU-Sprecher Jürgen Sauer. Im Hinblick auf die Höhe der Hilfe sprach Sauer von einem „Vertrauensvorschuss“ für das Theater. Auch die SPD-Fraktion hat ihr Plazet erteilt. Man unterstütze die Interimslösung, um dem Haus eine Chance zu geben, so Fraktionschefin Roswitha Blind: „Wir hoffen, dass das Varieté dann so viel Zuspruch erhält, dass es auf Dauer wirtschaftlich tragfähig ist.“
„Das Varieté ist ein fester Bestandteil der kulturellen Landschaft Stuttgarts. Der Bedarf zeigt sich seit 1898“, so Fraktionschef Bernd Klingler für die FDP. Wie die Freien Wähler, die „mit Bauchweh“ (Rose von Stein) zustimmen, betrachten auch die Liberalen den Vorschlag der Verwaltung „als einmaligen Investitionszuschuss“ und nicht als institutionelle Förderung. Von Stein rät dem Varieté, die Eintrittspreise zu erhöhen und fragt sich, „wo die Solidarität der anderen Kulturschaffenden“ bleibe.
SÖS/Linke ist zurückhaltend
Die Fraktionsgemeinschaft von SÖS/Linke versagt gegenwärtig noch ihre Zustimmung. Die Entscheidung solle „im Angesicht einer Gesamtabwägung“ auf die zweite Lesung der Haushaltsberatungen verlegt werden, so Fraktionschef Hannes Rockenbauch (SÖS). Thomas Adler (Linke) sagte, die Grundhaltung gegenüber dem Varieté sei zwar positiv „und wichtiger als etwa die Rasenheizung für das Gazi-Stadion“. Würden aber die anderen Fraktionen bei Anliegen wie dem Sozialticket kein Entgegenkommen zeigen, könnte man der Rettung am Ende nicht zustimmen.
Begonnen hatte der Existenzkampf des Unterhaltungstheaters Ende vergangenen Jahres, als der langjährige Hauptsponsor, die landeseigene L-Bank, aus heiterem Himmel den Ausstieg aus der finanziellen Förderung des Friedrichsbau-Varietés verkündete. Ein halbes Jahr später folgte die Kündigung der Spielstätte, der Rotunde im Friedrichsbau, in der seit 1994 Artisten, Zauberer und Akrobaten auftreten. Bis dato hatte der Sponsor neben der mietfreien Überlassung der Spielstätte jährlich bis zu 400 000 Euro zugeschossen, so dass sich die Gesamtförderung auf rund eine Dreiviertel Million Euro summierte.
Dem Schock für Gabriele Frenzel und ihre Mitarbeiter folgten Solidaritätsadressen von privater Seite, aber auch von Stadträten aller Fraktionen und der Rathausspitze. Die ideelle Unterstützung schlug sich jedoch zunächst nicht in materieller Hilfe für das Varieté nieder. Doch Frenzel und ihr Team ließen nicht locker: Neben der Suche nach einer neuen Spielstätte wurde an einem Finanzierungskonzept für das Überleben des Theaters gestrickt und es wurden Gesellschafter für eine gemeinnützige GmbH als künftiger Träger des Varietés gesucht.
Im November folgte der große Dämpfer
Im August preschte dann die CDU-Gemeinderatsfraktion vor. Als sich Theaterhaus-Chef Werner Schretzmeier für einen Standort auf dem Pragsattel in seiner direkten Nachbarschaft (aber auch in der einer Seniorenresidenz) stark machte, legten die Christdemokraten nach und beantragten einen städtischen Zuschuss, um das Überleben des Varietés zu sichern. Frenzel präsentierte der Stadt zeitgleich die Idee, den Spielbetrieb in ein Zelt zu verlegen. Sie schätzte die Investitionskosten auf rund eine Million Euro zuzüglich der Ausgaben für Heizung, Wachdienst und Lärmschutz. Die Stadt signalisierte Entgegenkommen, was die kostenlose Überlassung des Grundstücks und die Übernahme einer Bürgschaft für den Millionenkredit angeht.
Im November folgte der große Dämpfer: Ein Gutachter kam zu dem Schluss, dass die Lärmgrenzwerte bei Vorstellungen im Zelt deutlich überschritten würden. Als letzten Rettungsanker offerierte das Varieté eine Holzkonstruktion, die allerdings 300 000 Euro über dem veranschlagten Budget liegen soll. Timo Steinhauer, Vertriebschef des Unterhaltungstheaters, appellierte an die Stadträte, dem Varieté diese Chance dennoch nicht zu verwehren. CDU und FDP sicherten prompt ihre Unterstützung zu, bei den anderen Fraktionen klang aber auch Skepsis durch. Immerhin befindet sich der Gemeinderat derzeit in äußerst schwierigen Haushaltsberatungen.