Vater, Mutter, Kind mal anders Co-Parenting – wenn Freunde miteinander Kinder haben

Papa, Mama, Papa – oder Onkel? Auch Freunde können sich für eine gemeinsame Elternschaft entscheiden. Foto: Getty

Das Interessanteste aus dem StZ-Plus-Archiv: Der Traumpartner ist nicht in Sicht. Wer dennoch einen Kinderwunsch hat, sucht andere Wege. Manche sehen eine Freundschaft als Basis für ein gemeinsames Kind. 

Psychologie/Partnerschaft: Nina Ayerle (nay)

Stuttgart - Marie ist die leibliche Mutter von Lynn. Jochen ist der leibliche Vater. Marie ist aber nicht Jochens Frau. Und sie war das auch nie. Dennoch ist Lynn nicht das Resultat eines One-Night-Stands. Marie und Jochen haben sich ganz bewusst auf Basis ihrer Freundschaft für ein gemeinsames Kind entschieden. Sie wohnen nicht zusammen. Marie wohnt bei ihrer Partnerin Cora. Und: Auch Cora ist Lynns Mutter. Lynn lebt bei Cora und Marie. Und dann gibt es noch Fritzi, Lynns große Schwester, aber nicht die Tochter von Marie oder Cora, sondern nur von Jochen. Mit Fritzis Mutter war er früher zusammen, aber zusammengelebt haben sie nie. Das alles ist Jochen Königs Familie, die er in seinem Buch „Papa, Mama, Kind – Von Singles, Co-Eltern und anderen Familien“ beschreibt.

 

Jochen Königs Familienmodell ist mehr als nur ein bisschen anders. Die Kindergartenwelt in seinem Berliner Stadtteil hat er damit ganz schön durcheinander gebracht. Ein Erzieher habe zu ihm gesagt: „Das geht mir nun zu weit mit der Vielfalt. Man muss sich ja schon fast entschuldigen, wenn man ganz normal verheiratet ist.“ Jochen König stört das nicht. Immer wenn es deutschlandweit um das Thema Co-Parenting geht, kommt Jochen König ins Spiel. Er hat mehrere Bücher geschrieben, spricht viel in Interviews über seine besondere Familie und nimmt an Vorträgen und Diskussionsrunden teil. Peinlich sind ihm solche unterschwelligen Vorwürfe deshalb absolut nicht. Auch über Hasskommentare, wie: „Diese Familie ist im Fokus des Satans“, kann er inzwischen lachen. Er lebt sein Modell aus Überzeugung.

Häufig zeugen diese Eltern das Kind ohne Sex

Co-Parenting ist die neueste Variante einer Familie. Dabei gibt es einen biologischen Vater und eine Mutter, aber wie dann die Erziehung des Kindes organisiert wird, ist bei allen anders. Menschen mit Kinderwunsch schließen sich dabei zusammen, um ein Baby zu bekommen. Häufig zeugen sie es ohne Sex, nur mithilfe der Medizin, und ziehen es gemeinsam auf – in Freundschaft, ohne die klassische Liebesbeziehung. Für viele, die mit Ende 30, Anfang 40 noch nicht den Traumpartner fürs Leben gefunden haben, aber mit dem Kinderkriegen nicht länger warten wollen, ist das längst eine Alternative. Die Idee des Co-Parentings stammt aus den USA, ganz ursprünglich ging es dort darum, gleichgeschlechtlichen Paaren einen Kinderwunsch erfüllen zu können.

Bisher ist die bürgerliche Kleinfamilie das von vielen idealisierte Modell. Obwohl inzwischen jeder fünfte Deutsche alleinerziehend ist, es Patchwork-, Regenbogen- und Co-Elternfamilien gibt. Papa, Mama und Kind in Frage zu stellen, sei dabei keineswegs das Ziel, sagt Jochen König. „Trotzdem muss man sich in Politik und Gesellschaft mit diesem neuen Phänomen auseinander setzen.“ Vor allem für Frauen ist das Co-Parenting-Modell aus biologischen Gründen interessant. Natürlich träumen die meisten erst einmal von einer Liebesbeziehung, aus der heraus dann ein Kind entsteht. Eine zusammengewürfelte Familie haben die wenigsten zunächst als Wunschvorstellung im Kopf. Sie entsteht eben aus der Not heraus. Mit Mitte 30 haben manche Frauen noch nicht den richtigen Partner gefunden oder sind wieder getrennt – und die Familienplanung rückt plötzlich in weite Ferne. Viele glauben, nicht mehr genug Zeit zu haben, in der man einander erst kennenlernt und schaut ob es passt – und dann geht es rein medizinisch oder biologisch vielleicht schon nicht mehr. Tatsächlich ist Co-Parenting, diese Erfahrung hat auch Jochen König gemacht, unter alleinstehenden Frauen um die 40 ein Trend geworden. Amerikanische Samenbanken verzeichnen eine stetig wachsende Nachfrage von alleinstehenden Frauen. Sie sind häufig gut ausgebildet, haben die Karriere priorisiert. Sie wollten dann lieber als Mutter allein sein oder das Kind mit Freunden zusammen aufziehen, als kinderlos zu bleiben.

Für Männer ist die Situation noch verzwickter

In Deutschland ist dieses Modell aber immer noch schwierig umzusetzen. Singlefrauen und Lesben stehen vor bürokratischen Hürden, um ein Kind mithilfe einer Samenspende zu bekommen – anders als in skandinavischen Ländern, in Belgien, Großbritannien und den USA. Eizellenspenden oder die Leihmutterschaft sind in Deutschland nicht erlaubt. Das gilt auch für Samenspenden für alleinstehende Frauen, während das in Belgien oder Spanien vollkommen legal ist. Eine andere Lösung bestehe darin, einen Gefährten zu finden, der die Rolle des Samenspenders übernehme, ohne danach in das Leben des Kindes involviert zu sein, empfiehlt das Internetportal „Co-Eltern“.

Für Männer ist die Situation noch verzwickter, wenn sie keine Partnerin haben, der Kinderwunsch aber groß ist. Auch Jochen König hat sich nach der Trennung von Fritzis Mutter ein zweites Kind gewünscht, und Fritzi wollte ein Geschwisterchen, erzählt er. Deshalb habe er sich mit seiner Studienkollegin Marie mehr als ein Jahr lang gemeinsam über Ziele, Vorstellungen und Erziehungsfragen ausgetauscht, bevor sie sich dann entschieden hätten, gemeinsam ein Kind zu bekommen.

Wer nicht so viel Glück hat wie Jochen König und im Freundeskreis niemanden kennt, der auch ohne Partner ist und einen Kinderwunsch hegt, kann sich anderswo auf die Suche nach Gleichgesinnten begeben. Christine Wagner betreibt in Deutschland die Plattform „Familiyship.org“. Etwa 4000 Mitglieder sind dort registriert: Menschen, die das Modell Co-Parenting suchen, „aktive Väter und aktive Mütter“, die also eine elterliche Rolle in der Erziehung des Kindes übernehmen möchten und dann gibt es da noch die „Mutter mit Tantenfunktion“ oder den „Vater mit Onkelfunktion“. Und natürlich die Samenspender, die hinterher als Vater überhaupt nicht in Erscheinung treten möchten.

Ist das neue Modell auch wirklich gut für die Kinder?

Doch ist diese neue Lebensform auch gut für die Kinder? Denn darum sollte es allen gehen, die sich für Nachwuchs entscheiden. Tatsächlich weiß das bisher niemand genau. Eins ist jedenfalls sicher: ein Kind, das nach außen in einer Vorzeigefamilie aufwächst, dort aber wenig Liebe erfährt, hat es nicht besser, als ein Kind, dessen Eltern sich sehr bewusst entschieden haben, aber eben kein Liebespaar sind.

Vielleicht haben die Co-Eltern sogar einen entscheidenden Vorteil: Sie haben sich meist bereits vor der Geburt dezidiert über jedes noch so kleine Detail der Erziehung verständigt. Eine derartige Bewusstseinsbildung findet bei normalen Paaren meist erst später statt – dann, wenn die Grabenkämpfe über vermeintliche Kleinigkeiten beim Baby und Kleinkind anfangen. Nicht selten offenbart ein Elternteil nach einigen Jahren in der Erziehung Herangehensweisen und Ansichten, über die das Paar vor der Geburt seines Kindes nie zuvor so detailliert gesprochen hat.

Und natürlich haben auch Eltern, die ein Kind innerhalb ihrer Partnerschaft aus Liebe gezeugt haben, nie eine Garantie, dass diese Liebe ein Leben lang hält. Statistisch gesehen tut sie es häufig nicht. Jede dritte Ehe wird in Deutschland geschieden, die stabilste Phase ist in der Regel bei Männern und Frauen zwischen 30 und 40 Jahren. In dieser Zeit wird die Karriere verfestigt, langjährige Partner bekommen das erste, dann das zweite Kind und vielleicht noch ein drittes. Nebenher bauen sie ein Haus oder kaufen eine Wohnung. Der Berliner Soziologe Hans Bertram nennt das die „Rushhour des Lebens“ – eine harte Bewährungsprobe für alle Paare.

Viele entscheiden sich bewusst, Eltern – und Partnerschaft getrennt zu halten

Viele, die eine Co-Elternschaft leben, haben genau das im Blick: Sie glauben, Eltern zu sein sei allein schon Herausforderung genug. Sich nebenbei noch um die Partnerschaft kümmern zu müssen, scheitere ohnehin. Sie trennen daher bewusst Elternsein und Beziehung. So hat es auch König bei seinem zweiten Kind getan. Denn seine letzte Beziehung sei genau an diesem Konflikt gescheitert.

Ist diese neue Familienform ein Resultat der immer stärker ausgelebten Bindungsangst, weil keiner sich mehr so recht auf jemanden einlassen will? Bisher gibt es wenige Studien darüber, welches Modell das Bessere ist. Es bleibt dabei: vor allem geht es darum, was ein Kind braucht, um gut aufzuwachsen. Eine Familie muss ein gutes Team sein, die Eltern müssen die gleichen Werte haben, ähnliche Lebens- und Erziehungsvorstellungen. Warum sollte das einem Paar, das sich gegenseitig nur freundschaftlich mag, weniger gelingen?

In einem Interview mit der „Zeit“ sagte die Psychologin Petra Thorn, Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Kinderwunschberatung, dass sich auch diese neue „Familienform dennoch erst im gelebten Leben bewähren“ müsse. Allerdings macht sie sich um die Kinder wenige Sorgen: „Wenn die Eltern gut mit der Situation umgehen und dazu stehen, kommen vermutlich auch die Kinder gut zurecht.“

Gesetzlich ist eine Co-Elternschaft aber natürlich nicht mit einer Ehe gleichgestellt, auch wenn beide Elternteile das Sorgerecht haben können. Frankreich – das schreibt die Autorin Maja Beckers in der Sonderausgabe „Kinderwunsch, was nun?“ der Zeitschrift „Emotion“ – sei schon weiter. Dort gebe es das Modell der „Ehe light“. Dieser Vertrag namens „Pacte civil de solidarité“ (Pacs) stellt Paare etwa im Erb- und Steuerrecht Verheirateten gleich, regelt aber andere Punkte wie das Sorgerecht nicht. Die wachsende Zahl der Menschen, die von der bisherigen Norm abweichende Beziehungsformen leben, muss irgendwann nicht nur die Gesellschaft, sondern auch die Regierung vor die Frage stellen, was genau denn eine Familie ist. Dass sich das nicht einfach gestaltet, hat auch die Debatte um die „Ehe für alle“ gezeigt. Viele sind davon überzeugt, alles außer dem klassischen Ideal aus Mama, Papa, Kind entspreche nicht der Normalität, sei unnatürlich, entwerte die Ehe.

Elternschaft auf Augenhöhe

Doch Verantwortung kann man auch übernehmen, wenn man keine klassische Partnerschaft lebt, sondern als Freunde zusammen für ein Kind sorgt. Viele, die eine Co-Elternschaft eingegangen sind, sind davon überzeugt, dass ihr Verhältnis stabiler ist als herkömmliche Partnerschaften und Ehen – und vor allem mehr auf Augenhöhe.

Gerade letzteres ist jungen, gut ausgebildeten Frauen wichtig. Sie wollen sich nicht in die klassische Hausfrauenrolle drängen lassen, während der Mann der Versorger ist. In partnerschaftlich-freundschaftlichen Modellen gelingt es vielleicht eher, auch traditionelle Rollenbilder hinter sich zu lassen.

Kritiker wenden ein, dass eine gelingende Beziehung führen zu können, auch ein Qualitätsmerkmal für gute Elternschaft sei. Wer also nicht mal eine Partnerschaft hin kriege, könne kein guter Vater oder keine gute Mutter sein. Und natürlich sind auch freundschaftliche Elternschaften nicht in Stein gemeißelt. Was, wenn einer der beiden außerhalb des Verhältnisses den Traumpartner findet – und die Kinder dann gemeinsam mit diesem großziehen möchte? Wie bei jeder neuen Lebensform entstehen eben auch neue Konflikte.

Was nicht schaden kann, ist in jedem Fall ein pragmatischer Blick auf das Modell Familie. Ehen haben seit jeher oft vor allem deswegen funktioniert, weil sie es eben mussten. Früher, damit beide Partner überleben konnten und das Wohlergehen des Nachwuchses gesichert war. Bevor sich die romantische Liebe als Ideal für eine Partnerschaft etabliert hat, war es seit jeher üblich, die Familiengründung nüchtern und praktisch orientiert anzugehen.

Natürlich klingt so eine Co-Elternschaft furchtbar unromantisch. Doch jene Elternpaare, die einander nach der Geburt unter Druck setzen, die liebevolle und leidenschaftliche Beziehung fortzuführen wie früher, rennen oft im Hamsterrad. Wer dann merkt, dass Erwartungen und Realität nicht zusammen gehen, steht schneller vor einem Scherbenhaufen als jene, denen es auch mal so reicht, wie es ist: unaufgeregt freundschaftlich.

Hier lesen Sie weitere StZ-Plus-Texte

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Familie Erziehung