Überfüllte Abteile, zurückgebliebene Reisende – an Pfingsten wurden viele Züge in Baden-Württemberg schier überrannt. Sollte man die Bahn jetzt meiden? Nein, sagt Matthias Lieb, Landeschef des ökologischen Verkehrsclubs Deutschland (VCD) und behauptet im Gespräch mit unserer Zeitung: Entspanntes Reisen ist auch mit dem 9-Euro-Ticket möglich.
Herr Lieb, wie schlimm fiel aus Ihrer Sicht bisher das 9-Euro-Chaos aus?
Es ging eigentlich ganz gut. Es ist nur auf wenigen Strecken zu größeren Problemen gekommen. Kritisch, das hat sich gezeigt, ist es vor allem auf der Strecke Stuttgart-Nürnberg, die vor allem für Fernreisende Richtung Norden interessant ist. Auch auf der Strecke Karlsruhe – Stuttgart, auf der Rheintalbahn und auf der Strecke Stuttgart-Ulm gibt es ein hohes Aufkommen, also auf den klassischen Hauptstrecken, wo man mit schnellen Zügen auch im Nahverkehr vergleichsweise schnell vorankommen kann.
Was raten Sie Leuten, denen ein Sitzplatz doch wichtig ist?
Entspanntes Reisen mit dem 9-Euro-Ticket ist durchaus möglich. Der Ansturm konzentriert sich vor allem auf die schnellen IRE-Verbindungen. Ich rate dazu, nach parallelen Regionalbahn-Verbindungen zu schauen. Man ist dann zwar länger unterwegs, in aller Regel hat man dort aber Sitzplatzkapazitäten und man kann auch das Rad mitnehmen.
Da gibt es ja besondere Probleme.
Ja, in den IRE-Zügen mag ein Einzelreisender mit Fahrrad noch irgendwie mitkommen. Bei einer Gruppe funktioniert das aber meistens nicht. Wer gemeinsam einen Ausflug mit dem Fahrrad machen möchte, dem kann man nur empfehlen, auf die Regionalbahn umzusteigen.
Wie finde ich denn solche Verbindungen?
Man kann sich den Aushangfahrplan anschauen und die Züge wählen, an denen RB oder Mex, also Metropolexpress, dran steht. Man kann auch in der Bahn-App etwas stöbern und schauen, was an alternativen Verbindungen angeboten wird.
Aber da werden immer nur die schnellsten Verbindungen angezeigt.
Ja, da muss man dann mit Umwegbahnhöfen, also fiktiven Zwischenhalten arbeiten.
Kann man sich nicht einfach für vier Euro einen Sitzplatz reservieren?
Das ist im Nahverkehr nicht möglich, auch nicht fürs Fahrrad. Insofern bin ich mit dem 9-Euro-Ticket darauf angewiesen, dass noch ein entsprechender Platz frei ist. Einzige Ausnahme ist die Gäubahn zwischen Stuttgart und Singen, weil das ja formal ein Fernverkehrszug ist. Ob ich dann aber bis zu meinem reservierten Platz durchkomme, ist eine andere Frage.
Manche Schaffner öffnen bei Überfüllung die Erste Klasse. Was halten Sie davon?
Das wird ja auch von der Linkspartei propagiert, aber wir sehen das kritisch. Die Fahrgäste dort fahren ja nicht für 9 Euro. Sie bezahlen den höheren Fahrpreis, damit sie mehr Platz und mehr Ruhe haben. Wenn gar niemand in der Ersten Klasse sitzt, kann das vielleicht einmal eine Notlösung sein.
Haben Sie noch einen speziellen 9-Euro-Tipp?
Es gibt viele Freizeitbusse, die am Sonntag extra fahren. Die gibt es inzwischen eigentlich überall: auf der Schwäbischen Alb, im Stromberg, im Schwarzwald. Das 9-Euro-Ticket gilt ja nicht nur in der Bahn, sondern bietet eine gute Gelegenheit, in der eigenen Region zu wandern, dann irgendwo in den Bus zu steigen und verschiedene Verkehrsmittel zu kombinieren.