Verärgerte Postkunden im Strohgäu Tagelang gähnende Leere im Briefkasten

Von und Stefanie Köhler 

Trotz mehr Aushilfskräften und mehr Zustellfahrzeugen: Verärgerte Kunden aus dem Strohgäu müssen weiterhin mit verspäteten Postsendungen rechnen. Ein Ditzinger musste offenbar sogar wochenlang auf wichtige Dokumente warten.

Und manchmal bringt der Postbote den Kunden dann wieder gleich stapelweise Post. Foto: dpa
Und manchmal bringt der Postbote den Kunden dann wieder gleich stapelweise Post. Foto: dpa

Ditzingen - Wieder nix im Briefkasten. Überall in Ditzingen dasselbe: Jörg Becker hat fünf Tage lang keine Post bekommen, was an sich ungewöhnlich, für ihn aber schon fast gewöhnlich ist. In Hirschlanden blieb sie bei Anwohnern der Mörikestraße vier Tage aus, Hans-Werner Cieslik aus Schöckingen erhielt gar fast zwei Wochen keine Sendungen, zuvor eine Woche keine. Post, die längst aufgegeben war. Er ist sauer – und will nicht länger warten und vertröstet werden. Der 58-Jährige erwartete wichtige Unterlagen, Dokumente, um ein Konto im Internet freizuschalten und für die Steuererklärung.

Antworten sind „formlose Standardantworten“

Wut und Machtlosigkeit machen sich bei dem Schöckinger breit. „Besonders ärgerlich ist es, dass man an die Post nicht herankommt. Es gibt keine staatlichen Sanktionen“, bemängelt Cieslik. Beschwerde könne er nur beim mehr als 300 Kilometer entfernten Kundendienst in Bonn führen, am Telefon (02 28/4 33 31 12) oder per elektronischer Post an: impressum.brief@deutschepost.de. Die Antworten seien „formlose Standardantworten“. Er würde seine Post ja selbst abholen – wenn er denn wüsste, wo. Zuletzt war Cieslik so verärgert, dass er bei der Beschwerde-Hotline der Post mit einer Strafanzeige wegen Unterschlagung gedroht habe. Die Sprache verstand die Post: Am selben Abend war sein Briefkasten voll.

Auch Jörg Becker hat für die Post kein Verständnis mehr, zum wiederholten Mal habe es Aussetzer bei der Zustellung gegeben. „Das ist ein Politikum“. sagt er. Der Ditzinger, der für die Grünen in der Regionalversammlung sitzt, sieht nicht nur die Saumseligkeit des gelben Services. Er verweist auf die Aufgabe, die die Deutsche Post laut dem Gesetz ja auch hat: „Es geht um mehr. Es geht um die Grundversorgung.“

Selbst Behörden sind weitgehend die Hände gebunden

Tatsächlich muss der Bund laut Gesetz „flächendeckend angemessene und ausreichende Dienstleistungen“ gewährleisten. Die Bundesnetzagentur wiederum muss dafür sorgen, dass der Universaldienst insgesamt ausreichend und angemessen erbracht wird. Jedoch gibt das Gesetz dem einzelnen Bürger keinen einklagbaren Anspruch darauf. Auch die Bundesnetzagentur kritisiert die „sehr beschränkten“ Sanktionsmöglichkeiten bei „Qualitätsmängeln im Einzelfall“. Man gehe allen Mängeln nach, könne aber keine Bußgelder verhängen oder die Post zu einer bestimmten Qualität zwingen.

Zurück bleiben Kunden, denen nur die Beschwerde bleibt. Doch diese bleiben mitunter unbeantwortet, wie ein Ehepaar aus der Hirschlander Mörikestraße erfahren musste. Und selbst wenn die Post Auskunft gibt, ändert das nichts an der Situation. Auch gegenüber der Ditzinger Stadtverwaltung war nur von „Personalengpässen“ die Rede, teilt ein Sprecher des Rathauses mit. Laut dem Bürgermeister Ulrich Bahmer (CDU) hatte sich die Verwaltung bei der Netzagentur der Post beschwert, nachdem Verordnungen den Adressaten nicht rechtzeitig erreicht hatten. Der CDU-Landtagsabgeordnete und Stadtrat Konrad Epple hatte in diesem Kontext die Stadtverwaltung dazu aufgefordert, an der Sache dranzubleiben. „Steter Tropfen höhlt den Stein“, meinte er.

So schlecht zahlt die Post nach eigenen Angaben nicht

Die Post sucht seit Monaten neue Kräfte – offenbar mit weniger Erfolg als erhofft: In der Region sei es nicht leicht, geeignete Zusteller zu finden, sagt ein Sprecher. „Deshalb ist die Personaldecke in unserem Zustellstützpunkt Ditzingen nach wie vor sehr dünn.“ Bei kurzfristigen Personalausfällen führe dies „leider immer wieder zu Ausfällen und Sendungsrückständen in einzelnen Zustellbezirken, auch, weil die Sendungsmengen inzwischen stark gestiegen sind“. Dass Kunden deshalb zwölf Tage lang keine Post erhalten, könne man dennoch ausschließen, die Postboten würden nach Möglichkeit von Kollegen unterstützt. Die Suche nach Ferienaushilfen sei auch schwierig. Obwohl die Post auch ihnen „deutlich mehr als den Mindestlohn“ zahle, habe sie dieses Jahr „nicht die benötigte Zahl an Ferienkräften“ gewinnen können.

Doch offenbar sind nicht nur die Ditzinger verärgert. Laut Bundesnetzagentur beschweren sich immer mehr Kunden: Im ersten Halbjahr 2018 seien bereits so viele Beschwerden registriert worden wie ganz 2017. So gingen bis Mitte dieses Jahres 5700 schriftliche Beschwerden im Postbereich ein, neun von zehn betrafen die Deutsche Post. Die Verbraucherzentrale Baden-Württemberg verweist in diesem Kontext auf das Beschwerdeportal im Internet „Post-Aerger.de“.

Post will das Weihnachtsgeschäft „zuverlässig bearbeiten“

Wie sich die Situation auf die Weihnachtspost auswirkt, will sich Becker gar nicht ausmalen. Glaubt man der Post, was ihm schwerfällt, müsse er sich nicht sorgen: Sie werde im Weihnachtsgeschäft bundesweit 10 000 zusätzliche Aushilfskräfte in allen Bereichen der Produktion beschäftigen. Der Sprecher versichert: „Um die traditionell hohen Paketmengen zuverlässig bearbeiten zu können, haben wir mehr als 12 000 zusätzliche Fahrzeuge im Einsatz.“




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