Veranstaltung am Mörike-Gymnasium Über die digitale Gefährdung der Demokratie

Professorin Katarina Bader sprach über Gefahren aus dem Netz.Foto: Giacinto Carlucci Foto:  

Katarina Bader, Professorin an der Hochschule der Medien, hat mit Jugendlichen am Göppinger Mörike-Gymnasium über den Einfluss digitaler Medien auf die Demokratie gesprochen.

Welche Rolle Plattformen wie Telegram bei der Verbreitung von Desinformation spielen, welche Dynamiken Social Media auch im Hinblick auf die Einstellung zur Demokratie entfalten und warum sich welche Zielgruppen von populistischen Kommunikationsstrategien anlocken lassen – darüber sprach Katarina Bader,Professorin an der Hochschule der Medien, bei einer Veranstaltung der Reihe „Weiterdenken“ in der Turnhalle des Göppinger Mörike-Gymnasiums. Das Besondere war, dass Jugendliche den Abend mit Poetry Slams mitgestalteten und unter der Moderation der Schüler Philipp und Max ihre Sichtweisen zu Demokratie, ihren Handlungsmöglichkeiten, aber auch Gefährdungen artikulierten. Der kurzweilige Abend war von Ralf Engel, Marius Pfleghar und Michael Stark vorbereitet worden.

 

Die Poetry Slams der Jugendlichen waren beschreibend und appellativ: „Krieg, Krieg, haben wir denn nichts gelernt? Lasst uns zeigen, wir haben gelernt.“ Man müsse die Pflanze Demokratie pflegen, sonst verdurste sie. Man habe es zusammen in der Hand.

Social Media: Gefährlicher als gedacht

Social Media (SM) würden zwar Menschen auf der ganzen Welt verbinden, seien aber gefährlicher, als man gedacht habe. Lügen reichten weiter als Wahrheit und das Hinterfragen sei alles, was einem bleibe. In den Diskussionsrunden ging es um die Fragen, wo junge Menschen Demokratie hautnah erlebten und wo Engagement etwas bewirkt habe. Beispielhaft wurde von positiven Erfahrungen bei der Mitarbeit im Gemeinderat (Nina), in der SMV (Luisa), im Waldheim (Linus) und als Schülersprecherin (Zoe) berichtet. Gleichzeitig wurde deutlich, dass es bei Projekten auf das Engagement jedes Einzelnen sowie auf Zusammenarbeit in Netzwerken ankomme.​

Emotionalisierung, wie Wut und Angst, sei das Ziel aller Desinformation, sagte Katarina Bader, die sich besonders mit der Strategie der Plattform „Telegram“, einer kostenlosen und cloud-basierten Messenger-App, beschäftigte. Es gehe nicht um Lösungen, sondern um das Auslösen von Empörung, wovon Tech-Giganten und autokratische Systeme profitierten. Falsche und besonders emotionalisierende Narrative, wenig Wissen über klassische Medien und wenig Wissen über Qualität und Herkunft von Informationen fördere die Ablehnung von Demokratie und freiem Journalismus.

Radikalisierung digital leicht zu machen

Bader, die ein interdisziplinäres Forschungsprojekt (2021 bis 2025) zur Desinformation geleitet hat, sagte, dass Radikalisierung, antisemitische Narrative und Verschwörungstheorien digital leicht zu machen seien. Die Nutzer holten sich Gemeinschaft in einer Ersatzwelt ab und hätten unterschiedliche Motive. Sie beriefen sich zwar auf demokratische Rechte, wollten aber den demokratischen Staat abschaffen.​

In Interviews mit Nutzern, die etwa sieben Stunden täglich bei Telegram verbringen, habe man gesehen, dass Meinungen und Tatsachen nicht unterschieden würden. Aussagen der eigenen Gruppe würden als meinungsfrei dargestellt. Die Strategie, um Leute zunächst über spezielle Interessen zu gewinnen, sei, dass man nur bei ihnen selbst gute Informationen finde. Das Gefährliche sei eine Vermischung von Individual- und Massenkommunikation, das Fehlen einer Gegenöffentlichkeit und die schnellere Verbreitung von Lügen als von Wahrheit, weil diese aufregender seien. Diese Grauzonen machten es für staatliche Eingriffe mit Regeln so schwierig. Bader plädierte für klare Regeln, denn auch große Netzwerke wie die in den USA würden immer weniger geregelt. Außerdem müsse Medienkompetenz früh und wesentlich stärker gefördert werden.​

Expertin für das Thema Desinformation

Person
  Katarina Bader ist Professorin für Online-Journalismus an der Stuttgarter Hochschule der Medien (HdM). Sie ist 1979 in Immenstadt geboren, war Schülerin am Göppinger Mörike-Gymnasium und hat dort Abitur gemacht. Sie studierte Politikwissenschaft und Geschichte und absolvierte eine Redakteursausbildung an der Deutschen Journalistenschule München.

Auszeichnung
Bader schrieb 2010 das Buch „Jureks Erben“, eine Biografie des Auschwitz-Überlebenden Jerzy Hronowski. 2017 wurde sie mit dem Deutsch-Polnischen Journalistenpreis ausgezeichnet. Baders Forschungsgebiet ist die Verbreitung von Desinformation im Internet und auf Messengern, sowie populistische Kommunikationsstrategien. 

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