Veranstaltung „Theater X Wirklichkeit“ Wer ist eigentlich fremd und warum?

Von red 

Der Schriftsteller Feridun Zaimoglu und Ludwigsburgs OB Werner Spec diskutieren über „Die Deutschen zwischen Willkommenskultur und Angst“. Veranstalter sind die Stuttgarter Zeitung mit Robert-Bosch-Stiftung und das Stuttgarter Staatstheater.

Literat einer jungen Generation von Deutsch-Türken: Feridun Zaimoglu. Foto: dpa
Literat einer jungen Generation von Deutsch-Türken: Feridun Zaimoglu. Foto: dpa

Stuttgart - Ein Einwanderungsland ist Deutschland formal nicht. Und doch ist es längst eines geworden. Über die Zeit fanden Millionen von Menschen hier eine neue Heimat, deren Wurzeln in der Fremde liegen. Allein seit Sommer 2015 kamen 1,2 Millionen Flüchtlinge. Die Deutschen sehen sich also täglich mit der Frage konfrontiert, wer die Fremden sind, die nun mit ihnen leben und – wenn die viel beschworene Integration glückt – mit ihnen gemeinsam die Zukunft gestalten. Dieser Frage widmet sich auch „Theater X Wirklichkeit“, die gemeinsame Veranstaltungsreihe von Robert-Bosch-Stiftung, Staatstheater Stuttgart und Stuttgarter Zeitung. Sie wird am Sonntag, 29. Mai, um elf Uhr fortgesetzt. Das Thema lautet dann: „Der Fremde – Die Deutschen zwischen Willkommenskultur und Angst“.

„Der Fremde, das ist nicht der Wandernde, der heute kommt und morgen geht, sondern der, der heute kommt und morgen bleibt“. So sinnierte bereits vor 100 Jahren der deutsche Soziologe Georg Simmel. Die heutigen Flüchtlingsströme, die Völkerwanderungen gleich kommen, haben in Deutschland eine heftige Debatte ausgelöst: Wie aufnahmewillig und -fähig sind das Land und seine Bürger? Wie fremd sind uns die Menschen, die hier Obhut suchen? Was verstehen wir unter „Integration“? Und wie wäre sie zu erreichen?

Zaimoglu: Migrationshintergrund ist ein hässliches Wort, eine Kopfgeburt

Die Begegnung mit etwas Fremdem, bisher Unbekanntem gehört zum menschlichen Leben. Es kann Neugier und Freude wecken, genauso wie Angst und Ablehnung. Warum aber lösen die Flüchtlinge, die zu uns kommen, so viel Furcht, manchmal auch Hass aus? Das sind die Fragen, über die Feridun Zaimoglu, deutscher Schriftsteller mit türkischen Wurzeln, und Werner Spec, Oberbürgermeister von Ludwigsburg, diskutieren werden. Zaimoglu wurde mit zahlreichen Büchern, unter anderem „Kanak Sprak“, „German Amok“ oder „Leyla“ literarischer Sprecher einer jungen, um gesellschaftliche Anerkennung streitenden Generation von Deutsch-Türken. Er hat nach eigenem Bekunden eine „preußisch-osmanische Erziehung“ genossen, musste sich als „halbvernegerter Knirps“ titulieren, später als „Vorzeigetürke“ und „Deutschgelackter“ verspotten lassen. Auf Fragen nach seiner Identität gibt es keine einfachen Antworten. Solche Begriffe seien „Zauberwort und Kampfparole“ zugleich. Den häufig zitierten Migrationshintergrund hält er für „ein hässliches Wort“. Es erkläre nichts, sei bloß „eine Kopfgeburt“.

Spec: Wie ist das schöne Wort „Willkommenskultur“ mit Leben zu füllen?

Werner Spec steht an der Spitze einer Stadt mit mehr als 90 000 Einwohnern, in der insgesamt 1300 Flüchtlinge leben. Täglich ist er mit der Frage konfrontiert, wie Integration, von der so viele reden, praktisch zu gewährleisten ist und wie eine Kommune den hehren Ausdruck „Willkommenskultur“ mit Leben füllen kann.

Moderiert wird die Diskussion von Hilke Lorenz und Armin Käfer, beide Redakteure der Stuttgarter Zeitung. Die Diskussionsreihe „Theater X Wirklichkeit“ läuft seit Jahresbeginn 2015. Die erste Veranstaltung brachte Jan Philipp Reemtsma und Wolfgang Schneiderhan unter dem Titel „Die Rückkehr der Gewalt“ zusammen. Mehr als 700 Menschen haben die Debatte verfolgt. Im Juni 2015 sprachen Julian Nida-Rümelin und der Schriftsteller Cherko Fatah über den „Kampf der Werte“.

In den Sonntagsmatineen der Reihe „Theater X Wirklichkeit“ sollen gesellschaftspolitische Themen verhandelt werden – teilweise ausgehend von aktuellen Produktionen des Theaters, aber auch inspiriert durch Debatten, die jenseits des Theaters virulent sind. Das Theater, das mit seinen Inszenierungen im ständigen Austausch mit gesellschaftlicher Wirklichkeit steht, soll so zum Ort intensiver Reflexion werden – einer Aufgabe, der sich auch die Robert Bosch Stiftung und die Stuttgarter Zeitung verpflichtet fühlen.