Verantwortungslose Gesellschaft „Es wächst eine Generation von Egoisten heran“

Michael Winterhoff ist Kinder- und Jugendpsychiater und Psychotherapeut. Er widmet sich den Symptomen der dauer­gestressten Gesellschaft, die vor ständig wachsenden Herausforderungen steht. Foto: privat

Der Psychiater Michael Winterhoff sagt im Interview, warum Erwachsene Fehler nicht zugeben und wie fatal diese Unfähigkeit sich auf die Erziehung auswirkt.

Stuttgart - Der Psychiater und Therapeut Michael Winterhoff beobachtet ein gesellschaftliches Phänomen: Wer sich weigert, Verantwortung zu übernehmen, will sich auch nicht mehr selbst entwickeln.

 

Herr Winterhoff, man handelt – und will nicht für die Folgen verantwortlich sein. Man trifft Entscheidungen – und will die Konsequenzen nicht tragen. Warum ist das heutzutage so?

Erwachsene ruhen heute vielfach nicht mehr in sich, sondern reagieren nur noch. Sie übernehmen wie Kinder keine Verantwortung. Dieser Modus des nur noch Reagierens, anstatt zu planen und dann zu handeln, ist eine kindliche Haltung. Die Flut von Negativmeldungen und Katastrophennachrichten, die uns in einen andauernden Panik-Modus versetzt, tut ein Übriges. Erwachsene verhalten sich angstgesteuert und hochgedreht, sie haben jede Distanzierungsmöglichkeit verloren. Die Regeneration, die allein die Regression aufhalten könnte, fehlt. Man schaut nur noch, wie einem nichts passieren kann, und schummelt sich durch, um zu bekommen, was man will. Aber nur wer über eine erwachsene, ausgereifte Psyche verfügt, kann Verantwortung übernehmen.

Was sagt die Weigerung, Verantwortung zu übernehmen, über unseren inneren Zustand?

Es ist gar keine Weigerung, sondern eher ein Mangel. Wenn ich nicht über die Kräfte meiner erwachsenen Psyche verfüge, agiere ich ohne Konzept. Die Kunst, es nicht gewesen zu sein, besteht also darin, im Nachhinein Ausreden zu erfinden, statt sich im Vorfeld zu überlegen, was das eigene Tun für Konsequenzen haben kann. Die Weigerung, Verantwortung zu übernehmen, umfasst auch die Weigerung, sich zu entwickeln. Statt Verantwortung zu tragen, muss man nur die Geschichte ein wenig anders erzählen und schon ist man vor sich und anderen aus dem Schneider. Damit bleibt man auf einer kindlichen Stufe stehen und lässt die Chance verstreichen, zu lernen und beim nächsten Mal besser zu entscheiden.

Wie entwickelt sich das Gewissen?

Mit fünf Jahren kann ein Kind richtig und falsch unterscheiden. Diese Gewissensinstanz beginnt sich schon mit zweieinhalb Jahren an der Reaktion und Anleitung von Eltern und Erziehern zu formen. Aber ein Fünfjähriger weiß, wenn er etwas Verbotenes getan hat, und wird, wenn er gut entwickelt ist, erröten oder beschämt reagieren, wenn er erwischt wird. Ist ein Reiz zu groß, wird das natürlich noch eine Sache der Abwägung sein. Mit 14 Jahren glaubt keiner mehr, dass es in Ordnung ist zu klauen. Das Gewissen funktioniert als Instanz, auch wenn Eltern und Lehrer nicht dabei sind. Wer dann noch klaut, hat es gezielt getan. Deshalb haben wir ein Jugendstrafrecht, das mit 14 Jahren einsetzt.

Welcher Schaden entsteht, wenn die Folgen des Handelns geleugnet werden? Wie wirkt das auf andere?

Das wird zum Freifahrtschein für alle, die keine innerliche moralische Instanz haben. Schlechte Vorbilder zerstören nicht das Gewissen, aber sie werden von jemandem, der regrediert ist, als Ausrede gebraucht, um sich über eigene Taten zu beruhigen – wenn der das macht, mache ich das doch auch. Es hat doch kaum noch jemand ein Standing. Und es wächst eine immer größere Generation von egoistischen Menschen heran, die unfähig zu sozialem Verhalten ist. Das gefährdet auch unsere Demokratie. Sich aus der Affäre zu ziehen, wenn Konsequenzen des eigenen Handelns drohen, ist weitverbreitet und funktioniert sogar schon im Vorhinein – besonders im Internet: Das Zauberwort heißt Anonymität. Wer sich unter einem Tarnmantel versteckt, kann sich alles erlauben. Er muss sich noch nicht einmal hinterher herausreden.

Zur Person

Michael Winterhoff ist Kinder- und Jugendpsychiater und Psychotherapeut in Bonn. In seinem 2015 erschienenen Buch „Mythos Überforderung. Was wir gewinnen, wenn wir uns erwachsen verhalten“ (Penguin Verlag) widmet er sich den Symptomen der dauergestressten Gesellschaft. Die Menschen sehen sich ständig wachsenden Herausforderungen gegenüber, denen Erwachsene – wie Kinder – machtlos ausgeliefert sind.

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