Verarztet Milch schlägt vielen auf den Magen

Von Annika Bingmann 

Wer an Lactose-Intoleranz leidet, sollte bei Milchprodukten vorsichtig sein. Ausweichen können Betroffene auch auf spezielle Produkte.

Dieser Schluck Milch ist nicht gut für Intolerante. Foto: dpa
Dieser Schluck Milch ist nicht gut für Intolerante. Foto: dpa

Stuttgart - Einen Milchkaffee bitte – aber Minus L“. Vor einigen Jahren hätte die Bestellung noch ratloses Schulterzucken ausgelöst. Inzwischen bieten zahlreiche Cafés laktosefreie Spezialitäten an, in den Supermärkten füllen Produkte ohne Milchzucker die Regale. Trotz höherer Preise – im Laden an der Ecke kostet der laktosefreie Liter Milch 40 Cent mehr als die herkömmliche Variante – greifen die Verbraucher zu: „Wir haben 2001 angefangen, laktosefreie Milch zu vertreiben. Seitdem verzeichnen wir jedes Jahr Wachstumsraten im zweistelligen Bereich“, sagt Wolfgang Nuber, Geschäftsführer von Omira, dem nationalen Marktführer für laktosefreie Milchprodukte.

Haben die Deutschen in den vergangenen Jahren also eine kollektive Milchzuckerunverträglichkeit entwickelt? Zunächst einmal ist Laktoseintoleranz keine Krankheit, sondern ein Normalzustand nach dem Säuglingsalter: „Bereits in der Kindheit nimmt die Aktivität der Laktase ab“, erklärt Andreas Fritsche, Geschäftsführer des Zentrums für Ernährungsmedizin Tübingen-Hohenheim. Laktase ist die Substanz, die den Milchzucker, die Laktose, im Dünndarm in ihre Bestandteile aufspaltet: den Traubenzucker (Glukose) und den Schleimzucker (Galaktose). Nur getrennt können die Zuckermoleküle vom Körper aufgenommen werden. Funktioniert das nicht richtig, vergärt der Milchzucker im Dickdarm. Bauchbeschwerden, Übelkeit, Durchfall sowie unspezifische Symptome wie Kopfschmerzen und Müdigkeit sind mögliche Folgen.

Atemtest kann Klarheit bringen

Ob und wie viel Milchzucker jemand im Erwachsenenalter verträgt, ist genetisch vorbestimmt: Vor einigen Tausend Jahren hat sich die Fähigkeit, Laktose bis ins hohe ­Alter zu verwerten, als vorteilhafte Eigenschaft unter Milchbauern entwickelt. „Nachkommen dieser Stämme verfügen noch heute über eine ausreichende Laktaseaktivität“, sagt Fritsche. Allerdings kann sich eine Laktoseintoleranz auch als Begleiterscheinung der Glutenunverträglichkeit Zöliakie oder einer entzündlichen Darmerkrankung wie Morbus Crohn entwickeln. Und es gibt eine seltene, aber schwerwiegende angeborene Form: Säuglinge etwa, die keine Laktase bilden können, müssen unbedingt mit Spezialnahrung gefüttert werden.Um Laktoseintoleranz zu diagnostizieren, lassen viele Mediziner ihre Patienten gelösten Milchzucker trinken. Dann vergleichen sie Blutzuckerwerte, die vor und ein bis zwei Stunden nach der Laktoseaufnahme erhoben wurden. Steigt der Blutzuckerspiegel, war die Laktosespaltung im Darm offenbar erfolgreich. Nach einem ähnlichen Prinzip funktioniert der Atemtest: Vor und nach dem Milchzuckertrunk wird der Wasserstoffgehalt in der Atemluft gemessen. Der Gehalt steigt, wenn der Milchzucker im Dickdarm vergoren wird, also eine Laktoseintoleranz vorliegt. Normalerweise übernehmen gesetzliche Krankenkassen diese Tests. „Beide Verfahren sind nicht immer zuverlässig, können aber Hinweise auf eine Unverträglichkeit geben“, sagt Fritsche. Er rate Patienten, ein Ernährungstagebuch zu führen und festzuhalten, wann Magen- und Darmbeschwerden auftreten. In einem zweiten Schritt solle mindestens zwei Wochen auf laktosehaltige Lebensmittel verzichtet und der körperliche Zustand mit den Tagebucheinträgen verglichen werden. Einige Ärzte bieten auch teure Gentests an.

Eine Laktoseintoleranz lässt sich nicht heilen, die Betroffenen sollten ihren Speiseplan umstellen. Dabei reicht es oft nicht, auf Vollmilch zu verzichten. Laktose kann sich auch in Fleischwaren, Gebäck, Fertiggerichten und sogar Zahnpasta verstecken. Oft wird Milchzucker zudem als Trägerstoff in Tabletten eingesetzt. Um beschwerdefrei zu bleiben, sollte eventuell eine Ernährungsberatung in Anspruch genommen werden. Nicht zuletzt auch, um eventuellen Ernährungsmängeln – Milch ist vor allem ein Kalziumlieferant – vorzubeugen. Fritsche rät aber nur wenigen Betroffenen, zum Beispiel älteren Frauen mit hohem Osteoporoserisiko, zu Kalziumtabletten. „Die meisten Menschen mit Laktoseintoleranz vertragen Milchprodukte in geringen Mengen und haben keine Mangelerscheinungen. Außerdem kann Kalzium auch über die fermentierten, laktosearmen Milchprodukte Kefir, Joghurt und Hüttenkäse sowie Hartkäse aufgenommen werden“, sagt der Ernährungsmediziner. Wer die gewohnten Milchprodukte nicht missen möchte, kann sich mit Enzympräparaten behelfen. Diese rezeptfrei verkäuflichen Kapseln übernehmen vorübergehend die Aufgabe der Laktase.

Bei Omira erklärt man sich den Erfolg der Marke Minus L unter anderem mit unternehmenseigenen Kommunikationsmaßnahmen: „Viele Menschen wussten gar nicht, dass sie keinen Milchzucker vertragen. Jetzt ist die Bekanntheit der Unverträglichkeit bei Ärzten und Patienten gestiegen“, so Wolfgang Nuber. Alle Neudiagnostizierten sind übrigens in prominenter Gesellschaft: Kürzlich haben Bozener Forscher im Erbgut der Gletschermumie Ötzi auch Hinweise auf Laktoseintoleranz gefunden.