Verbände warnen in Baden-Württemberg Altenpflege steht vor dem Kollaps
Sowohl der Paritätische Wohlfahrtsverband als auch die Caritas im Land sehen die Versorgung der Älteren und Pflegebedürftigen bedroht. Grund ist der Personalmangel.
Sowohl der Paritätische Wohlfahrtsverband als auch die Caritas im Land sehen die Versorgung der Älteren und Pflegebedürftigen bedroht. Grund ist der Personalmangel.
Das Pflegeheim liegt in einem gutbürgerlichen Stadtteil von Stuttgart, es hat 87 Plätze, aber zehn Zimmer hat der Träger einfach stillgelegt – wegen Personalmangels. „Und das, obwohl wir täglich 30 bis 40 Anfragen von zum Teil verzweifelten Menschen erhalten, die einen Heimplatz für einen Angehörigen suchen“, sagt Frank Ulrich, Geschäftsführer des Paritätischen Sozialdienstes (Pasodi), der landesweit 750 Mitarbeiter beschäftigt, neun Heime betreibt und ambulante Pflegedienste.
Pasodi gehört zu den 250 Mitgliedern des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Baden-Württemberg, der am Mittwoch für unsere Zeitung ein Gespräch mit Trägern der Altenhilfe aus dem ganzen Land organisierte, um über die „prekäre Lage“ in der Branche zu informieren. „Wegen des massiven Arbeitskräftemangels sehen unsere Altenhilfeträger aus dem ambulanten und stationären Bereich die pflegerische Versorgungssicherheit stark gefährdet“, sagte Ulf Hartmann, Vorstand des Paritätischen. Der Verband schließt sich damit dem Caritas-Verband von Rottenburg-Stuttgart an, der vergangene Woche gewarnt hatte, dass Ältere und Pflegebedürftige im Südwesten zunehmend Probleme hätten, eine angemessene Versorgung zu finden. Die Kapazitäten der Sozialstationen und Heime seien am Anschlag, eine vollumfängliche Versorgung könne nicht mehr garantiert werden, so das Netzwerk „Alter und Pflege“ in der Caritas.
Ähnlich wie der katholische Verband sieht der Paritätische einen Mix von Problemen als Ursache der Misere: die hohe Kostensteigerung durch die Energiepreise, der Anstieg der Sachkosten durch die Inflation, vor allem aber den chronischen Personalmangel sowie Nachfolgewirkungen der Coronapandemie. „Die Altenpflege ist schon mitten im Kollaps“, sagt Martin Lörcher, Geschäftsführer der Dreisam-Pflegedienste aus Freiburg. „Trotz des Personalmangels prasseln immer neue Anforderungen auf die durch die Pandemie ohnehin erschöpften Mitarbeiter ein“, sagt Lörcher. Etwa mit dem Infektionsschutzgesetz vom 24. September, wonach der Impfstatus von Bewohnern und Mitarbeitern genau zu dokumentieren sei, außerdem neue Masken-, Impf- und Testpflichten. Auch bei Dreisam müssen die allermeisten Anfragen nach einer Pflege – es sind rund 40 am Tag – auf eine Warteliste.
Einzelne Träger fahren ihr Angebot zurück. Man habe schon 20 Kunden kündigen müssen, die ambulant versorgt wurden, sagt Thomas Jaskolka von der Stiftung Innovation und Pflege in Sindelfingen. Das seien Hochbetagte oder chronisch Kranke gewesen, die hauswirtschaftlich und mit Körperpflege einmal pro Woche versorgt wurden. Die Stiftung, die auch Kinderintensivpflege bietet, beschäftigt 400 Leute: „Wir könnten zehn oder 15 einstellen“, so Jaskolka. Der Fachkräftemangel sei ein Dauerproblem, aber akut hinzu komme die Infektionswelle durch Corona. Bei Pasodi liegt der Krankenstand derzeit zwischen 15 und 20 Prozent, so Frank Ulrich. Das sei ungewöhnlich in dieser Jahreszeit, vor der Coronakrise seien drei bis vier Prozent normal gewesen. Auch Ulrich sagt, dass er ad hoc 30 Leute einstellen könnte, wenn er sie fände. Im Südbadischen kommt die Sogwirkung der Schweiz hinzu: Dort würden deutsche Pflegefachkräfte zum Teil das Doppelte verdienen, so Michael Hunninger, Geschäftsführer der Gevita-Seniorenresidenzen in Freiburg.
Auch Rebekka Stäbler vom Arbeiter-Samariter-Bund berichtet, dass ein ambulanter Dienst in Karlsruhe die Arbeit schon eingestellt habe. Für die Betroffenen sei das dramatisch. „Wir müssen unsere Pflegeinfrastruktur schützen. Sind die Dienste erst einmal weg, ist es schwierig, sie wieder aufzubauen.“ Martin Lörcher befürchtet, dass sich die Lage mit dem demografischen Wandel verschlimmern werde: Es lebten viele mit Mitte 80 als Single daheim. „Wir können doch nicht akzeptieren, dass sie unterversorgt sind und vor sich hin vegetieren.“
Warten
Pflegekräfte aus dem Ausland könnten hierzulande die Personalnot lindern. Aber laut Evangelischer Heimstiftung dauert die Erteilung der Arbeitserlaubnisse trotz rechtzeitiger Antragstellung zu lange. „Bei den Betroffenen führt das zu Frust und finanziellen Engpässen“, so Bernhard Schneider von der Heimstiftung. Und die Heime könnten nicht richtig planen.
Idee
Schneider regt an, dass die Ämter rasch eine sechsmonatige Arbeitserlaubnis erteilen „und dann in Ruhe prüfen“. Statt Einzelfälle zu prüfen, solle man „arbeitgeberorientiert“ prüfen.