Die Stuttgarter Vereine sind nun Teil des Bezirks Stuttgart-Rems-Murr, der aus dem Altbezirk Rems-Stuttgart, sowie Teilen der ehemaligen Bezirke Enz-Murr, Stauferland und Achalm-Nagold gebildet wurde, und 54 Vereine umfasst.
Von der Bündelung der Kräfte auf Verbandsebene versprechen sich die Verantwortlichen mehr Hauptamtlichkeit, weniger Bürokratie, Synergieeffekte sowie einen größeren finanziellen Spielraum. Stein des Anstoßes war einst laut Klaus Pantleon, dem neu gewählten Bezirksvorsitzenden Stuttgart-Rems-Murr, die komplizierte Finanzierung im Jugendbereich: „Das Land Baden-Württemberg wollte die Sportförderung nur noch zentral verwalten und nicht mehr den Finanztopf nach den Verbänden aufteilen.“ In der Folge nahmen die Überlegungen und Planungen in Richtung einer Fusion Gestalt an, ehe auch die Vereine im März des vergangenen Jahres per Abstimmung ihr Ja-Wort gaben.
Klar ist: Durch die Reduzierung der Zahl der Bezirke werden diese geografisch teils deutlich größer als zuvor; mitunter verlängern sich damit auch die Anfahrtswege bei Auswärtsspielen. Thomas Dieterich, der Hauptgeschäftsführer des BWHV, nennt zwei Gründe für diesen Schritt: „Erstens gibt es Regionen, in denen wir zuvor kaum genügend Mannschaften hatten, besonders im A-Jugend-Bereich, um einen ordentlichen Spielbetrieb aufrechtzuerhalten.“ Dieser sei durch die erhöhte Anzahl der Mannschaften innerhalb der Bezirke für die kommenden Jahre sichergestellt. Der zweite Grund: „Künftig haben wir ein Ligasystem mit einer 1-2-4-8-Pyramide. Das vereinfacht die Auf- und Abstiegsrelegation.“ Bei 14 Bezirken ist ein solch symmetrisches Ligasystem dagegen kaum möglich.
Bezüglich der größeren Distanzen innerhalb der Bezirke sagt Dieterich: „Wir haben dann kurze Wege, wenn es viele Mannschaften gibt.“ Je nach Fläche und Vereinsanzahl sind die Bezirke in unterschiedlich viele Staffeln aufgeteilt, das relativiere ein Stück weit die längeren Anfahrtswege. Erstreckt sich beispielsweise der neue Bezirk Oberschwaben-Ostalb vom Aalener Raum bis an den Bodensee, sind es im Bezirk Stuttgart-Rems-Murr vergleichsweise kurze Entfernungen. Geografisch umfasst er neben dem Altbezirk Rems-Stuttgart die Vereine aus dem Oberen Remstal sowie Vereine aus dem Murrtal und aus dem Hecken- und Strohgäu, westlich von Stuttgart gelegen.
Positive Resonanz der Vereine aus der Region
Doch wie sieht das Feedback der Vereine aus? Die Veränderung spiele keine Rolle, sagt Joachim Hoffmann, der Spielleiter der HSG Cannstatt-Münster-Max-Eyth-See. Der Bezirk sei zwar nun größer, aber die Staffeln nach Standorten so eingeteilt, dass „wir auch weiterhin keine langen Wege haben“, sagt Hoffmann, der sich zudem auf „neue Gegner freut“. Zu seiner aktiven Zeit habe man im damaligen Bezirk bereits gegen Ditzingen gespielt, nun eben wieder, so der 61-Jährige.
Über „neue, interessante Gegner“ freut sich auch Marco Bifulco, der Vorstand der HSG Oberer Neckar, die wie die HSG Ca-Mü-Max zum Bezirk Stuttgart-Rems-Murr zählt. In seinem Verein sei die Umstrukturierung auch kein großes Thema. Einzig auf die Herren würde eine höhere Belastung zukommen. Denn die Bezirksoberliga geht mit 14 Teams an den Start. „In anderen Ligen sind es acht oder neun, das wird für das Team ein echter Härtetest“, so Bufalco.
Deutliche Verbesserungen bringt die neue Struktur indes dem zweiten Frauenteam der HSG Leinfelden-Echterdingen im neuen Bezirk Neckar-Alb. Während deren erste Belegschaft als Regionalligist von der Reform auf Bezirksebene nicht direkt betroffen ist, kann sich der Landesliga-Aufsteiger auf teils deutlich kürzere Anfahrtswege freuen. „Früher mussten wir für manche Auswärtsspiele bis fast an den Bodensee fahren. Durch die neue Staffeleinteilung ist das jetzt deutlich humaner“, erzählt Lena Fink, Spielwart beim Filderclub. Das Team kann sich mit der HSG Böblingen/Sindelfingen II, dem VfL Pfullingen II und dem TV Rottenburg auf drei Bezirksneulinge freuen. Unterm Strich blickt Fink den Veränderungen also positiv entgegen: „Es ist zwar ein großer Cut und wir müssen erst einmal abwarten, wie sich alles einspielt – aber ich denke, es ist die richtige Entscheidung für die Zukunft.“
Sozusagen erprobt wurde das neue System bereits nach Ablauf der vergangenen Saison: Die Qualifikationsspiele im Jugendbereich fanden bereits in der neuen Struktur statt. Und um die Ligen der Aktiven landesweit auf ein annähernd gleiches Niveau zu bringen, wurden sogenannte Entscheidungsspiele durchgeführt – ein Leistungsvergleich zwischen Mannschaften aus allen drei Regionen, der über die künftige Ligazugehörigkeit bestimmt.
Neuerungen gibt es zudem im Schiedsrichterwesen. Künftig sollen die Unparteiischen deutlich flexibler eingesetzt werden können. „Bislang durften die Schiedsrichter nur innerhalb ihres jeweiligen Bezirks pfeifen. Künftig spielen die Bezirksgrenzen keine Rolle mehr“, erläutert Dieterich. Dass Schiedsrichter quer durch den Bezirk zu Spielen anfahren, aber nicht bei Partien unmittelbar jenseits der Bezirksgrenze antreten dürfen, gehört nun der Vergangenheit an. „Sie haben jetzt einen eigenen Spielraum, in welchem Umkreis von ihrem Wohnort sie pfeifen wollen“, führt der BWHV-Verantwortliche aus.
Um dem ohnehin gravierenden Schiedsrichtermangel entgegenzuwirken, wird im Zuge der Fusion eine zuvor bereits teilweise bestehende Maßnahme landesweit ausgerollt. „In Zukunft müssen bei allen Vereinen die Kinderspielleiter und Jugendleiter Spiele bis einschließlich zur C-Jugend pfeifen“, erklärt Pantleon vom Bezirk Stuttgart-Rems-Murr. Galt diese Regelung bislang nur für den württembergischen Verband, soll sie künftig für den gesamten baden-württembergischen Handball angewendet werden.