Verbotene Wege in Esslingen Was wird aus den vergessenen Treppen zum Alicensteg?

Esslingen ist Beton, Natur und historische Idylle. Die von Laub und Erde gesäuberten Treppen durch den Wald stoßen auf den Alicensteg, der die verschiedenen Teile Esslingens wie kaum ein anderes Bauwerk verbindet. Foto: Roberto Bulgrin

Eine heimliche Baubrigade macht auf einen fast schon vergessenen Fußweg aufmerksam, den die Stadt gerne beseitigt hätte. Die Geschichte erzählt, warum dieser Weg so wichtig ist.

Chefredakteur: Johannes M. Fischer (jmf)

Esslingen - Ein halbes Dutzend Frauen und Männer haben sich in den Morgenstunden versammelt und machen eine verwilderte Treppe frei – die sie eigentlich nicht betreten dürften. Es ist die Treppe, die vom Esslinger 1950er-Jahre-Viertel Zollberg durch den Wald hinab zum Alicensteg führt. Wäre die Strecke nicht gesperrt, käme man über den Alicensteg direkt in eine Erholungsoase, in den Merkel’schen Park. Von dort ist es nicht mehr weit in den Kern der Innenstadt oder zum Freibad. Doch die Treppen und auch der Steg sind schon seit 2015 gesperrt. Also verwildert der Fußweg und gerät in Vergessenheit.

 

„Wir können es nicht mehr mit ansehen, dass die Stadt die Treppenanlage am Alicensteg verkommen lässt“, sagt Jörg Exner, der sich für die Fußgängerinitiative ped-ES engagiert. Auch Tobias Hardt, Stadtrat in der Linken-Fraktion, ist dabei. Kurz vor „Feierabend“, die Treppe ist tatsächlich frei von Erdresten, Blättern und Ästen, ja, sogar gekehrt, erklärt er: „Ab hier kann die Stadt übernehmen.“ Dabei blickt er auf den Alicensteg, eines der Stiefkinder von Esslingen – einer Stadt, die im deutschlandweiten Vergleich doch recht wohlhabend ist.

Alles ist noch viel schlimmer

Aus der Sicht derer, die den Weg samt Brücke gerne offen sähen, ist der Steg nicht nur ein Stiefkind, sondern alles ist noch sehr viel schlimmer: Die Stadtverwaltung hält Treppe und Brücke für überflüssig. Abriss statt Sanierung, heißt es im Rathaus. Schadstoffe und die Konstruktion der Brücke werden als Gründe angeführt. Ein Neubau macht aus der Rathausperspektive auch keinen Sinn. Hier ist es das liebe Geld, das im Wege steht. Der Bau einer neuen Brücke koste 2,5 Millionen Euro – und das für eine Version, die nicht barrierefrei ist.

Im Gemeinderat herrscht zu dem Thema keine Einigkeit. Die einen folgen der Argumentation des Rathauses, die anderen nicht. Mit der Zeit haben sich mehrere unterschiedliche Beschlüsse angesammelt. Einige Gemeinderäte fühlen sich von der Verwaltung sogar ausgetrickst, weil einer der Beschlüsse, nämlich die Treppe abzureißen, in einem anderen Beschluss versteckt worden sei. Zuletzt beantragten Grüne, SPD und Linke im vergangenen Sommer, die Treppenanlage zu erhalten. Die Verwaltung wurde aufgefordert, eine Aufgabenliste zu erstellen und die Kosten für die Sanierung zu berechnen. Seitdem herrscht Ruhe.

Einige Stufen wackeln – sehr viel mehr nicht

Die kleine Baubrigade, in der auch Vertreter des Verkehrsclubs Deutschland und des Schwäbischen Albvereins Hacke und Besen schwingen, kommt nach ihrem Einsatz zu dem Schluss, dass sich die Treppe in einem weitgehend guten Zustand befände. An einer Stelle wackele das Geländer, an einer anderen ein paar Treppenstufen. „Zwei Mann, eine Woche“, meint einer fachmännisch. „Dann wäre das erledigt.“

Der Weg ist das eine, doch das Ziel der emsigen Frauen und Männern ist noch größer: Es geht um die Bedürfnisse der Fußgänger insgesamt in einer Region, die sehr stark vom Autobau lebt. Hinzu kommen Geschichte und Identität: Bis zur Sperrung des Alicenstegs, der über die B 10 und den Neckar führt, gehörten die gut ausgebauten Stäffele zu einem beliebten Weg vom Zollberg in den Park und die Innenstadt. Ein alter, schmutziger, von Efeu umrankter Stein, der nur noch wenig von seiner ursprünglichen Erhabenheit ausstrahlt, zeugt davon. „Alicensteg“ steht auf einem Schild in kunstvoller Schrift. „Gestiftet von Oskar Merkel 1891.“ Oskar Merkel gehört zu den großen Persönlichkeiten der Stadt. Ihm sind die Villa Merkel und das Merkelbad zu verdanken, zwei architektonische Besonderheiten in Esslingen. Und eben jener Steg, der den Namen seiner Tochter führt.

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