Verbrechen im Internet Cyberkriminalität bindet immer mehr Kräfte

Kriminelle Aktivitäten im Netz zu verfolgen ist personalintensiv – häufig können die Behörden mit den Verbrechern daher kaum Schritt halten Foto: dpa
Kriminelle Aktivitäten im Netz zu verfolgen ist personalintensiv – häufig können die Behörden mit den Verbrechern daher kaum Schritt halten Foto: dpa

Tätergruppen im Internet treten inzwischen wie Unternehmen auf. Der Staat kann mit ihnen kaum Schritt halten – vor allem, weil er im Wettbewerb um Fachpersonal meist den Kürzeren zieht.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Armin Käfer (kä)
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Stuttgart - Das Internet eröffnet Ganoven ein Feld der „entgrenzten Kriminalität“, stellt das Bundeskriminalamt (BKA) in seinem aktuellen Lagebild Cybercrime fest. Und die Täter hätten sich „zunehmend professionalisiert“. Sie seien inzwischen wie Unternehmen organisiert und böten eine breite Palette von Gaunereien wie Dienstleistungen an: Im Darknet, der verborgenen Ebene des Netzes, auf der Akteure nur über verschlüsselte Nachrichten und Umwege miteinander kommunizieren, kann man neben Drogen und Waffen auch Schadprogramme und Kreditkartendaten kaufen. Das BKA warnt vor einem „weiter gestiegenen Gefährdungs- und Schadenspotenzial“.

Für Polizei und Justiz ist es schwierig, auf diesem Feld mit dem Verbrechen Schritt zu halten. Problematisch ist vor allem, in ausreichendem Maße qualifiziertes Personal zu gewinnen. Experten werden häufig von der Industrie oder privaten Dienstleistern abgeworben. „Wenn ich für die Compliance-Abteilung einer Großbank arbeiten würde, könnte ich ein Mehrfaches verdienen“, sagt etwa Deutschlands führender Cyber-Ermittler, Oberstaatsanwalt Andreas May, Leiter der Zentralstelle zur Bekämpfung von Internetkriminalität in Gießen. Baden-Württembergs Innenminister Thomas Strobl kennt das Problem. „Der öffentliche Dienst hatte noch nie die Besoldung als allergrößtes Pfund, mit dem er wuchern kann“, räumt er ein. In den vergangenen Jahren sei es aber gelungen, zahlreiche Experten beim Land zu beschäftigen. Strobl sagt: „Sie tun dies auch deshalb, weil sie wissen: Wir arbeiten für die Guten.“

Baden-Württemberg gehört zu den Musterländern

Baden-Württemberg zählt im Bereich der Cyber-Ermittlungen eher zu den Musterländern in Deutschland. Das hat unlängst auch der „Spiegel“ berichtet. In den vergangenen Jahren wurden die Kapazitäten bei der Polizei erheblich ausgebaut. Beim Landeskriminalamt wurden seit 2011 insgesamt 15 IT-Experten angestellt. Zudem gibt es dort inzwischen 27 Cyberkriminalisten mit Hochschulabschluss. Sie haben für den Dienst als staatliche Ermittler ein polizeiinternes Traineeprogramm absolviert. Für den höheren Dienst, vom Rang eines Polizeirats aufwärts, soll eine ähnliche Sonderlaufbahn geschaffen werden, die einschlägigen Experten mit Masterabschluss offen steht.

In der Abteilung Cyberkriminalität des Landeskriminalamts arbeiten inzwischen 120 Fachleute für Internetrecherchen, Sicherung von Datenspuren, Überwachung von Telekommunikation, die Analyse beschlagnahmter Festplatten und ähnliche Aufgaben. Zudem gibt es mittlerweile bei allen zwölf Polizeipräsidien Ansprechpartner für Fälle von Cyberkriminalität. Landesweit gebe es 277 Planstellen für IT-Beweissicherung. Über solche flächendeckenden Kapazitäten verfügen nur drei Bundesländer.

Auf der Polizeischule werden noch intensiv Fußabdrücke gesichert

Der Cyber-Ermittler May beklagt Mängel in der Ausbildung von Polizisten und Juristen für die Fahndung in der virtuellen Welt. Hier bestehe „erheblicher Optimierungsbedarf“, sagte er jüngst vor BKA-Kollegen. Berufsanfänger hätten oft „keinerlei Kenntnisse von Cyberermittlungen“. Auf der Polizeischule seien die Nachwuchskräfte „intensiv mit dem Sichern von Fußabdruckspuren“ beschäftigt, wie digitale Spuren gesichert werden, spielen hingegen „allenfalls eine untergeordnete Rolle“.

Dem widerspricht Strobl. Kriminaltechnische Expertise auf dem Feld des Cybercrime sei „zur Sicherstellung einer flächendeckenden Grundqualifizierung“ in der Polizistenausbildung „fest verankert“. Seit 2008 wurden 4000 Beamte entsprechend geschult, darunter alle neu eingestellten Polizisten. 480 Polizeikräfte wurden zu Sachbearbeitern für Cybercrime fortgebildet, 130 qualifizierten sich speziell für die Sicherung von Datenspuren. Um 7113 Fälle von Cybercrime, die im vergangenen Jahr registriert wurden, kümmern sich demnach einige tausend Polizisten.

Oft müssen externe Dienstleister einspringen

Gleichwohl reichen die Kapazitäten der Sicherheitsbehörden angesichts wachsender Fallzahlen und immenser Datenmengen bei einzelnen Delikten zur Beweissicherung nicht immer aus. Auch in Baden-Württemberg werden Ermittlungen bisweilen an externe Dienstleister ausgelagert, so das Innenministerium, „wenn eine zeitnahe Bearbeitung innerhalb der Polizei nicht möglich ist und sich dies negativ auf die Verfahrensdauer auswirken würde“.

Besondere Probleme, kompetentes Personal für Ermittlungen in der virtuellen Welt zu finden, hat offenkundig das Landesamt für Verfassungsschutz. „Die Bewerberlage gestaltete sich in den vergangenen Jahren schwierig“, heißt es dort. Die Verfassungsschützer hoffen, dass eine „Flexibilisierung des Laufbahnrechts“ neue Anreize schaffen könnte. Sie versuchen inzwischen, auch auf Messen Nachwuchs für Spionageabwehr und ähnliche Dienste zu gewinnen. Der Verfassungsschutz hat wie andere Sicherheitsbehörden nur begrenzte finanzielle Lockmittel, wirbt aber stattdessen mit der „großen Sicherheit“ der entsprechenden Jobs und „außergewöhnlich interessanten Aufgaben“.




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