Verdacht der Steuerhinterziehung beim DFB Der nächste Scherbenhaufen

Um Schadensbegrenzung bemüht: DFB-Präsident Fritz Keller Foto: dpa/Arne Dedert

Die jüngsten Razzien und der Vorwurf der Steuerhinterziehung passen in das Bild einer langen Skandalgeschichte des Deutschen Fußball-Bundes. Der DFB-Präsident Fritz Keller steht vor einem Scherbenhaufen.

Sport: Marco Seliger (sem)

Köln - Was kommt eigentlich als Nächstes? Es scheint ja spätestens seit Mittwochvormittag nichts mehr unmöglich zu sein beim Deutschen Fußball-Bund (DFB), dem mit knapp 7,2 Millionen Mitgliedern größten Sportfachverband der Welt. Waren die Skandale aus den vergangenen Jahren erst der Anfang, wird alles noch schlimmer? Kommt also bald ein großer Skandal bei der Vergabe der EM 2024 in Deutschland ans Licht? Oder gibt es bald eine Task Force des DFB, die den Umzug der Zentrale in ein gängiges Steuerparadies – sagen wir mal ins nahe Liechtenstein– in Angriff nimmt, um diese lästigen Erbsenzähler hierzulande endlich vom Hals zu bekommen?

 

Fakt ist: Man kann mit dem Blick auf die jüngere Vergangenheit dieses Verbands, der längst einem Trümmerhaufen gleicht, inzwischen durchaus auf solche abstrusen Vorstellungen kommen. Der DFB tut ja seit Jahren nicht wenig dafür, um die Fantasie in alle schlimmen Richtungen blühen zu lassen.

Unerwarteter Razziaschock

Fritz Keller, dem aktuellen Präsidenten, war selbstredend nicht zum Scherzen zumute, als er am Mittwoch nach der jüngsten Schreckensnachricht um Schadensbegrenzung bemüht war. „Ich kann nur sagen, dass wir in der Angelegenheit vollumfänglich kooperieren werden“, sagte der Präsident des DFB, dem der unerwartete Razziaschock vom Mittwochmorgen noch in den Knochen steckte.

Wenige Stunden vor dem Länderspiel gegen die Türkei am Mittwochabend in Köln durchsuchte die Staatsanwaltschaft Frankfurt die DFB-Zentrale sowie die Wohnungen von sechs „gegenwärtigen und ehemaligen“ Verbandsfunktionären. Es geht um den Vorwurf der schweren Steuerhinterziehung. Konkret geht es um Einnahmen aus der Bandenwerbung bei Länderspielen in den Jahren 2014 und 2015. Der DFB, so der Vorwurf, sei einer Besteuerung in Höhe von etwa 4,7 Millionen Euro entgangen.

Riesige Problemfelder

Fritz Keller, der seit September 2019 an der Spitze steht, wird sich jedenfalls wohl einmal mehr fragen, wie er diese riesigen Problemfelder bei seinem Verband in den Griff bekommen soll. Und er wird sich wie viele andere Beobachter fragen, wie sich dieser DFB in dieses allgemeine Schlamassel hineinmanövriert hat.

Tiefpunkt an Tiefpunkt reihte sich in den vergangenen Jahren beim einst so stolzen deutschen Sport-Flaggschiff aneinander. Und eines war dabei gewiss: Es geht immer noch schlimmer. Wer hätte das noch gedacht vor sechs Jahren, als die DFB-Elf in Rio Weltmeister wurde, als sich der Verband nicht nur deshalb sonnen konnte im Erfolg. Als irgendwelche Skandale zumindest aus Sicht der Öffentlichkeit noch weit weg waren. Als das Sommermärchen von 2006 noch das Sommermärchen war. Als der DFB noch Jahre später davon zehrte. Und aufgrund des Turniers im eigenen Land hochangesehen war, und das nicht nur in der Fußballwelt.

Nach 2014 aber ging es abwärts – und das nicht nur für das Team von Bundestrainer Joachim Löw, das nach dem nicht nur auf dem Platz überheblichen Auftritt bei der WM 2018 nun noch immer um Anerkennung und Akzeptanz beim Volke ringt. Und das zumindest mit Blick auf die jüngsten Monate trotz einiger Besserungen, was die Außendarstellung angeht, vergeblich tut. Denn in weiten Teilen der Republik hat sich offenbar inzwischen so etwas wie eine gewisse Gleichgültigkeit dem einstigen deutschen Fußballstolz gegenüber breitgemacht. Es wird oft nicht mal mehr gemeckert über Jogis Jungs, was für den ganzen Kosmos namens Nationalelf das größtmögliche Alarmsignal ist.

Vorwurf des Stimmenkaufs

Noch verheerender allerdings ist das Bild, das der DFB seit ein paar Jahren mit seinen gesammelten Werken an Skandalen übergeordnet abgibt. So wirft die Aufarbeitung der WM-Vergabe für 2006 weiter einen riesigen Schatten auf den Verband. Warum im Zuge der Vergabe 6,7 Millionen Euro zum katarischen Skandalfunktionär Mohamed bin Hammam flossen, ist bis heute ungeklärt. Der Vorwurf des Stimmenkaufs steht immer noch im Raum. Der Verband untersucht die Vorgänge noch immer eingehend. Und im Gegensatz zu den Schweizer Behörden hat die Frankfurter Staatsanwaltschaft die Akten des Skandals noch nicht geschlossen.

Abgeschlossen dagegen ist ein Skandal aus dem Sommer 2018, der den Verband ebenfalls schwer erschütterte. Wie führungsschwach der Tanker DFB unter seinem auf allen Ebenen gescheiterten damaligen Präsidenten Reinhard Grindel unterwegs war, zeigte der Umgang damals mit der so genannten Erdogan-Affäre. Vor der WM 2018 ließen sich die Nationalspieler Mesut Özil und Ilkay Gündogan mit dem türkischen Staatschef Recep Tayyip Erdogan zu Wahlkampfzwecken ablichten.

Gündogan bezeichnete die Aktion später als Fehler, Özil schwieg – und die Affäre entwickelte sich rund um die WM zum PR-Desaster, weil der DFB in Person von Grindel und auch des Nationalelf-Direktors Oliver Bierhoff erst gar nicht, dann halbherzig und später mit einer scheinheiligen Kritik an Özil reagierte. Das Krisenmanagement des Verbands war ein Skandal im Skandal. Özil trat mit heftigen (und teils ungerechtfertigten) Vorwürfen zurück. Erst kürzlich räumte Generalsekretär Friedrich Curtius Fehler des DFB im Umgang mit der Situation ein.

Sommermärchenskandal

Grindel tat weiter alles dafür, um das Ansehen des Verbands zu beschädigen. Im April 2019 wurde ihm dann eine Uhrenaffäre zum Verhängnis. Grindel nahm von einem ukrainischen Funktionär eine Luxusuhr an. Außerdem hatten Berichte über ein vermeintlich verschleiertes Zusatzeinkommen beim DFB in Höhe von 78 000 Euro den Druck erhöht, so dass er zurücktrat. Das Ansehen des DFB also ist nicht nur durch den Sommermärchenskandal oder die jüngsten Razzien der Staatsanwaltschaft im Keller.

Was nur noch mehr verdeutlicht, dass Präsident Keller nach den jüngsten Entwicklungen und einem Jahr im Amt mehr denn je vor einem Scherbenhaufen steht.

Weitere Themen