Verdacht unnötiger Operationen Augen auf beim Augenarzt

Ein Schuss gesunde Skepsis kann auch beim Augenarzt nicht schaden. Foto: picture alliance / dpa

Das Gros der Augenärzte ist sicher vertrauenswürdig. Doch es gibt viele, zu viele Fälle, die zu Recht das Misstrauen von Patienten wecken. Höchste Zeit, dass diese untersucht werden, kommentiert StZ-Autor Andreas Müller.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Andreas Müller (mül)

Stuttgart - Die moderne Augenheilkunde ist für viele Menschen ein wahrer Segen. Bei dem vielleicht wichtigsten Sinnesorgan – nicht umsonst hütet man etwas Kostbares „wie seinen Augapfel“ – hat die Medizin enorme Fortschritte gemacht. Niemand etwa muss mehr wegen eines Grauen Stars allmählich erblinden. Der Austausch der trüb gewordenen Linse durch ein Implantat ist zu einem Routineeingriff geworden. Wer die Welt zuletzt wie durch einen Schleier wahrnahm und jetzt wieder klar sieht, wird seinem Operateur immer dankbar sein.

 

Das Gros der Augenärzte verdient also Vertrauen. Doch es gibt Berufsvertreter, die Misstrauen wecken – davon zeugen die jetzt bekannt gewordenen, durch Anzeigen ausgelösten Ermittlungen der Justiz. Möglichst viel und möglichst schnell wollen solche Mediziner nach dem Eindruck von Patienten operieren, nicht das Heilen, sondern das Verdienen scheine für sie im Vordergrund zu stehen. Wenn ein zweiter Arzt zu dem Ergebnis kommt, der dringend empfohlene Eingriff sei gar nicht oder noch nicht nötig, wenn er entgegen der Diagnose überhaupt keinen Grauen Star feststellen kann, ist solcher Argwohn verständlich. Er lässt sich auch nicht dadurch entkräften, dass Spielräume bei der ärztlichen Beurteilung bestehen.

Die „Linsenstecher“ sind breit bekannt

Die Staatsanwaltschaft untersucht derzeit, ob sich Augenärzte eines süddeutschen Verbundes strafbar gemacht haben. Auf Körperverletzung und Betrug lautet ihr Anfangsverdacht, den die Beschuldigten kategorisch zurückweisen. Ob er sich beweisen ließe, ist offen; den Medizinern müsste dazu Vorsatz nachgewiesen werden. Bis dahin gelten sie als unschuldig. Ein Verfahren gegen vier Ärzte wegen zwanzig Fällen – gemessen an der Gesamtzahl der Ärzte und der Eingriffe erscheint das wenig. Doch das Problem ist offenkundig größer, als die jetzt oft verwendete Formel von einzelnen „schwarzen Schafen“ suggeriert. Seit unsere Zeitung im Dezember erstmals über den Verdacht berichtet hat, vergeht keine Woche, in der Leserinnen und Leser nicht ähnliche Erfahrungen mit Augenärzten schildern - jenen des Verbundes, aber auch aus anderen Praxen. Viele haben seit langem darauf gewartet, dass fragwürdige Praktiken endlich öffentlich werden.

Auch das Gros der untadeligen Augenärzte beobachtet diese schon länger mit Unbehagen; fast jeder kennt Praxen mit einschlägigem Ruf. Das Phänomen hat in Fachkreisen sogar schon einen Namen: „Linsenstecher“ heißen jene Kollegen, die gar nicht schnell und oft genug operieren können. Doch die Versuche, dies offen zu thematisieren, blieben ohne durchschlagenden Erfolg. Teils galt das Terrain als juristisch zu heikel, teils fürchtete man den Rufschaden für die gesamte Ärzteschaft, wenn das Thema in die Medien gelange. Doch der wird meist umso größer, je länger Missstände beschwiegen werden.

Hat die Aufsicht funktioniert?

In den Berufsverbänden der Augenärzte wurde das Problem zwar teils gesehen und angegangen, doch deren rechtliche Möglichkeiten sind beschränkt. Die Rolle der zur Aufsicht berufenen Institutionen – Ärztekammer und Kassenärztliche Vereinigung – lässt sich noch nicht fundiert beurteilen. Sind sie den seit Jahren eingehenden Hinweisen gründlich nachgegangen, samt den gebotenen Konsequenzen? Oder haben sie nicht genau genug hingeschaut, vielleicht auch nicht hinschauen wollen? Das wird noch zu klären sein.

Gut ist es in jedem Fall, dass der Scheinwerfer der öffentlichen Aufmerksamkeit nun auf die Augenärzte gerichtet ist. Mediziner müssten sich „kompromisslos korrekt“ verhalten – diese Maßgabe des Kammerchefs gilt mehr denn je. Patienten tun gut daran, sich geplante Maßnahmen genau erklären zu lassen und im Zweifel eine Zweitmeinung einzuholen. Kurz gesagt: Augen auf beim Augenarzt!

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