Ein Sänger schmettert am Donnerstagmorgen mit seiner Gitarre Arbeitslieder für die jubelnde Masse auf dem Esslinger Marktplatz. Währenddessen steht circa 100 Meter entfernt Luciene Bächtle vor den verschlossenen Türen des Bürgeramts. „Ich habe nicht gewusst, dass wegen des Streiks heute geschlossen ist“, sagt sie. Bächtle wollte etwas vor Ort zum Thema Wohnbescheinigung klären. Dazu ist sie eine Stunde von Berkheim hergelaufen – die Stadtbusse fahren an diesem Tag nicht. „Ich ärgere mich“, gibt sie zu. Ihre Tochter kann heute auch nicht zur Grundschule – die Schulbusse sind ebenfalls ausgefallen und Bächtle hat keinen Führerschein. Jetzt macht sie sich ungetaner Dinge auf den Rückweg.
Viele Einschränkungen in der Stadt
Bereits am Mittwoch legten einige Angestellte im öffentlichen Dienst ihre Arbeit nieder. Donnerstagmorgen folgte die Demonstration durch die Stadt. Es war bereits die dritte Demonstration in Esslingen in diesem Monat. Laut Verdi-Sprecher Andreas Henke nahmen rund 1800 Personen an der Demonstration teil. Marcel Meier, Pressesprecher der Stadt Esslingen, schätzt, dass mehr als 400 davon aus der Stadtverwaltung kamen. Auch viele Eltern waren betroffen: Von den 32 städtischen Kindertagesstätten blieben zwölf geschlossen und acht hatten eingeschränkte Betreuungszeiten. Die Stadtbücherei am Pfleghof verkürzte ihre Öffnungszeiten.
Benjamin Stein, der Geschäftsführer von Verdi Fils-Neckar-Alb, sagt, dass sie sehr gut wissen, dass die Bürger teilweise genervt sind: „Wir machen das nicht leichtfertig“, sagt er. Letzten Endes sei es natürlich gewollt, dass sich die Menschen aufregen. Schließlich wolle man zeigen, dass es ohne die Beschäftigten nicht gehe. Allerdings solle man seine Beschwerden nicht an die Gewerkschaft richten, sondern an den Kommunalen Arbeitgeberverband und die Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände. Oder am besten direkt an die Bürgermeister. Vor der dritten Verhandlungsrunde, die am 27. März beginnt, will die Dienstleistungsgewerkschaft und die Gewerkschaft für Erziehung und Bildung nochmals Druck auf die Arbeitgeber ausüben.
Am Klinikum Esslingen war die Besetzung laut Kliniksprecherin Anja Dietze stark reduziert. „Analog einer Nachtschicht“, so die Sprecherin. Das sei vorab über eine Notvereinbarung mit dem Betriebsrat festgelegt worden. Ungefähr 130 Klinikmitarbeiter hätten an diesem Tag gestreikt. Für den ein oder anderen Patienten habe das konkret bedeutet, dass geplante Eingriffe oder Operationen verschoben werden mussten. „Wir haben Corona überstanden und sind durch die vergangenen Jahre recht stressresistent geworden“, so die Kliniksprecherin. Trotzdem hoffe sie, dass es bald zu einer Einigung komme: „Die Pflege hat nach der ganzen Zeit einen ordentlichen Schluck aus der Pulle verdient.“ Dies käme schließlich der gesamten Gesellschaft zugute.
Kommt der unbefristete Streik?
Laut dem Verdi-Geschäftsführer Stein spielt die Gehaltserhöhung um den Festbetrag von 500 Euro, den die Gewerkschaft fordert, eine entscheidende Rolle bei den Verhandlungen. Dieser käme vor allem den Angestellten in den unteren Lohngruppen zugute, die von einer prozentualen Gehaltserhöhung am wenigsten hätten. Falls es nicht zu einer Einigung kommen werde, würden sie sich für alles bereit machen. Das beinhalte auch unbefristeten Streik.