Verdi kämpft zurzeit an vielen Fronten, ob bei den Kindertagesstätten oder bei Amazon. Doch das bedeutet nicht gleich Durchsetzungskraft: Die Dienstleistungsgewerkschaft kann oft nur noch reagieren anstatt zu gestalten, meint der StZ-Redakteur Matthias Schiermeyer.
Leipzig - Genau 94 Minuten lang eilte Verdi-Chef Frank Bsirske in seiner Vier-Jahres-Bilanz von einem Kampfschauplatz zum nächsten. Dass er dabei die großen Konflikte lediglich streifte, weniger wichtige gar nur mit einem Satz erwähnte, zeigt: die Dienstleistungsgewerkschaft mischt sich überall ein – in den Betrieben und der Tarifpolitik, in der Bundespolitik und Europa. Sich auf ein, zwei Ebenen zu konzentrieren und andere liegen zu lassen geht nicht mehr. Angesichts der Vernetzung der internationalen Wirtschaftsströme hängt alles mit allem zusammen.
Vermutlich sind all die Konfrontationen zu viel für eine einzige Organisation, denn wer sich so viel vornimmt, droht sich zu verzetteln. Verdi ist keineswegs so effektiv, wie ihr Vorsitzender dies am Tag vor seiner sicheren Wiederwahl dargestellt hat. Vielmehr steht die Gewerkschaft immer öfter mit dem Rücken zur Wand. Bei der Deutschen Post etwa hat sie zügige Einschnitte in die Arbeitsbedingungen von Paketboten zwar blockiert, die Ausgliederung aber nicht generell verhindern können. Heute mag sie sich noch als Sieger fühlen, langfristig ist die Situation bedenklich. Der Pilotengewerkschaft geht es bei der Lufthansa im Übrigen ähnlich: Cockpit kann das Sparkonzept des Managements mit tariflichen Mitteln nicht aushebeln.
Neue Herausforderung durch die Digitalisierung
Viele Unternehmensführer haben sich auf das neue Selbstbewusstsein der Arbeitnehmervertreter eingestellt; ihrerseits legen sie eine große Härte und einen langen Atem an den Tag. Die Versuche, aus dem Tarifvertrag zu flüchten, halten trotz guter Konjunktur an. Folgreich wachsen die tariffreien Zonen. Immer öfter kann eine Gewerkschaft nur noch reagieren, statt selbst zu gestalten. Und wenn sie sich daranmacht, Verhältnisse umzukehren, so wie Verdi in den Kindertagesstätten, stößt sie auf unüberwindliche Widerstände. Eine Aufwertung frauentypischer Berufe im Sozialbereich lässt sich allenfalls über einen sehr langen Zeitraum realisieren.
Schwesterorganisationen wie die IG Metall sollten allerdings nicht abschätzig auf Verdi blicken, haben sie doch einen vergleichsweise überschaubaren Bereich zu organisieren. Zudem stehen bald allen Gewerkschaften noch größere Herausforderungen ins Haus: Den Abbau von Arbeitnehmerrechten durch die Digitalisierung können sie nur gemeinsam abwehren.