Verein Arkade Esslingen „Ein gutes Gefühl“ – Pflegefamilien für Jugendliche gesucht

Ein Stück Normalität und ein geregelter Alltag kann Jugendlichen aus schwierigen Verhältnissen Stabilität geben. Foto: picture alliance/dpa

Ein geregelter Alltag hilft Jugendlichen in Krisensituationen dabei, sich zu stabilisieren. Diese Aufgabe ist für Pflegefamilien nicht immer leicht. Aber sie bereitet auch Freude.

Reporter: Petra Pauli (pep)

Der Name klingt nach Schüleraustausch oder Auslandspraktikum. Doch was sich hinter dem Begriff „Junge Menschen in Gastfamilien” verbirgt, ist eine ernste Angelegenheit. Mit diesem Jugendhilfeangebot, das vor allem unter der Abkürzung „JuMeGa” bekannt ist, vermittelt der Verein Arkade Jugendliche aus schwierigen Verhältnissen in Pflegefamilien. Viele dieser Jugendlichen sind psychisch auffällig. Die Bandbreite der Probleme ist groß: von Bindungsstörungen über Selbstverletzungen bis hin zu Suizidalität. „Diese jungen Menschen sollen in einer ganz normalen Familie Alltag erleben“, beschreibt Ruth Franzoni, Teamleiterin von Arkade in Esslingen, das Grundprinzip. Was einfach klingt, ist in der Realität oft eine Herausforderung. „Es ist ein hoher emotionaler Aufwand für die Familien“, sagt sie.

 

Hedwig Rudolph und ihr Mann haben es dennoch nie bereut, sich als Pflegeeltern gemeldet zu haben. „Es ist eine tolle und erfüllende Aufgabe“, sagt die Seniorin aus dem Ostalbkreis, deren eigene Kinder längst aus dem Haus sind. Sie wolle damit auch der Gesellschaft etwas zurückgeben und soziale Verantwortung übernehmen. Seit eineinhalb Jahren lebt eine 15-Jährige bei ihnen, die von Arkade Esslingen betreut wird. Ihr Name muss anonym bleiben. Das Mädchen, das mit einer labilen Mutter aufgewachsen ist, hat sich in dem neuen Umfeld stabilisiert. „Es ist ein gutes Gefühl, wenn man sieht, wie aus einem ängstlichen Kind ein sicherer Mensch wird“, sagt Hedwig Rudolph. „So schön hatte ich es noch nie“, würde die 15-Jährige häufig sagen. Das gibt der Pflegemutter viel Antrieb. Denn natürlich kommt es auch mal vor, dass die Teenagerin schlecht gelaunt ist und dies ihr Umfeld zu spüren bekommt.

Auch die Pflegeeltern lernen viel von den Jugendlichen

Hedwig Rudolph möchte ihrer Pflegetochter möglichst viel mitgeben, was sie für ein eigenständiges Leben braucht. Gemeinsame Mahlzeiten, selbst kochen, das Zimmer aufräumen – all das war der 15-Jährigen teilweise fremd. Auch Hobbys hatte sie keine. Hedwig Rudolph hat sie immer wieder ermutigt, etwas auszuprobieren. „Inzwischen geht sie mit Begeisterung zum DRK“, berichtet die Pflegemutter. Sie traut sich sogar zu, alleine mit dem Bus dorthin zu fahren. „Das wäre früher undenkbar gewesen“, sagt Hedwig Rudolph. Aber auch die Pflegeeltern profitieren von ihrer jungen Mitbewohnerin. „Wir bleiben am Ball. Egal, ob Mangas oder koreanische Popmusik – wir kriegen alles noch mit“, sagt sie und lacht.

Beim Jumega-Konzept sind die Familien so etwas wie die Alltagsexperten, die oft auch intuitiv entscheiden, was ihrem Gast guttut. Gleichzeitig stehen den Pflegeeltern die Fachleute von Jumega zur Seite. Sie besuchen die Familien mindestens alle vier Wochen und sind darüber hinaus immer ansprechbar. „Wir machen alles, was der Fall braucht“, sagt Ruth Franzoni über die enge Betreuung. Das kann beispielsweise die Zusammenarbeit mit der Kinder- und Jugendpsychiatrie, dem Jugendamt, der Schule oder der Ausbildungsstelle und der Kontakt mit der Herkunftsfamilie sein. Wie viel Unterstützung die Jugendlichen benötigen, ist unterschiedlich. „Wir arbeiten darauf hin, dass sie irgendwann ein gutes und selbstständiges Leben führen können“, sagt Fallmanagerin Elisabeth Kiechle.

Pflegefamilie als sicherer Hafen: Kinder und Jugendliche in der Krise profitieren von einem stabilen Umfeld. Foto: Lichtgut

Dass die Familie und der jugendliche Gast zusammenpassen, ist dafür eine wichtige Voraussetzung. Die Arkade-Mitarbeiterinnen loten deshalb im Voraus genau aus, welche Konstellation aus ihrer Sicht funktionieren könnte. Danach gibt es ein erstes Kennenlerntreffen, bei dem sowohl die Familie als auch die Jugendlichen noch abspringen können. Neben Jugendlichen vermittelt Arkade teilweise auch jüngere Kinder. Das Ziel besteht nicht darin, dass die Pflegepersonen zu Ersatzeltern werden. Bestenfalls werden sie zu Wahlverwandten, die eine wichtige Rolle im Leben der Jugendlichen spielen.

Oft klingen die Diagnosen schlimmer, als sie sind

Inzwischen gibt es immer mehr Jugendliche mit psychischen Problemen, die auf Hilfe angewiesen sind. Gleichzeitig wird es aber immer schwieriger, geeignete Gastfamilien zu finden, die einen fremden Menschen für eine gewisse Zeit in ihren Alltag integrieren wollen, um ihn zu fördern und zu begleiten. Arkade sucht deshalb ständig Pflegefamilien, die sich in die Kartei aufnehmen lassen. „Viele schrecken vor den reinen Diagnosen zurück und trauen sich das nicht zu“, weiß Elisabeth Kiechle. Doch oft sei der Mensch dahinter ganz anders, betont sie. Ruth Franzoni kennt Fälle, in denen Jugendliche durch zig Heime gingen, immer Probleme machten und dann aufblühten, als sie in einer Pflegefamilie landeten. „Wenn Jugendliche ihren Platz gefunden haben, können ganz tolle Dinge passieren“, berichtet sie. Doch auch mit den negativen Seiten, die es geben kann, hält sie nicht hinter dem Berg. „Das ist eine wichtige Entscheidungsgrundlage“, sagt sie.

Familien gesucht

Gastfamilien
Wer sich als Gastfamilie bewirbt, muss keine professionelle pädagogische Ausbildung haben. Gefragt ist nicht nur das klassische Familienmodell, sondern auch Familien mit nur einem Elternteil oder Lebensgemeinschaften. Es muss ein Einzelzimmer zur Verfügung stehen. Die Gastfamilien bekommen Pflegegeld und eine Sachkostenpauschale. Sie müssen eng mit dem Jugendamt zusammenarbeiten und werden vom Jumega-Fachdienst begleitet. Im Durchschnitt bleiben die Jugendlichen zwei bis drei Jahre. Von Esslingen aus werden Familien in einem Umkreis von rund 100 Kilometern betreut. Mehr Informationen unter Telefon 0711/ 577419-30 oder per Mail unter esslingen@arkade-ev.de

Arkade
Das Jugendhilfeangebot „Junge Menschen in Gastfamilien“, kurz JuMeGa, des Vereins Arkade Ravensburg gibt es seit 1997. Der Name ist seit 2006 sogar geschützt. Jugendliche mit verschiedensten psychischen Belastungen werden in Pflegefamilien vermittelt. Neben Ravensburg, wo Arkade auch in der Gemeindepsychiatrie tätig ist, gibt es Standorte in Esslingen, Tuttlingen und Ulm.

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