Verein Bürger-Rikscha in Stuttgart-Vaihingen Wer Rikscha fährt, hat mehr vom Leben

Von Jacqueline Fritsch 

Der Verein Bürger-Rikscha Vaihingen ist Forschungsgegenstand der Masterarbeit von Bianca Llerandi geworden. Die Mitglieder des Bewohnercafés Kugelrund im PMGZ waren erstaunt über die Ergebnisse.

Mittlerweile ein eingespieltes Team:  Bianca Llerandi und einige Mitglieder des Cafés Kugelrund im PMGZ. Foto: Jacqueline Fritsch
Mittlerweile ein eingespieltes Team: Bianca Llerandi und einige Mitglieder des Cafés Kugelrund im PMGZ. Foto: Jacqueline Fritsch

Vaihingen - Es ist wissenschaftlich bewiesen: Fahrten mit der Bürger-Rikscha erhöhen die Lebensqualität älterer Menschen. Das hat Bianca Llerandi bei den Recherchen für ihre Masterarbeit herausgefunden. Die Absolventin hat sich über Monate mit dem Verein Bürger-Rikscha Vaihingen beschäftigt, sich mit Mitgliedern unterhalten und Ergebnisse ausgewertet.

„Das ist sie, die Masterarbeit. Ich bin sehr erleichtert“, sagt Bianca Llerandi und hält einen dicken Ordner mit Papier in die Höhe. Einige Mitglieder des Bewohnercafés Kugelrund im Paritätischen Mehrgenerationenzentrum (PMGZ) hören aufmerksam zu, während Llerandi die Ergebnisse ihrer Forschung vorstellt; schließlich sind sie ein wichtiger Teil der Arbeit. Denn Llerandi hat neun ältere Menschen intensiv befragt, die sich regelmäßig mit der Rikscha durch den Stadtbezirk fahren lassen. „Eine Stunde Gespräch bedeutet für mich sechs Stunden schreiben“, sagt die Masterabsolventin. Denn jedes Gespräch muss für die Arbeit dokumentiert werden.

Das Besondere ist die Begeisterung der Menschen

Llerandi hat an der Universität Stuttgart empirische Politik und Sozialforschung studiert. Das ist ein deutsch-französischer Studiengang, der abwechselnd ein Jahr in Stuttgart und ein Jahr in Bordeaux gelehrt wird. Nach den ersten Semestern entschied sich die 26-Jährige für den Schwerpunkt Umweltsoziologie und Technikfolgenabschätzung. „Und da passt die Rikscha dazu“, sagt sie. Auf den Verein Bürger-Rikscha sei sie durch ihre Mitarbeit im Reallabor für nachhaltige Mobilitätskultur gekommen. Schnell sei klar gewesen, dass sie ihre Masterarbeit diesem Thema widmen will; nur über den Schwerpunkt der Untersuchungen musste sie etwas länger nachdenken. „Ich habe mich gefragt, was das Besondere daran ist und bin auf die Begeisterung der Leute gekommen“, sagt Llerandi. Dieser Forschungsschwerpunkt passe auch gut zu ihrem Studium. „Es geht darum, wie man die Lebensqualität von der Umweltbelastung entkoppeln kann“, sagt sie. Heutzutage gehe der Trend in die Richtung, dass die Umweltbelastung höher ist, je höher die Lebensqualität wird – zum Beispiel beim Autofahren. „Jetzt muss man eben gucken, wie man das entkoppeln kann, damit die Lebensqualität hoch bleibt, aber die Umwelt nicht noch mehr belastet wird“, sagt Llerandi. Deshalb lautete die Fragestellung ihrer Masterarbeit: „Inwiefern fördert die Rikscha die subjektiv wahrgenommene Lebensqualität älterer Menschen?“

Ältere trauen sich oft nur noch zur Apotheke

Um diese Frage zu klären, hat sich Llerandi mit neun Mitgliedern des Cafés Kugelrund über die Rikscha unterhalten. Als sie die Ergebnisse genau diesen Menschen vorgestellt hat, war die Freude groß. „Wir hätten nicht gedacht, dass man aus dem Thema so viel rausholen kann“, sagt Evelin Bleibler, die Vorsitzende des Vereins Bürger-Rikscha Vaihingen. Llerandi hat herausgefunden, dass sich die älteren Menschen gerne mit der Rikscha zu Orten fahren lassen, an die sie sonst nicht mehr so oft kommen würden. „Ihr geht gerne in den Wald oder auf den Friedhof“, sagt die Absolventin. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln würden sich die meisten das nicht mehr zutrauen. Nur die Wege zur Apotheke oder zum Arzt würden sie noch auf sich nehmen, weil das eben sein muss. Wenn die Orte, die für die Menschen eine emotionale Bedeutung haben, so in den Hintergrund rücken, leidet die Lebensqualität.

Mehr Selbstvertrauen durch das Rikscha-Fahren

Bei den Bewohnern des PMGZ gibt es aber einen entscheidenden Unterschied. Sie haben die Rikscha und damit die Möglichkeit, bequem in den Wald oder auf den Friedhof zu fahren. Llerandi hat auch herausgefunden, dass sich die Älteren dank der Rikscha wieder mehr an das Busfahren heranwagen. Eine Zuhörerin kann das sofort bestätigen: „Letzte Woche bin ich ein ganzes Stück mit dem Bus gefahren“. Vor einigen Wochen habe sie sich höchstens eine Station zugetraut. Die Rikscha gibt den Menschen also nicht nur die Möglichkeit, Orte mit emotionaler Bedeutung zu besuchen, sondern führt auch zu neuem Selbstvertrauen und trägt so zur Lebensqualität bei.

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