Fast auf den Tag genau drei Jahrzehnte lang war Erwin Holzbaur Vorsitzender des Ortsvereins Haus und Grund in Kornwestheim. Jetzt gab er sein Vorstandsamt in jüngere Hände ab.
Herr Holzbaur, bei Immobilieneigentümern schlägt ein herausforderndes Thema nach dem anderen auf. Würden Sie sagen, deren Situation ist so schwierig wie sonst nie während Ihrer Amtszeit?
Absolut. Allein schon die Kostenbelastung ist immens. Es stellt sich die Frage, wie der durchschnittliche Eigentümer sich das alles leisten können soll. Es sind viele Themen aufgekommen, die uns über viele Jahre begleiten werden. Die Grundsteuer, die Vorgaben für neue Heizungen, Photovoltaikpflicht und die Sanierungen wegen des Klimaschutzes. Der Eigentümer bekommt von der Politik sehr viel aufs Auge gedrückt und stößt dadurch an seine Grenzen.
Versetzen Sie uns bitte in die Lage eines durchschnittlichen Eigentümers.
Für ihn ist es bei all diesen Vorgaben immer schwieriger, Geld beisammen zu halten. Dazu kommen ja noch die Energiekrise und die Inflation. Viele Eigentümer sind betagter, bekommen also keinen Kredit mehr. Und für die nächste Generation wirkt sich zusätzlich die seit Jahresbeginn geltende Verschärfung des Schenkungsrechts aus. Für das Erbe von Immobilien sind seitdem viel mehr Steuern zu bezahlen. Erhöht die Politik hierfür nicht die Freibeträge, werden viele sich das nicht leisten können und verkaufen müssen. Das war ein Schnellschuss der Politik, ohne die Auswirkungen für die Menschen zu Ende gedacht zu haben.
Gab es nicht schon immer schwierige Veränderungen für Eigentümer?
Natürlich hatten wir das veränderte Mietrecht, die Mietpreisbremse oder auch das neue Bestellerprinzip bei der Bezahlung des Maklers. Aber man hat als Eigentümer ruhiger gelebt. Jetzt kommen die Änderungen und Vorgaben in immer größerer Geschwindigkeit, gefühlt alle paar Monate. Und sie sind drastischer.
Welche Folgen befürchten Sie?
Wer ein Haus oder eine Wohnung vermietet, wird die Miete erhöhen müssen. Damit betrifft das Thema jeden, es leiden alle darunter. Die Politik muss das mitbedenken. Ideologie und Populismus bei der Wohnungspolitik bringen uns nicht weiter. Sie ist ein riesiges Problem. Für die Vermieter wird das ein schwieriger Grat, denn ihr größtes Interesse sollte sein, dass es Frieden mit dem Mieter gibt. Das ist auch ein gesellschaftspolitisches Thema. Es braucht eine gesunde Mischung, also einigermaßen verträgliche Preise. Eine Maximierung von Gewinn war nie gut, das fällt einem Vermieter zurück auf die Füße. Vermieter sind aber auch kein Sozialverein, sie wollen ein bisschen Rendite sehen, brauchen das für Erneuerungen oder die Altersvorsorge. Beide Seiten sind aufeinander angewiesen. Das wird nicht einfach.
Besonders gerungen wird um die Grundsteuer. Sehen Sie Licht am Horizont?
Der Streit darum geht jetzt erst richtig los. In Baden-Württemberg dachte man, es wird einfacher, da man rein nach der Grundstücks- und nicht nach der Wohnfläche geht. Das ist es aber nicht. Die Politik ist natürlich daran interessiert, möglichst dicht zu bauen. Aber zum Beispiel werden Bauverbote auf einem Grundstück gar nicht berücksichtigt. Ein Problem ist auch, dass es keine Einspruchsmöglichkeit gegen den Bodenrichtwert gibt. Für dessen Festlegung wurden Kaufverträge gesammelt, wobei oft nur die neueren, teuren vorlagen.
Und die Bezahlbarkeit für den Einzelnen steht bislang in den Sternen.
Die Grundsteuer wäre mit den jetzigen Hebesätzen der Städte und Gemeinden wahnsinnig hoch, vielfach teurer als bisher. Dabei wurde versprochen, dass es nicht teurer wird. Die Gemeinden werden also noch reagieren müssen. Aber wie soll das gehen, wenn die Basispreise schon so hoch sind? Bei alledem besteht die Gefahr, dass alles auseinanderdriftet und es zu Ungerechtigkeit kommt. Der Landesverband von Haus und Grund hat seinen Mitgliedern geraten, gegen den Wert- und den Messbescheid Einspruch einzulegen. Das Thema ist längst nicht ausgestanden. Und der Beratungsbedarf für uns als Verein für unsere Mitglieder wird, wie auch bei den anderen genannten Themen, in jedem Fall nicht weniger werden.
Das betrifft bei Ihrem Ortsverein dann unter anderem Ihren Nachfolger Philipp von Olnhausen. Mit welchem Gefühl haben Sie den Vereinsvorsitz jetzt nach 30 Jahren abgegeben?
Mit einem zufriedenen. Ich habe das all die Jahre gerne gemacht und bin froh, dass die Gesundheit es zugelassen hat. Wichtig war mir immer, mich fair für die Mitglieder und die Interessenslagen einzusetzen. Manchmal mussten wir Mitglieder in rechtlichen Beratungen auch bremsen, was sie akzeptiert haben, oder sie sind dann eben woanders hingegangen. Schwierige Mitglieder oder welche, die zum Beispiel nur auf eine Maximalmiete aus sind, haben wir eigentlich nicht. Und wir selbst sind da auch, würde ich sagen, ein friedlicher Verein. Wir sind immer gut miteinander ausgekommen, auch als Dreigestirn an der Spitze. Es war aber höchste Zeit, den Vorsitz in jüngere Hände zu geben. Den Schritt wollten wir schon im Jahr 2020 gehen. Es war alles vorbereitet, doch dann kam Corona.
Die Mitgliederzahl Ihres Ortsvereins ist über die Jahre von 450 auf 365 gesunken. Wie steht es um ihn?
Für uns ist es von Grund auf herausfordernd, da wir kein Umland mit potenziellen Mitgliedern haben. Unsere Nachbarn Stuttgart, Ludwigsburg und Remseck haben eigene, teils viel, viel größere Ortsvereine. Das hat ein bisschen was von Asterix und Obelix. Pro Jahr gewinnen wir zehn bis 15 Mitglieder, verlieren aber mehr. Das ist altershalber bedingt, liegt aber auch daran, dass Immobilien in Kornwestheim häufig von ausländischen Mitbürgern gekauft werden. Mit denen läuft alles gut und wir haben damit keine Probleme, Mitglieder werden sie aber selten. Es stand mal die Idee im Raum, uns mit dem Ortsverein Ludwigsburg zusammenzutun. Doch wir wollen unbedingt eigenständig bleiben. Der Kornwestheimer, bodenständig wie er ist, tickt einfach so.
Mit dem Vereinseintritt gleich auch Vorsitzender geworden
Erwin Holzbaur,
82, wuchs auf der Ostalb auf und zog 1966 nach Kornwestheim. Er war Steuerberater und Wirtschaftsprüfer, hat seine Kanzlei längst an Sohn Henning übergeben. Als Holzbaur 1993 in den Haus- und Grundverein eintrat, wurde er auf Empfehlung von Vorgänger August Schaaf gleich zum Vorsitzenden gewählt. Fortan kümmerte er sich um die kaufmännische Abwicklung, den Jahresabschluss und den Schriftverkehr. Parallel stand er lange dem Schullandheimverein vor. 2017 erhielt er für seine besonderen Verdienste ums Stadtwohl die Philipp-Matthäus-Hahn-Medaille.
Haus- und Grundverein
Der Ortsverein Kornwestheim existiert seit 1929. Anfangs lose, 1937 folgte der Eintrag ins Register. Geführt ist er, anders als größere Ortsvereine, rein ehrenamtlich. Hauptziel des Vereins ist es, seine Mitglieder, vor allem Haus- und Wohnungseigentümer, zu beraten. Zum neuen Vorsitzenden wurde jetzt Philipp von Olnhausen gewählt, der sich bereits um den Mitgliederkontakt gekümmert hatte. Die Rechtsberatung nimmt seit 2010 der zweite Vorsitzende Michael Bacher vor. Der Verband Württemberg zählt 58 Ortsvereine und 103 000 Mitglieder