Verein Inga in Stuttgart Gezielte Hilfe im Rotlichtviertel

Von Martin Haar 

Der Bezirksbeirat bezuschusst die Arbeit des Vereins Inga, der Prostituierten beim Ausstieg hilft, mit 5000 Euro.

Diese Plakatkampagne hat der Stadt viel Kritik eingebracht. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth
Diese Plakatkampagne hat der Stadt viel Kritik eingebracht. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Stuttgart - Was im Bezirksbeirat Mitte ganz harmlos begann, endete mit einer kleinen Abrechnung. Formal hatten die Räte nur über einen Antrag des Vereins Inga (Initiative gegen die Ausbeutung von Frauen in der Prostitution) abzustimmen. Hanne Niebuhr aus dem Inga-Vorstand bat um eine „einmalige Unterstützung von 5000 Euro zur Ausübung und Fortführung unseres Vereinszweckes. Das würde uns für zwei, drei Jahre reichen“.

Eine Bitte, die sofort auf Wohlwollen stieß. Doch parallel dazu entwickelte sich eine Debatte über die Hilfe von Prostituierten, in deren Zentrum Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) stand. Auch die Ermahnung von Bezirksvorsteherin Veronika Kienzle, man solle nicht in alten Wunden rühren, half nicht das Mütchen zu kühlen.

Offenbar haben es nur wenige verdaut, dass der OB und die Stadt 80 000 Euro in eine Kampagne gegen Zwangsprostitution gesteckt hat. Die von einer Werbeagentur entwickelten Motive mit knackigen Sprüchen wie „Nutten sind auch Menschen“ oder „Die Würde des Menschen ist auch beim Ficken unantastbar“, habe dem Oberbürgermeister zwar bundesweite Aufmerksamkeit und der Agentur eine Menge Geld gebracht, aber den Prostituierten nicht geholfen.

Kleine Hilfe, große Wirkung

Umso bereitwilliger waren die Bezirksbeiräte daher, nun im Rahmen ihrer Möglichkeiten, zu helfen. Der Antrag bekam einstimmige Zustimmung. Damit hatte Hanne Niebuhr zuvor offene Türen mit ihrem Vortrag eingerannt. Sehr bildhaft hatte sie die Arbeit des Vereins beschrieben, der mit kleinen Geldbeträgen große Hilfe leistet. Etwa, wenn es darum geht, einer Prostituierten die VVS-Monatskarte zu bezahlen, damit sie eine Hygieneschulung für den in Aussicht stehenden Job bei Burger King besuchen kann. Oder wenn eine Klientin 27 Euro für den Inhalt der Schultüte zur Einschulung ihrer Tochter braucht. Es sind nur zwei Beispiele aus dem Hilfeprogramm, wo es um Zuschüsse für Bewerbungen, Zeugnisübersetzungen, Umzüge, Möbel oder Kleidung geht. Es kann aber auch vorkommen, dass eine unerwartete Reise ins Heimatland ansteht, weil dort jemand aus der Familie gestorben oder schwer erkrankt ist.

„Die Mehrheit unserer Frauen haben Kinder, daher wollen wir ihnen den Ausstieg ermöglichen“, sagt Niebuhr, „aber dazu brauchen wir einen langen Atem.“ Und das nötige Geld. Der Verein mit seinen 60 Mitgliedern lebt von seinen Beiträgen (1200 Euro) und Spenden. Aber das Geld reicht trotz Spenden oder ein Einnahmen bei Floh- und Adventsmärkten nicht, um den jährlichen Finanzbedarf in Höhe von 4000 Euro zu decken. Und gerade weil Inga nicht aus dem Vollen schöpfen kann, hat man die Hilfeleistung pro Person auf 200 Euro gedeckelt. „Es tut weh, wenn man eine Bitte um Unterstützung ablehnen muss“, sagt Hanne Niebuhr. Denn oft bedeutet das auch, dass die Frauen zurück in die Prostitution gehen. Und sei es nur, um dem Kind ein Geburtstagsgeschenk kaufen zu können.

„Mit unserem Engagement möchten wir den ehemaligen Prostituierten ein Stück Selbstwertgefühl zurückgeben“, sagt Niebuhr und hat damit die Herzen der Bezirksbeiräte im Sturm erobert. „Das ist ein gutes Projekt – auch, weil es so unbürokratisch ist“, lobt Heinrich-Hermann Huth und bringt damit den allgemeinen Tenor des Bezirksbeirats zum Ausdruck.

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