Die erste große Welle an Hilfsbereitschaft für die Menschen in der Ukraine ist abgeebbt. Doch Spendengüter werden immer noch dringend gebraucht. Yevhenii Lesnyk organisiert von Stuttgart aus Hilfe für sein Heimatland.

Filder-Zeitung: Leonie Schüler (lem)

Yevhenii Lesnyk stammt aus der Nähe von Kiew, seit neun Jahren lebt er in Deutschland. Seine Familie – zwei Schwestern, ein Onkel, ein Cousin und inzwischen auch die geflüchteten Schwiegereltern – leben verstreut über Bad Cannstatt und Kaltental. Damals, 2013, war Lesnyk mit seiner Frau und seiner Tochter hergekommen. „Ich habe gedacht, warum nicht?“, erzählt er von dem Entschluss, die Heimat zu verlassen. Über die Jahre hat er sich in Stuttgart etwas aufgebaut: Er ist selbstständiger Unternehmer und hat viele Eisen gleichzeitig im Feuer, zum Beispiel führt er einen Herrenfriseursalon, handelt mit Fahrzeugen und leitet eine Zeitarbeitsfirma.

Die Leichtigkeit, die sein Leben beim Verlassen der Heimat getragen hat, ist ihm abhanden gekommen. Zu groß ist die Sorge über das, was gerade in der Ukraine geschieht. Familienangehörige hat er zwar nicht mehr dort, aber „viele Freunde und Bekannte, die kämpfen“.

Er könne ein großes Buch mit all den Geschichten füllen, die sie ihm aus den Gegenden, wo Krieg herrscht, erzählt haben. Deshalb erübrigt sich für ihn die Frage danach, weshalb er weit weg in Stuttgart einen Hilfsverein gegründet hat. „Ich bin Ukrainer. Ich habe 30 Jahre dort gelebt“, lautet seine schlichte Antwort. „Ich versuche, von hier aus zu helfen. Was ich leisten kann, leiste ich.“

Die Güter sollen dorthin, wo die Bomben fallen

Unmittelbar nach Kriegsausbruch hat Yevhenii Lesnyk eine Whatsapp-Gruppe gegründet, um sich mit Leuten zu vernetzen, die den Menschen in den Kriegsgebieten helfen wollen. Innerhalb kurzer Zeit seien 200 Leute beigetreten – nicht nur in Deutschland lebende Ukrainer, sondern auch Deutsche ohne jede Verbindung in das umkämpfte Land oder mit ganz anderer Nationalität. Ihr gemeinsames Ziel war, einen Transporter mit Hilfsgütern zu füllen und an die polnisch-ukrainische Grenze zu fahren. Doch die Spendenbereitschaft war unweit größer: „Wir haben drei Transporter gesammelt“, erzählt er.

Anfang März brachte Lesnyk zusammen mit weiteren Helfern Hygieneartikel, Lebensmittel, Medizin, Schlafsäcke, Kleider und Isomatten in die Nähe von Lviv. Dort übernahm ein ukrainischer Hilfsverein – die Reise über die Grenze war nicht möglich – und brachte in Kleintransportern die Güter dorthin, wo die Bomben fielen. „Alles geht direkt in die Regionen, wo schwerer Krieg ist“, betont Lesnyk.

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Doch damit war die Arbeit nicht getan. Lesnyk organisierte weitere Transporte von Stuttgart aus und seine Jungs, wie er seine Helfer nennt, fuhren immer wieder ins Grenzgebiet und übergaben die Güter an den ukrainischen Partnerverein. „Bis heute haben wir knapp 115 Tonnen geliefert“, sagt der 38-Jährige, rund 170 000 Euro seien gespendet worden. Um all das sauber abwickeln zu können, hat Lesnyk schon bald den Hilfsverein SOS Ukraine gegründet, dessen Vorsitzender er ist.

Auf einer Internetseite und in sozialen Medien veröffentlichen er und sein Team Bilder und Videos der Transporte, um die Arbeit transparent zu gestalten und um zu zeigen: Die Hilfe kommt an. „Das ist eine ganz neue Welt für mich“, sagt Lesnyk über die Vereinsarbeit, schließlich sei er Geschäftsmann. Doch nach und nach habe er sich eingelernt und wisse nun zum Beispiel, wie Spendenbescheinigungen ausgestellt werden. „Es ist uns gelungen, aus etwas Spontanem und Selbstorganisiertem eine ordentliche Logistik und geregelte Prozesse zu etablieren.“

Die Lager sind leer

Inzwischen hat der Verein drei Lager eingerichtet, an denen Hilfsgüter abgegeben werden können. Doch wenn es dort im ersten Monat nach Kriegsbeginn wie im Taubenschlag zuging, so ist es inzwischen ruhig geworden. „Ich habe heute mit meinen Jungs im Lager telefoniert – es ist leer“, sagt Lesnyk. Die Spendenbereitschaft sei nach der ersten großen Hilfswelle inzwischen am Boden. Erklärungen dafür hat er einige: Viele würden inzwischen die Flüchtlinge, die hier in Deutschland angekommen seien, unterstützen. Andere hätten bereits gespendet und hätten das Thema für sich abgehakt, wiederum andere würden nach der harten Coronazeit nun einfach das Leben genießen. „Und viele haben sich daran gewöhnt, dass Krieg ist.“ Für Yevhenii Lesnyk steht fest: Er wird nicht aufhören, zu helfen. Denn die Hilfe ist so nötig wie am ersten Tag.

Spenden

Lager
Hilfsgüter können abgegeben werden an der Azenbergstraße 11 und an der Tübinger Straße 1 in Stuttgart oder an der Gutenbergstraße 10 in Sindelfingen. Auf der Internetseite des Vereins gibt es eine Liste mit Dingen, die benötigt werden.

Verein
Kontakt zum Verein gibt es über die Homepage www.ukraine-sos.eu oder per Telefon bei Yevhenii Lesnyk unter der Nummer 0157/56 73 54 06.