Verein „Zigeunerinsel“ Mehr als ein Wort
Der Stuttgarter Karnevalsverein „Zigeunerinsel“ findet seine Bezeichnung nicht diskriminierend. Die Argumentation offenbart mangelnde Sensibilität gegenüber Betroffenen.
Der Stuttgarter Karnevalsverein „Zigeunerinsel“ findet seine Bezeichnung nicht diskriminierend. Die Argumentation offenbart mangelnde Sensibilität gegenüber Betroffenen.
S-West - Der Wirtschaftsausschuss des Gemeinderats hat mit seiner jüngsten Entscheidung gegen als diskriminierend empfundene Werbung auf dem Cannstatter Wasen die Weichen für einen anderen Umgang in der Stadt neu gestellt. Ein Blick in die Kommentarleisten in den sozialen Medien offenbart, dass nicht alle diese Entscheidung gut finden. Mancher Kommentator kritisiert ein Übermaß an politischer Korrektheit.
Die Karnevalsgesellschaft „Zigeunerinsel“ argumentiert bei ihrer Begründung des Vereinsnamen anders. Die Vize-Präsidentin Heike Schiele äußert Verständnis für Irritationen. Sie verweist auf die Haltung des Vereins zu Inklusion und Integration. Das als „Blackfacing“ bekannte Verkleiden und Schminken als Angehörige einer Ethnie, lehnt die „Zigeunerinsel“ ab, betont Schiele. Der sich aus historischen Gegebenheiten erklärende Name sollte weniger ins Gewicht fallen als das Handeln der Karnevalisten, fordert sie.
Ein betroffenes Stuttgarter Ehepaar sieht das Verhältnis von Sein und Sprache genau anders herum. Solange in ihrem Umfeld Paprikasoßen „Zigeunersoßen“ heißen oder Vereine den Begriff im Namen tragen, bleibt er geläufig. Die Vorurteile, die mit ihm verbunden sind, bleiben es auch. Worte können gefährlich sein. Sie definieren die Wahrnehmung. Roma und Sinti haben das in ihrer 600-jährigen Geschichte in Deutschland schmerzhaft erfahren müssen. Worte genau zu wägen, ist eine Lehre aus der deutschen Geschichte. Seit einiger Zeit mehrt sich der Widerstand gegen eine vermeintliche „Meinungsdiktatur“ der politischen Korrektheit. Dahinter verbirgt sich das Privileg der Mehrheitsbevölkerung, unangefochten durchs Leben zu gehen.
Wer von der Norm abweicht, braucht oft ein dickes Fell. Bisweilen treffen Klagen auf den Rat, nicht so empfindlich zu sein. Psychologen sprechen von Mikroaggressionen. Sie untergraben das Selbstwertgefühl von Angehörigen von Minderheiten. Vielen mag das mangels Betroffenheit egal sein. Ein Verein, der Haltung zeigen will und unbestreitbar sich um die Stadtgesellschaft verdient gemacht hat, sollte über die Balance von Tradition und Rücksichtnahme noch mal nachdenken.