InterviewVereinbarkeitsdebatte „Wir müssen Familie anders denken“

Von Anja Wasserbäch 

Die Politikwissenschaftlerin Mariam Irene Tazi-Preve sieht die Überforderung der Mütter in der Gesellschaft und hält das Modell der Kleinfamilie für nicht zukunftsfähig.

Ein Idealbild der Kleinfamilie gibt es nicht. Foto:  
Ein Idealbild der Kleinfamilie gibt es nicht. Foto:  

Stuttgart - Die Österreicherin Mariam Irene Tazi-Preve befasst sich seit langem mit den gesellschaftlichen Entwicklungen der Familie. Ihrer Meinung nach hat die traditionelle Kleinfamilie im heutigen Alltag keine Zukunft mehr.

Frau Mariam Irene Tazi-Preve, was haben Sie an dem Konzept der Familie auszusetzen? Warum versagt die Kleinfamilie?
Die Hinweise darauf, dass es nicht funktioniert, sind überwältigend. Therapeutinnen und Therapeuten können ein Lied davon singen, wie dramatisch Familiengeschichten schief gehen können. Erwachsene Kinder leiden ihr Leben lang an den erlebten Defiziten.
Sie selbst waren eine junge Mutter in den 20ern. Schnell haben Sie gemerkt, dass da was schief läuft in der Gesellschaft. Was war falsch an der Mutterschaft, wie Sie sie erlebt haben?
Ich habe Mutterschaft zum Thema meiner Diplomarbeit und Dissertation gemacht, weil ich an mir selbst und in meinem Umfeld gesehen habe, dass die Umstände unerträglich sind. Und ich wollte wissen, warum das so ist. Das war damals für die Politikwissenschaft noch neu. Es zeigte sich in meinen Analysen, dass die Familie historisch früh völlig willkürlich aus dem herausgenommen wurde, was als politisch gilt. Seither gelten Emotionen und Reproduktion als privat. Von daher kommt der Gedanke der Einzelnen, ihr Versagen sei individuell. Bei Scheidungen wird gesagt: „Die sind eben beziehungsunfähig.“ Wenn die Kinder etwa in der Schule versagen, bei Essstörungen und so weiter, bleibt das auch meist an der einzelnen Mutter hängen. Dahinter steckt aber eine Geschichte und eine Ideologie. Das Konzept der Kleinfamilie ist nämlich so aufgesetzt, dass man nur scheitern kann. Die Kleinfamilie ist eine Konstruktion. Und wir sitzen alle dem Glauben auf, dass das so sein müsse. Es ist nicht die Normalität am Werk, sondern die Norm.
Was war an den Umständen unerträglich, als Sie Mutter wurden?
Dieses 24 Stunden zuständig sein, egal, wie es mir geht, das war eine erschütternde Erkenntnis. Meine Familie war in Innsbruck, ich lebte in Wien, seit mein Sohn im Kindergartenalter war. Wobei ich Glück hatte, denn mein Ex-Mann kümmerte sich von Anfang an sehr um seinen Sohn, auch über die räumliche Trennung hinweg. Aber auch zwei Personen sind für ein Kind immer noch zu wenig. Vor allem wird stets angenommen, dass die Interessen der Mütter hinten an zu stehen haben. Andererseits „schreit“ die Politik nach Kindern. Man stelle sich vor, die Frauen würden die Nachwuchsproduktion einstellen. Dann gäbe es so etwas wie Zivilisation nicht mehr. Die Bevölkerungspolitik pocht also auf das Reproduktionsniveau von zwei Kindern, lässt aber auf der anderen Seite Mütter komplett allein.
Was muss denn anders laufen?
Es müssen von Anfang an mehrere Bezugspersonen verlässlich da sein. Wir müssen Familie anders denken. Wenn ein Vater da ist, dann ist das gut. Es geht um Einschluss, nicht Ausschluss. Das Netz muss aber größer sein. Die Mutter der Mutter, Schwestern, Brüder, andere Mütter – die müssen alle als Familie gesehen werden, anstatt wie es jetzt der Fall ist, als Ersatz für den oft abwesenden Partner.
Es wird doch suggeriert, dass Frauen heute alles haben können: Familie und Beruf. Warum ist das ein Trugschluss?
Frauen sind heute tatsächlich nicht mehr so abhängig vom Ehemann, weil sie arbeiten können. Aber der Lohn eines einzelnen reicht ja auch gar nicht mehr aus. Es ist ein Eineinhalb-Personen-Einkommen notwendig, um die Kleinfamilie aufrecht zu erhalten. Eingeschlossen dabei ist, dass die Frau ruhig Teilzeit arbeiten soll, ja sogar muss. Dann kann sie sich am Nachmittag um die Kinder kümmern. Die Konsequenzen: weniger Einkommen, weniger Aufstiegschancen und am Ende weniger Rente. Es ist zudem ganz selten der Fall, dass Frauen in Berufstätigkeiten sind, die befriedigend und gut bezahlt sind. Egal, wie es Frau macht, ist es unbefriedigend: Als Hausfrau ist sie abhängig vom Ehemann und auf die Dauerhaftigkeit der Ehe angewiesen. Wenn man halbtags arbeitet, sind die Karrierechancen dahin. Wenn sie ganztägig arbeitet, ist das eine Zumutung und führt oft zu totaler Erschöpfung. Außer sie gehört der Oberschicht an, die nach anderen Gesetzen lebt und sich Personal leisten kann.
Und wenn man es umkehrt, dass eben der Mann Teilzeit arbeitet?
Das passiert einfach nicht. Männer definieren sich über Berufstätigkeit. Und auch der Arbeitsmarkt setzt voraus, dass Männer Karriere machen wollen. Wenn Männer dann doch Elternzeit nehmen wollen, kämpfen sie gegen Männlichkeitsvorstellungen an. Frauen planen ihr Leben um die Kinder herum und nehmen auch Rückschritte im Beruf in Kauf, dasselbe ist nur bei sehr aktiven Vätern der Fall.
In der Debatte um Vereinbarkeit werden stets genügend Kinderbetreuungsplätze als Lösung angebracht.
Die Vereinbarkeitsdebatte ist voll von inhaltsleeren Schlagworten. Sie hinterfragt nichts, auch nicht, von welcher Familie und von welchem Wirtschaftssystem wir überhaupt sprechen. Modernisiert wird lediglich die Sprache, damit ins System „hineinberaten“ werden kann. Das Berufs- und Familienleben hat zudem grundsätzlich verschiedene Anforderungen. Familie verlangt Empathie, ist chaotisch und oft nicht planbar. Im Beruf dagegen soll alles durchgeplant sein und man gilt als allzeitverfügbar. Das geht nicht zusammen und es wird dauernd die Quadratur des Kreises versucht. Es gibt immer die gleichen Vorschläge, wie etwa Kindergartenausbau, neue Karenz- und Gleitzeitmodelle. Wie aber soll man überhaupt planen, ein Kind zu haben, wenn es keine Arbeitsplatzsicherheit mehr gibt? Solche Fragen aber werden nicht gestellt. Ich nenne es deshalb die Vereinbarkeitslüge.
Was sollte der Staat tun?
In aller Kürze sei dazu gesagt: Das, was Mütter leisten, ist ganz klar ökonomisch. Berechnungen dazu gibt es seit langem. Ungefähr die Hälfte des Bruttonationalprodukts wird unentgeltlich in der Familie geleistet. Das passiert stillschweigend. Und in der Politik krankt es schon einmal daran, dass die Kleinfamilie zum Modell aller Gesetzgebung genommen wird.
Zurück zur Kleinfamilie: Die Basis ist heute die romantische Liebe. Das halten Sie für nicht zeitgemäß.
Die dauerhafte Liebesbeziehung bis ans Ende unserer Tage ist die Ausnahme von der Regel. Behauptet wird aber ständig das Gegenteil. Die Jungen tappen voll rein in dieses Klischee. Und suchen ewig nach dem Richtigen. Wer es nicht schafft, scheitert. Die Heilsversprechen der Moderne sind: Heirat, Haus oder Wohnung, zwei Kinder und Job. Damit sind wir unser Leben lang beschäftigt. Die Generation der Ende 20- bis Ende 40-Jährigen hetzt nur noch zwischen Arbeit und Wohnstatt und Kinderbetreuungsplatz hin und her. Die Mütter und Väter müssen „funktionieren“ und können sich keine grundsätzlichen Fragen nach der Sinnhaftigkeit mehr leisten. Am Wochenende sind sie erschöpft und müssen sich erholen, sodass sie unter der Woche weitermachen können. Da bleibt keine Energie, um das zu hinterfragen.
Was muss sich ändern?
Wir müssen individuell anfangen, Familie anders zu denken. Und das am besten, bevor man Kinder bekommt. Wie kann man ein Umfeld schaffen, in dem man gemeinsam ein Kind erzieht. Matrilineare Gesellschaften leben andere Modelle vor. Sie gehen davon aus, dass die Verquickung von romantischer Liebe und ökonomischer Abhängigkeit fatal ist. Sie sehen sexuelle Beziehungen als private Angelegenheiten, die nichts mit dem sicheren Aufwachsen von Kindern zu tun hat. Und sie halten es für unerlässlich, dass für Kinder mehrere Personen zuständig sein müssen.
Wie kann man das erreichen?
Im ersten Schritt muss man vom „Glauben abfallen“, wie ich es nenne. Man muss aufhören zu glauben, dass die Kleinfamilie die ideale Form sei.
Was ist dann die ideale Form?
Mit Idealen und Normen muss man aufpassen. Die gibt es eben nicht. Ich will auch nicht zurück zur Großfamilie. Das sind dann womöglich mehrere unglückliche Paare unter einem Dach. Eine in afrikanischen matrilinearen Verhältnissen aufgewachsene Kollegin hatte sechs Tanten. Sie hat sie alle Mutter genannt, weil es das Wort „Tante“ in ihrer Sprache gar nicht gibt. Erst mit sechs Jahren hat sie erfahren, wer ihre leibliche Mutter ist. Das ist sozusagen das Gegenteil des deutschsprachigen Mutterideals. Hierzulande herrscht zur Isoliertheit der Mutter zudem der „Mummy War“, bei denen Mütter und Nicht-Mütter gegeneinander ausgespielt werden – nach der alten Strategie des Spaltens und Herrschens. Die so erzielte Entsolidarisierung von Müttern ist dramatisch und muss ein Ende haben.
ZUR PERSON
Mariam Irene Tazi-Preve, geboren 1961 in Innsbruck, ist Politikwissenschaftlerin und Autorin. Sie lehrt an der University of New Orleans und hält international Vorträge. 2017 erschien ihr neues Buch „Das Versagen der Kleinfamilie – Kapitalismus, Liebe und der Staat“. Sie lebt in den USA und in Wien und hat einen erwachsenen Sohn.